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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 5 (May 15, 1966)

Baumann, Willi
...und streichen der Jugend ihren Urlaub,   p. 12 and 13


Page 12 and 13

U ntersuchungen haben es an den Tag 
Ilgebracht: Der Schutz der Jugend vor 
den Gefahren der Arbeitswelt wird in der 
Bundesrepublik bis heute nicht sonder- 
lich ernst genommen. Dies muß um so 
mehr befremden, als man die Jugend in 
anderen Bereichen sehr wohl zu hofieren 
weiß. Man denke nur an die Werbung, 
die einen guten Teil ihrer Verlockungen 
recht geschickt auf die Altersgruppe 
zwischen 15 und 25 abzielt. Dabei ist es 
freilich weniger das Alter, das die Wer- 
ber so sehr fasziniert, als vielmehr die 
Kaufkraft, über die diese Käuferschicht 
verfügt. Und so läßt man sich denn eine 
ganze Menge einfallen, um an den Geld- 
beutel der Jugendlichen heranzukom- 
men. Man prägt gänzlich neue Typen und 
diktiert ihnen, was sich schickt. Man 
kleidet ganze Altersgruppen ein und ver- 
paßt gleichzeitig Verhaltensweisen - ge- 
wissermaßen als Gratisbeigabe. Man 
offeriert Ferienreisen und Zigaretten, 
Frisiercreme und Spirituosen, Freizeit- 
hemden, Fahrzeuge und was es sonst 
immer sein mag am erfolgreichsten, in- 
dem man alles mit dem Anhauch des 
Jugendlichen, des Jugendgemäßen ver- 
sieht. Die Folge: Wer auf sich hält, der 
gibt sich jugendlich. Jung sein ist fort- 
schrittlich. Der Jugend gehört die Welt. 
Mit einer Ausnahme allerdings, nämlich 
am Arbeitsplatz. Wie hier an der Ge- 
sundheit der Jugendlichen gesündigt 
wird, das muß man schlicht als erschrek- 
kend bezeichnen, und es steht in krassem 
Widerspruch zu all den sonstigen Be- 
mühungen um die nachwachsende Ge- 
neration. So hat es zuerst schon einmal 
jahrelanger Interventionen bedurft, bis 
man sich in Bonn zur Verabschiedung 
eines Jugendarbeitsschutzgesetzes ent- 
schließen konnte. Das war im Jahre 1960. 
Bis dahin galten zum Schutze der arbei- 
tenden Jugend - man höre und staune - 
die Paragraphen jenes Gesetzes, das in 
der glorreichen Zeit des ~Tausendjähri- 
gen Reiches" geboren wurde. Kein Wun- 
der, daß ein großer Kreis aufgegilosse- 
ner Leute - Ärzte, Berufsausbilder, Ju- 
gendfürsorger, Lehrer und viele andere - 
sich mit allem Nachdruck für ein neues, 
ein zeitgemäßes Gesetzeswerk einge- 
setzt haben. Vor allem die Gewerkschaf- 
ten hatten sich dieses Anliegen zu eigen 
gemacht, haben eine Gesetzesvorlage 
erarbeitet und unermüdlich Aktionen ge- 
startet. Aber was all die Demonstratio- 
nen und Veröffentlichungen, was öffent- 
liche Diskussionen und selbst Briefe an 
die Bundestagsabgeordneten nicht ver- 
mochten, das kam schließlich angesichts 
der bevorstehenden Bundestagswahlen 
von 1961 zustande: Ein Jugendarbeits- 
schutzg.setz wurde verabschiedet, das 
zwar noch so manches zu wünschen 
übrig ließ, das aber immerhin einen er- 
heblichen Fortschritt gegenüber den vor- 
herigen Bestimmungen bedeutete. 
