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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 2 (February 15, 1966)

Jörg, Karl
Mit 20 in der ersten Klasse,   pp. 4-5


Page 4

Mit 20 in ( 
Abendschüler und Ihr gewerkschaftlich 
. ber dem Saal liegt eine knisternde 
,Stimmung. Nur gelegentlich stört ein 
resignierender Seufzer die gespannte 
Stille. Fast 120 Prüfungskandidaten ver- 
suchen angestrengt, kleine Männchen 
und lustige Figuren. auf ihr Papier zu 
malen. Es gilt, zwischen vorgedruckten 
Punkten Verbindungslinien so geschickt 
zu ziehen, daß Autos, Tiere und Zwerge 
entstehen. 
In diesem Raum malen aber keineswegs 
künftige Künstler. Die Zeichnungen wer- 
den'auch nicht als Probearbeit für einen 
graphischen Beruf benötigt. Sie sollen 
vielmehr Aufschluß geben über den Cha- 
rakter und Fleiß der Teilnehmer, die sich 
zur Aufnahmeprüfung für das Münchner 
Abendgymnasium gemeldet haben. 
Verantwortliche Persönlichkeiten des 
Zweiten Bildungsweges wissen seit lan- 
gem, daß die Schüler nicht nur Latein 
und Mathematik beherrschen müssen. 
Viel wichtiger sind Eigenschaften, die 
schwerlich gelehrt werden können: Aus- 
dauer, Fleiß und Willensstärke. Deshalb 
legt die Prüfungskommission so großen 
Wert auf die Beständigkeit des ein- 
zelnen. 
Die meisten Erstkläßler sehen beim 
Start dem Abendstudium noch etwas 
hoffnungsvoller entgegen. Das verlok- 
kende Ziel und der scheinbar gerade Weg 
liegen ihnen klar vor Augen. Nach vier 
Jahren können sie das Reifezeugnis und 
damit die Berechtigung zum Hochschul- 
studium erhalten. So stehen ihnen dann 
Berufe und Laufbahnen offen, die in der 
Bundesrepublik der überwältigenden 
Mehrheit aller Arbeiterkinder verschlos- 
sen bleiben. Das Abitur ist für viele eine 
schier unüberwindbare Mauer. 
Ein Schüler sagt dazu: <Ich begann als 
Kaufmannslehrling im pharmazeutischen 
Großhandel. Großsprecherisch wie die- 
ser Name klangen auch die Versprechun- 
gen bei Lehrbeginn. Nach sechs Monaten 
hatte ich aber bereits ausgelernt. Von 
nun an verlief alles stupide, eintönig und 
langweilig. Zu einem erfüllten Leben ge- 
hört jedoch weitgehend die Freude am 
Beruf. 
Eigentlich hatte ich vor, nach dem Abitur 
Geschichte und Erdkunde zu studieren. 
Aus unerklärlichen Gründen verlangen 
die Kulturheiligen, daß auch für diese 
Gebiete Lateinkenntnisse erforderlich 
sind. Ich glaube, hinter der Regelung, 
daß man nur mit dem Abitur in der Ta- 
sche die Universität besuchen kann, 
steckt ein handfester Klassenkampf. Ich 
mußte also in den sauren Apfel beißen 
und forderte die Unterlagen vom Stadt- 
schulamt an." 
Dort konnte erlesen, daß der Studierende 
neben dem Schulbesuch zusätzlich eine 
ganztägige Berufsausübung nachweisen 
muß. Erst im letzten Schuljahr hilft die 
Stadt München mit einem Stipendium 
(Höchstgrenze 250 DM) und befreit die 
Schüler von der doppelten Belastung. 
Mit ihm entschlossen sich vor drei Jah- 
ren auch einige Gewerkschaftskollegen 
der IG Druck und Papier, diesen Weg 
zum Abitur anzutreten. Über die viel- 
fältige Problematik konnten sie sich da- 
