University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 5 (May 15, 1966)

Baby statt Puppe,   p. 4


Wann ist die Schule wirklich vorbei?,   p. 4


Die Barden vom Café "Wostok",   p. 4


Page 4

Wann ist die Schule wirklich vorbei? 
kurzschrft" sollte nebst ,Kautmänni- 
scher Buchführung" zum Teufel gehen. 
Oberall geschieht jetzt ähnliches: ~Bü- 
cherverbrennungen" nach bestandenem 
Abitur und symbolisches Zerfleddern 
letzter Mathematikhefte sind Mode ge- 
worden. Und eine Klasse tiefer wartet 
man schon jetzt mit Sehnsucht, daß man 
dies im nächsten Frühjahr ebenfalls tun 
darf. Aber wer weiß schon, wie viele 
Bücherverbrenner im Laufe der nächsten 
Wochen und Monate stillschweigend 
hingehen werden, um Verbranntes und 
sich recht bald vor die Notwendigkeit 
gestellt, das mißmutig angenommene 
Schulwissen aus freiwilligem Antrieb 
aufzuforsten. Der Konkurrenzkampf ist 
gerade unter jungen Leuten heute uner- 
bittlich. Das Rennen macht, wer schnel- 
ler Kurzschrift schreibt, das bessere Eng- 
lisch spricht und die leidige Mathematik 
auch ohne Rechenschieber noch be- 
herrscht. Zwar merkt man bald, daß viel 
Schulwissen überflüssig war, aber ande- 
res blieb unvollständig. Und seufzend 
versenkt man sich wieder in die Bücher. 
setzung verlangt eine Abschlul$prütung, 
gegen die das Abitur ein Zuckerlecken 
war. Auch wer keinen sonderlichen be- 
ruflichen Ehrgeiz entwickelt, wird bald 
merken, daß er wohl oder übel weiter- 
lernen muß, wenn er nicht hoffnungslos 
hintendran bleiben will. Die Stenotypistin 
wird bald sehen, daß heute jede zweite 
~ungelernte Bürohilfskraft" Stenografie 
und Schreibmaschine zu erlernen sucht. 
Und eines Tages ersetzt einen das bis 
dahin kaum beachtete Fräulein Meier, 
während man im Urlaub auf Mallorca 
einen Berut und stehen plötzlich vor di 
Tatsache, wesentlich mehr ,pauken" z 
müssen als jene, die es ein bißchen laä 
ger ausgehalten haben. Also darf dii 
Bücher eigentlich nur verbrennen ode 
im Rhein versenken, wer als junges Mäd 
chen heiratet und sich schwört, niemali 
einen Beruf zu ergreifen? Leider ist auci 
das eine Illusion. Sie zerrinnt spätesteni 
an dem Tag, an dem der Sprößling fragt 
<Papa hat keine Zeit! Mama, verstehs 
du das mit der Quadratwurzel?" 
(NP) 
Die Barden vom Cafe ,,Wostok" 
Aus Leningrad erreichte uns diese 
Reportage der Russin Galina Silina. 
Wir drucken den Bericht in fast wört- 
licher Übersetzung ab, weil wir glau- 
ben, daß es Interessant ist zu wissen, 
wie man heute in der Sowjetunion 
Jugendreportagen schreibt. 
m Stadtinnern Leningrads gibt es ein 
kleines gemütliches Cafd, das den Na- 
men .Wostok" trägt und immer voll von 
Jugendlichen ist. Hier wird nicht getanzt. 
Jungen und Mädchen sitzen an bunten 
Tischchen, die oft zusammengerückt 
werden. Man sitzt bei herbem Wein, 
schwarzem Kaffee und lutscht Bonbons. 
Es werden Gedichte vorgetragen und 
Lieder gesungen. Neulich erlebte ich 
einen Wettstreit von Laientondichtern 
oder Barden, die wir nach den Minne- 
sängern im England früherer Jahrhun- 
derte Minstrels nennen. 
Junge Leute in Joppen oder Pullis traten, 
jeder mit seiner Gitarre, an das inmitten 
der Tischchen stehende Mikrophon und 
sangen die selbst gedichteten Lieder vor. 
