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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 5 (May 15, 1966)

Schneider, Dieter
Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung,   pp. 16-17


Page 16

Bebel schildert diese Begebenheit in 
seinen Lebenserinnerungen. Nach seinen 
Worten hatten Spier und York große Be- 
denken, sofort etwas gegen die Diktatur 
des Lassalle-Nachfolgers und Präsiden- 
ten des Allgemeinen Deutschen Arbeiter- 
vereins, Johann Baptist von Schweitzer, 
zu unternehmen. Vor allem York fiel der 
Entschluß, diese erste deutsche Arbeiter- 
partei zu verlassen, schwer. Nachdem er 
sich aber dazu durchgerungen hatte, weil 
er einsehen mußte, daß es unmöglich 
sein würde, die sektenhaft anmutende 
Partei Lassalles von innen heraus zu 
reformieren, setzte er sich mit allen sei- 
nen Kräften für die Sozialdemokratische 
Arbeiterpartei ein. 
York wurde 1871 ihr erster besoldeter 
Parteisekretär und leistete - trotz eines 
sich mehr und mehr verschlimmernden 
Nierenleidens - hervorragende Agita- 
tionsarbeit. Sein früher Tod in den Mor- 
genstunden des 1. Januar 1875 brachte 
der jungen deutschen Arbeiterbewegung 
einen schmerzlichen Verlust. 
York, am 13. Mal 1830 in Breslau geboren, 
wurde, wie sein Vater, Tischler. Während 
seiner Wanderschaftquer durch Deutsch- 
land lernte der Geselle die von bürger- 
lichen Demokraten ins Leben gerufenen 
Arbeiterbildungsvereine kennen. In Har- 
burg legte York den Wanderstab aus der 
Hand. Er erwarb sich sehr schnell das 
Vertrauen der Arbeiterschaft der unteren 
Elbstädte und war bald der unumstrittene 
Repräsentant des radikalen Flügels der 
Arbeiterbildungsvereine im Norden. 
Alle die ihn kannten, lobten seine hohe 
Intelligenz und seinen außergewöhn- 
lichen Lerneifer. Franz Mehring beschreibt 
ihn in seiner ~Geschichte der deutschen 
Sozialdemokratie" als einen kühnen und 
trotzigen Proletarier, dem es auf den Vor- 
wurf der Widerhaarigkeit wenig ankam, 
wenn es galt, die Selbständigkeit der 
Arbeiterbewegung zu sichern. Ein ähn- 
liches Zeugnis stellt ihm Bebel aus, der 
von einem knorrigen und eigenwilligen 
Charakter, einem unermüdlichen, höchst 
opferwilligen Mann spricht. 
Ein Suchender 
Dabei vertrat York um diese Zeit nicht 
einmal ausgeprägte sozialistische Ideen. 
Noch war er- gleich vielen anderen - ein 
Suchender. Wichtige Eindrücke empfing 
er allerdings 1862 in London. Er gehörte 
damals zu jenen zwölf Arbeitern, die auf 
Kosten des Nationalvereins als Vertreter 
der Arbeiterbildungsvereine zur Welt- 
ausstellung reisen durften. An der Them- 
se konnte York Verbindungen zu Arbei- 
tervertretern verschiedener Länder knüp- 
fen, vor allem aber lernte er den Kommu- 
nistischen Arbeiterbildungsverein und 
seine führenden Köpfe kennen. 
Ein Jahr später befand sich York unter 
den zwölf Delegierten, die am 23. Mai 
1863 in Leipzig den Allgemeinen Deut- 
schen Arbeiterverein gründeten. Ferdi- 
nand Lassalle, Verfasser des ~Offenen 
Antwortschreibens", wurde Präsident 
der ersten deutschen Arbeiterpartei. Den 
wichtigsten Programmpunkt bildete die 
Forderung nach dem allgemeinen, glei- 
chen, direkten und geheimen Stimm- 
recht. Bereits in der Gründungsver- 
sammlung des ADAV wandte sich eine 