mals noch kein klares Bild machen. 
Doch bereits im Laufe der ersten Wo- 
chen zeichneten sich ernste Schwierig- 
keiten ab. Vor allem die unerwartet hohen 
Anforderungen an die Aufnahmefähig- 
keit der Schüler verschlechterte das 
Klima. Wie eine Sturmflut rollten Vo- 
kabeln, grammatikalische Regeln und 
mathematische Formeln auf die Betrof- 
fenen los. Dazu bahnten sich in den 
geisteswissenschaftlichen Fächern ge- 
sellschaftspolitische Meinungsverschie- 
Außer diesen gegenseitigen Unterstüt- 
zungen bietet der Arbeitskreis den Schü- 
lern noch weitere Vorteile. Horst Nußer 
erläutert sie im einzelnen: <Vor allem 
Mathematik und Latein machen den 
meisten schwer zu schaffen. In Arbeits- 
gemeinschaften wird jeweils am Sams- 
tagmorgen der Stoff der vergangenen 
Woche wiederholt, vertieft und ergänzt." 
Was bei dem schnellen Vortragsgalopp 
des Lehrers dem Schüler nicht klar und 
verständlich genug wurde, läuft jetzt noch 
einmal ab. Lateinische Sätze, schwierig 
und verschachtelt, verlangen langsames 
und einfühlendes Übersetzen. Zur rich- 
tigen Lösung der Mathematikaufgabe 
führt ein Weg, den jeder logisch verfol- 
gen können muß. Bei der englischen und 
der französischen Sprache verfährt der 
Arbeitskreis praktisch: Aus Tageszei- 
tungen wie dem Manchester Guardian, 
New Statesman, Observer und Expreß 
überträgt man aktuelle Kommentare und 
Berichte, die den weltpolitischen G( 
sichtskreis beträchtlich erweitern. Pete 
Grabowski meint: <Vor allem die franzi, 
sische und britische Presse bringt In 
formationen, die die Sprachregelung d( 
,formierten  bundesdeutschen  Propir 
ganda' offenbaren." 
Außerdem referieren Schüler der oberer 
Klassen vor den Arbeitsgruppen de 
ersten Klasse. Sprachbegabte Kolleger 
aus den Gewerkschaften erteilen kosten 
losen Unterricht in Englisch und Frar 
zösisch. 
Aber auch die Mitglieder geben ii' 
Scherflein dazu. Neben dem Gewerk 
schaftsbeitrag entrichten sie noch einer 
kleinen Beitrag zur Finanzierung der be 
sonderen Vorhaben. Damit werden be 
spielsweise Sprachschallplatten und Bü 
cher angeschafft. In Kürze wird eine Ab 
ziehmaschine gekauft. Dann kann end 
lich verwirklicht werden, was schon lang. 
geplant war: Von allen gebräuchlicher 
aem rrunSlUCK Tanr oer rmollege uerin 
zur Arbeitsstätte. Dort steht er neun 
Stunden am Setzkasten. Anschließend 
geht es mit der Straßenbahn zur Schule. 
Pünktlich um 18 Uhr beginnt der Unter- 
richt. Er dauert drei Stunden. Die fol- 
gende Freizeit gehört der Sprachen- 
paukerei und den Hausaufgaben. Und 
das vier Jahre lang. 
Vielen ist es zu schwer 
Also ist es schon verständlich, wenn ein 
Schüler vorzeitig die Flinte ins Korn 
wirft. Denn ganz natürlich üben die an- 
genehmeren Seiten des Lebens einen 
magnetischen Einfluß aus. 
Der Arbeitskreis versucht deshalb, die 
einzelnen stärker an die Gemeinschaft zu 
binden, damit sie den toten Punkt, an 
dem jeder mindestens einmal steht, doch 
noch zu überwinden. <Wenn es ganz 
schlimm war, holten mich meine Kollegen 
ganz einfach ab", sagte ein Mitglied der 
Gruppe. 
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