Ein blonder, großer Bursche stellte sich 
,als Juri Kukin vor. ~Ich komponierte vor 
kurzem ein neues Lied. Es heißt,Miragen'. 
Ich singe es zum erstenmal öffentlich." 
Mir ging der Gedanke durch den Kopf, 
daß Jugendliche dieses Lied bald am 
Lagerfeuer, während der Wanderungen 
und Partys singen, aber kaum wissen 
werden, wer sein Autor ist. 
Kukin wurde von Boris Poloskin am Mi- 
krophon abgelöst. Boris zog seine Joppe 
aus, weil er sich im Caf6 genauso unge- 
zwungen fühlt wie zu Hause. Hier kennt 
man seine Lieder schon. Deshalb stellte 
er nur einige noch unbekannte neue zur 
Diskussion. Ein Lied war den Verschol- 
lenen des letzten Krieges gewidmet. Mag 
sein, daß unter den jungen Leuten im 
Caf6 auch solche waren, deren Väter oder 
Brüder aus dem Krieg nicht heimgekehrt 
sind. Mag sein, daß bei Poloskin selbst 
die Familie nach dem Sieg nicht voll- 
ständig am Tisch zusammenkam. Jeden- 
falls klang das Lied ergreifend, und alle 
hörten Boris' Gesang mit angehaltenem 
Atem an. 
Boris Poloskin, 33 Jahre alt, ist Physiker, 
absolvierte die Leningrader Polytech- 
nische Hochschule, eine der ältesten 
Lehranstalten des Landes. Er arbeitet 
heute als wissenschaftlicher Assistent 
im  Physikalisch-technischen Joffe-In- 
stitut. Er liebt seine Arbeit, denn natür- 
lich lieben alle modernen Minstrels, 
denen ich begegnete, ihren Hauptberuf. 
Poloskin ist Meister des Sports. Er durch- 
wanderte die ganze Sowjetunion, bestieg 
den Tienschan, fuhr über viele Flüsse 
mit Paddelbooten und legte lange Strek- 
ken in der Sandwüste zurück. Eben dieses 
Wandern beschwingt ihn in seinem dich- 
terischen Schaffen. ,Mitunter ist das 
Wandern so beschwerlich, daß man gar 
nicht dazu kommt, zu singen oder gar zu 
dichten", erzählte mir Boris. ~Meine Lie- 
der entstanden jeweils erst nach der 
Rückkehr." 
Das Schaffen von Juri Kukin ist ebenfalls 
mit Wanderungen verbunden. Er ist Eis- 
lauftrainer. Im  Winter trainiert er 
Schulkinder, im Sommer begibt er sich 
auf Expeditionen. ~Jeder, der an Wande- 
rungen teilnimmt, weiß ein Lied zu 
schätzen", meint Kukin. <Nach einem 
anstrengenden Wandertag, wenn alle 
ermüdet am Lagerfeuer sitzen, beginnen 
glückliche Stunden der Entspannung 
durch die Lieder. Während der Expedi 
tionen begann ich, meine Gedichte vo 
mich hinzusingen. Ich ahnte nicht, daß 
sie später Tausende von Kilometern ent 
fernt gesungen werden würden, daß ict 
sie jemals vor einem Publikum vortraget 
würde." 
Ich könnte noch eine Menge interessan- 
ter junger Leute aufzählen, die alle ir 
,,Wostok" ihre Lieder vortragen. Da is 
z. B. der Leningrader Alexander Gorod 
nutzki. Sein bekanntestes Lied heiß 
~Kanada". Als Alexander Kanada be 
suchte, sah er dort Birken, wie sie auch 
in seiner Heimat wachsen. Diesen Birker 
widmete er sein Lied über Kanada. übri 
gens ist Alexander Geophysiker und 
fährt seit Jahren als Forscher auf der 
Segelschiff ~Krusenstern". 
Was singen diese modernen Barden' 
Sie singen von der Liebe und von innige 
Freundschaft, vom Fernweh. Es sin 
wehmütige und fröhliche Lieder. Sie sin 
stets von tiefem Schmerz oder von de 
Freude des Autors getragen. Und die 
jungen Zuhörer im Caf4 ~Wostok" er 
leben sie mit. 
(NP) 


Go up to Top of Page