demokratische Opposition gegen die im 
Vereinsstatut vorgesehene schranken- 
lose Präsidialgewalt, die später - unter 
Lassalles Nachfolger von Schweitzer - 
so verhängnisvolle Folgen haben sollte. 
Aber die Delegierten aus Hamburg und 
Harburg, um die es sich dabei handelte, 
setzten sich mit ihren Wünschen nicht 
durch. Schließlich demonstrierte YoKk 
York gehörte dem Vorstand des Allge- 
meinen Deutschen Arbeitervereins an 
und versah in Harburg die Funktion des 
Bevollmächtigten. Um die Zeit des Allge- 
meinen Deutschen Arbeiterkongresses 
1868 in Berlin, der den Aufbau der Ge- 
werkschaften im Lager der Lassalleaner 
einleitete, begann er, seine Berufskolle- 
gen für den Gewerkverein Deutscher 
Holzarbeiter zu werben. Er wurde Prä- 
sident dieser Organisation, dem frü- 
hesten Vorläufer des Deutschen Holz- 
arbeiterverbandes und der heutigen Ge- 
werkschaft Holz. 
Als sich York an der Gründung der So- 
zialdemokratischen Arbeiterpartei be- 
teiligte, verstand es Schweitzer, ihn aus 
dem Gewerkverein Deutscher Holzarbei- 
ter herauszudrängen. York qrganisierte 
fortan die Holzarbeiter im Lager der Eise- 
nacher und gründete die Gewerkschaft 
der Deutschen Holzarbeiter mit dem Sitz 
in Altona. 
Gleich vielen anderen verantwortungs- 
bewußten Köpfen aus der Frühzeit der 
Arbeiterbewegung vermochte sich York 
mit der Spaltung der Partei in zwei Frak- 
tionen nicht abzufinden. Sein Sinnen und 
Trachten war darauf gerichtet, den Allge- 
meinen Deutschen Arbeiterverein und 
die Sozialdemokratische Arbeiterpartei 
miteinander zu verschmelzen. Obwohl er 
schwer unter seiner Krankheit litt und 
zuletzt nicht mehr ohne Hilfe gehen 
konnte, nahm er 1874 noch an den ersten 
vertraulichen Gesprächen teil, die den 
Zusammenschluß der beiden Arbeiter- 
dabei auf Engstirnigkeit und Unver- 
ständnis. 
Man muß sich die damalige Situation 
plastisch vorstellen: Nur eine kleine Min- 
derheit hatte sich gewerkschaftlich orga- 
nisiert. Dieser Minderheit wiederum 
mußte gut zugeredet werden, sich zu 
einheitlichem Handeln aufzuraffen. Lo- 
kale Gewerkschaftsgrößen wollten kein 
Zipfelchen ihrer Macht abgeben. Häufig 
wurde über kleinlichem Streit das We- 
sentliche vergessen. Das kostete Kraft. 
York hat dabei alles gegeben. 
Etwas anderes kam hinzu. Beachtliche 
Teile der Mitgliedschaft in den Gewerk- 
schaften der Eisenacher Richtung hatten 
sich von den Lassalleanern aus Protest 
gegen die diktatorische Führung des 
Vereinspräsidenten von Schweitzer ge- 
trennt. Sie mißtrauten jeglicher zentraler 
Autorität, mochte sie auch noch so be- 
scheiden angelegt sein. Yorks Pläne, die 
neben einem gemeinsamen Zusammen- 
gehen und Zusammenwirken natürlich 
gewisse Vollmachten für die Spitze vor- 
sahen, weckten ihren Widerstand. 
Im ,Volksstaat" vom 19. April 1871 nennt 
York das Kind beim Namen: ..... wir 
(haben) im verflossenen Jahre sattsam 
Gelegenheit gehabt zu beobachten, wo- 
hin es führt, wenn in einer Stadt jede 
winzige Mitgliedschaft in absolutester 
Unabhängigkeit von der womöglich noch 
kleineren Mitgliedschaft einer anderen 
Gewerkschaft ihre eigenen Wege geht 
Durch das vollständige Isoliertsein der 
Gewerkschaften ist es nun dahin gekom- 


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