Es hat schon seine guten Gründe, wenn 
wir uns heute noch einmal auf diese Vor- 
gänge entsinnen. Lenn es gab schon 
gleich nach der Verabschiedung genü- 
gend kritische Stimmen, die ihre Sorgen 
unverblümt aussprachen. Erstens, so 
sagten sie, ist das Gesetz ein Werk von 
unglücklichen Kompromissen, was man 
unschwer an so mancher unklaren For- 
mulierung erkennen kann. Und zweitens 
sei zu befürchten, daß viele Unternehmer 
es mit der Einhaltung dieser Vorschriften 
nicht allzu genau nehmen würden. Diese 
Kritiker sollten recht behalten. Heute 
weiß man, was damals noch Vermutun- 
gen und Befürchtungen waren: Die Vor- 
schriften des Jugendarbeitsschutzge- 
setzes werden seither in einem Ausmaß 
übertreten, daß einem angst und bange 
werden kann. 
Inzwischen wurden in einigen Bundes- 
ländern Befragungen durchgeführt, und 
zwar bei einem so großen und gemisch- 
ten Kreis von Jugendlichen, daß man die 
Ergebnisse durchaus als repräsentativ 
bezeichnen darf. Gleichzeitig darf man mit 
Sicherheit annehmen, daß die Verhält- 
nisse nicht besser sind in den übrigen 
Ländern, die derartige Erhebungen bis- 
her unterlassen haben, wohlweislich. 
Aber kommen wir erst mal zu den vor- 
liegenden Ergebnissen, die so aussehen: 
Von mehr als 12000 befragten Jugend- 
lichen in Hessen, wovon ein Drittel jün- 
ger als 16 Jahre ist und mehr als die 
Hälfte zwischen 16 und 18 Jahre alt ist, 
geben nahezu 18 v.H. an, daß sie vor Ein- 
tritt ins Berufsleben nicht ärztlich unter- 
sucht worden sind. Noch schlechter sieht 
es aus bei der ebenfalls gesetzlich vor- 
geschriebenen Nachuntersuchung, die 
nach Beendigung des ersten Beschäfti- 
gungsjahres zu erfolgen hat. Bei an- 
nähernd zwei Drittel(!) der Befragten fand 
eine derartige Nachuntersuchung nie 
statt. Ähnliche Ergebnisse kamen bei einer 
Umfrage des DGB in Baden-Württem- 
berg zutage, wo sich außerdem noch her- 
ausstellte, daß einem erheblichen Pro- 
zentsatz der Jugendlichen die Bestim- 
mungen des Jugendarbeitsschutzgeset- 
zes gar nicht bekannt sind. Eine Erklä- 
rung dafür liefert bereits das Ergebnis 
der nächsten Frage: Nur in jedem zweiten 
Betrieb ist das Gesetz im vollen Wort- 
laut ausgehängt, was indes auch Vor- 
schrift ist. 
Nicht minder schaurig sind die weiteren 
Ergebnisse derartiger Befragungen. Da 
gibt es doch tatsächlich heute noch Be- 
triebe, wo wöchentliche Arbeitszeiten 
für die Lehrlinge bis zu 70 Stunden und 
darüber zur Gewohnheit geworden sind. 
Oberhaupt stellt man fest, daß vor allem 
gegen die Bestimmungen der Arbeits- 
zeit mit Vorliebe verstoßen wird. Weiter 
gibt es da Firmen, die nichts Ungewöhn- 
liches daran finden, wenn sie Jugend- 
liche unter 18 Jahren fortwährend mit 
Fließband- oder Akkordarbeiten  be- 
schäftigen. Da gaben nicht weniger als 
13,4 v. H. der Befragten an, sie wären 
mehrmals  vom   Berufsschulunterricht 
ferngeblieben, weil sie vom Betrieb da- 
von abgehalten wurden. Und da schämen 
sich zahllose Lehrherren nicht, ihren 
Lehrlingen einen Teil ihres Jahresur- 
laubs vorzuenthalten. Ja, manche ma- 
chen da kurzen Prozeß und streichen den 
Urlaub gleich vollends. 
