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The History Collection

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Jahrgang 19, Nr. 5 (May 15, 1966)

Brandt, Oscar Peter
Die Schule der Zukunft,   pp. 14-15


Page 15

stellt. ~Das ist der Nachwuchs, wie wir 
hn uns so sehr wünschen und drin- 
gendst brauchen", sagen die Manager 
on Industrie und Wirtschaft. ~Wo gibt 
es schon Fachkräfte mit einer guten All- 
gemeinbildung, die zudem auch die eng- 
ische und sogar ein wenig die russische 
Sprache beherrschen. Das sind die jun- 
gen Menschen, die wir auch auf den vie- 
en Arbeitsstellen Im Ausland einsetzen 
können. Jeder von ihnen hat sozusagen 
den Marschallstab im Tornister." 
Akademiker mit Fachausbildung 
Einige der Jungen und Mädchen können 
nach Abschluß dieser zwölfjährigen 
Schulzeit in zwei weiteren Jahren die 
Hochschulreife erlangen und anschlie- 
ßend studieren. Diese Möglichkeit ist an 
der Hiberniaschule ab Ostern 1966 durch 
die Einrichtung des ,Hibernia-Collegs" 
gegeben. Dort werden die ~Studieren- 
den" nicht in erster Linie aufs Abitur 
büffeln, sondern sie erhalten Anleitung 
zu selbständigem Studieren und Erarbei- 
en des Wissensstoffes, wie das für die 
Universität gebraucht wird. Die Berufs- 
ziele der Studierenden lauten z. B.: Archi- 
ekt, Dipl.-Ingenieur, Dipl.-Chemiker, 
Physiker, Lehrer, Diplomat, Volkswirt. 
Das sind dann später Akademiker, die 
auch alle den Gesellenbrief und eine 
Fachausbildung in der Tasche haben - 
Menschen, die das Arbeitsleben aus 
eigener Anschauung kennen, die stets 
Kontakt zu allen Schichten der Bevöl- 
kerung haben. 
Andere wieder wollen Bildhauer, Innen- 
architektinnen, Maler werden oder sich 
n anderen künstlerischen Berufen be- 
ätigen. Es war die Schule, die ihnen die 
künstlerischen Impulse gab und ihre Be- 
gabungen entdeckte, sie aber auch hegte 
und pflegte. ,In zwölf Schuljahren", 
sagen die Lehrer und Lehrerinnen, <hat 
man die Möglichkeit, die Kinder sorgfältig 
zu beobachten und auf ihre besonderen 
Fähigkeiten einzugehen. Wir sind erfreut, 
estzustellen, wie viele Begabungen es 
unter unseren jungen Menschen gibt. 
Bisher fielen sie sozusagen unter den 
Tisch." 
Die Experten stellen fest, daß die Aus- 
bildung in der Hiberniaschule genau dem 
entspricht, was heute durch die tech- 
nische Entwicklung gefordert wird, wo- 
gegen die traditionellen Volksschulen 
diesen Anforderungen bei weitem nicht 
mehr gewachsen sind. Und sie sagen 
mit Nachdruck: <Schulen solchen oder 
ähnlichen Typs müßten wir in jeder 
deutschen Stadt haben. Wir versündigen 
uns an unserer Jugend, wenn wir ihr 
nicht - wie es bei der Hiberniaschule 
leider nur im Einzelfall geschieht - die 
bestmögliche Ausbildung geben." Sie 
verweisen auch darauf, daß in den USA 
von 100 Jugendlichen 66 eine Vollzeit- 
schule besuchen. In der Sowjetunion 
sind es auch bereits 53, in anderen west- 
europäischen Ländern 40 von hundert. 
Das Schlußlicht mit nur 17 von hundert 
bildet die Bundesrepublik. Das Wort 
vom Bildungsnotstand ist nur allzu be- 
rechtigt. 
Modell für Entwicklungsländer 
Auch viele Experten - unter ihnen Kultus- 
minister - aus den lateinamerikanischen 
und afrikanischen Staaten, aus den Län- 
dern des Nahen, Mittleren und Fernen 
Ostens kommen nach Wanne-Eickel. Ihr 
Urteil: ,Dieses Modell einer Jugend- 
schule, wie sie bisher einmalig auf der 
Welt ist, möchten wir lieber heute als 
morgen auch für unsere Länder haben. 
Aber dazu brauchen wir auch jenen be- 
sonderen Typ von Lehrkräften, wie er an 
der Hiberniaschule lehrt." 
Wann wird das Beispiel, das in Wanne- 
Eickel auf Grund der Initiative einiger weit- 
sichtiger Pädagogen gegeben wurde, 
Schule machen? Die USA geben 6,2 v. H. 
ihres Sozialproduktes für die Heranbil- 
dung der Jugend aus, die Sowjetunion 
6 v.H., in den Niederlanden und Schwe- 
den sind es 5,9 v.H. Wieder steht die 
Bundesrepublik am Ende: nur 3,8 v.H. 
Die Eltern der Jungen und Mädchen, die 
die Hiberniaschule besuchen, sagen: 
<Wir freuen uns, daß unsere Kinder eine 
Ausbildung erhalten, von der wir vor 
wenigen Jahren nicht einmal zu träumen 
wagten. Noch eines: unsere Jungen und 
Mädchen gehen gern zur Schule. Bei 
diesem System hätten wir Lust, noch 
einmal von vorn zu beginnen." 
Zu bedauern ist eines: Anmeldungen - 
auch für das der Hiberniaschule ange- 
gliederte kleine Internat - sind leider 
kaum mehr möglich. Alle Klassen sind 
voll belegt - jedes Jahr müssen viele 
Interessenten abgewiesen werden. 
In der Bergarbeiterstadt Wanne-Eickel 
wurde ein neuer Weg gewiesen. Wann 
werden alle Kinder von Arbeitern und An- 
gestellten und Beamten eine so gute Aus- 
bildung erhalten? Eine Frage, die nicht 
oft und nicht laut genug immer wieder 
gestellt werden muß. 


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