In diesem Stil geht das munter weiter. Ob 
es sich um Ruhepausen oder Sonntags- 
arbeit, um die Einhaltung der Nacht- 
ruhe oder um beliebige weitere Vor- 
schriften handelt - die Ergebnisse sind 
immer die gleichen. Allerorts wird be- 
denkenlos gegen das Jugendarbeits- 
schutzgesetz verstoßen, daß es ein wah- 
rer Graus ist. Dabei ist es nachgerade 
interessant, die Randerscheinungen bei 
derartigen Befragungen zu registrieren. 
So hat zum Beispiel das Kultusministe- 
rium von Baden-Württemberg seine Er- 
laubnis verweigert, die Umfrage in den 
Berufsschulen durchzuführen. Nicht min- 
der aufschlußreich ist es, wenn man die 
Ergebnisse nach Betriebsgrößen auf- 
gliedert. Hier zeigt sich deutlich, daß ge- 
rade die Klein- und Mittelbetriebe viel- 
fach noch zäh an ihren Vorstellungen 
über eine  Berufsausbildung  festhal- 
ten, die noch aus dem letzten Jahrhun- 
dert stammen. 
Wie gesagt, es ist geradezu erschrek- 
kend, wie verantwortungslos hier mit der 
Jugend umgesprungen wird. Dabei muß 
noch berücksichtigt werden, daß derarti- 
ge Untersuchungen noch gar nichts dar- 
über aussagen, wie die eigentliche Be- 
rufsausbildung, also die Art der Be- 
schäftigung, aussieht. Man geht gewiß 
nicht fehl in der Annahme, daß hier die 
Verhältnisse um keinen Deut besser sind- 
eher dürfte das Gegenteil zutreffen. Und 
so kommt man dann unweigerlich zu dem 
Schluß, daß man bei uns zulande die Ju- 
gend recht widersprüchlich behandelt. 
Einerseits wird sie hofiert, mit allen er- 
denklichen  Raffinessen  verlockt und 
scheinbar bevorzugt - solange sich Geld 
dabei verdienen läßt. Geht es aber dar- 
um, derselben Jugend eine ordentliche, 
zeitgemäße Berufsausbildung zu vermit- 
teln, dann hört schlagartig jedes Ver- 
ständnis auf. Da wird rigoros gefordert 
und ausgebeutet, da wird buchstäblich 
Raubbau getrieben mit der Gesundheit 
von Halbwüchsigen, da schert man sich 
einen Dreck um Recht und Gesetz. Auch 
hier zählt offenbar nur der Profit. 
Weiß Gott, es ist höchste Zeit, daß gegen 
diese Doppelzüngigkeit etwas unternom- 
men wird. Die Ergebnisse der vorliegen- 
den Befragungen sollten Anlaß genug 
sein, um seitens der Verantwortlichen 
wirksame Maßnahmen einzuleiten. Ein 
Schritt dazu könnte die bessere Beset- 
zung der Gewerbeaufsichtsämter sein, 
damit eine regelmäßige Kontrolle und 
natürlich auch eine gehörige Bestrafung 
der betreffenden Betriebe erfolgen kann. 
In diesem Zusammenhang ist es immer- 
hin erfreulich, daß man aus dem Munde 
des Bundesarbeitsministers Katzer h'- 
ren kann, daß er die Verstöße verurteilt und 
zudem für eine stärkere Publizierung des 
Jugendarbeitsschutzgesetzes  sorgen 
will. Erfreulich auch, daß dem Bundestag 
jetzt ein Entwurf vorliegt, der eine rigo- 
rose Unterbrechung des Lehrverhältnis- 
ses vorsieht, falls die ärztliche Nach- 
unterguchung versäumt wird. Wenn- 
gleich derlei Maßnahmen recht drastisch 
erscheinen mögen, so dürfte dies doch 
die richtige Antwort sein. Gehalten in 
einer Sprache, die von den betreffenden 
Unternehmern auch sicher verstanden 
wird i 
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