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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 4 (April 15, 1966)

Lenz, Siegfried
Man sollte nicht alles lassen, wie es ist,   pp. 18-19


Page 19

!iehen schweigend zur'Schule und um- 
;teilen das Gebäude. Sie fassen sich bei 
len Händen und bilden einen Ring. Sie 
tehen lauschend da, sie erproben hier 
jnd da die Festigkeit des Ringes. Ihre 
ereitschaft, ihre stumme Verständi- 
ung, die Schnelligkeit, mit der sie das 
;chulgebäude'umstellen - alles scheint 
arauf hinzudeuten, daß dies nicht zum 
.rstenmal geschieht. Ruhig stehen sie 
n der Sonne, und dann löst sich der 
Bürgermeister aus dem Ring und geht 
auf das Gebäude zu. Er klopft. Der blinde 
Lehrer von Tekhila öffnet, und der Bür- 
germeister läßt ihn die lederne Augen- 
binde betasten. Der Lehrer bittet ihn ins 
Haus. Er weiß, daß das Haus umstellt ist. 
Er fragt ,wer', und der Bürgermeister sagt 
dein Sohn'. Der Lehrer sagt ,das glaubt 
hr doch selbst nicht', und der Bürger- 
meister darauf wir haben Beweise'. Sie 
eden leise auf dem Flur, einer versucht 
den anderen zu überzeugen oder zu über- 
isten. Der Lehrer bietet unaufhörlich 
Garantien für seinen Sohn an." 
,Was hat er angestellt, der Sohn?" 
ragte der Mann mit der Stahlbrille. 
,Mir kannst du dieses Nest schenken", 
agte der Rothaarige. 
,Während die beiden reden", sagte der 
Korrektor, <erscheint plötzlich der Sohn, 
iein, er ist schon da, er steht oben und 
iört den Männern zu, und auf einmal 
agt er zu seinem Vater: SEs stimmt. Du 
weißt es nicht, aber es ist geschehen: 
Seit dem Unglück damals, als unser 
Boot kenterte und wir gegen die Felsen 
rieben - seit diesem Tag kann ich se- 
ien.-' 
,Steht das so in der Geschichte?" fragte 
er Mann mit der Stahlbrille. 
Nein", sagte der Korrektor, <aber so 
ihnlich, oder doch so. Beide Männer be- 
ehlen dem Sohn, herabzukommen, er 
weigert sich; er bleibt oben auf der Trep- 
e stehen, und da er zu wissen scheint, 
was ihn erwartet, sagt er zum Bürgermei- 
ter: ,Ja, ich kann seit acht Wochen se- 
ien, damit ihr das nur wißt, und seit acht 
Wochen kenne ich Tekhila.' Er fordert 
ie auf, zu ihm hinaufzukommen. Er lädt 
ie höhnisch ein, ihn zu fangen. Der Leh- 
er bespricht sich leise mit dem Bürger- 
meister, und dann steigen beide zu dem 
lungen hinauf, der mühelos vor ihnen 
lieht und der, während er flieht, ihnen 
in Angebot macht." 
SWelch ein Angebot?" fragte der Rot- 
aarige. 
,Morgen könnt ihr's nachlesen", sagte 
er Korrektor. ,Der Junge will ihnen die 
löglichkeiten von Tekhila zeigen, er will 
hnen helfen, noch mehr herauszuholen 
ür sich. Vor ihnen zurückweichend, er- 
ählt er, was er in acht Wochen entdeckt 
lat." 
Und das interessiert sie nicht", sagte 
er Rothaarige. 
Sie verstehn ihn nicht", sagte der Kor- 
ektor. 
Das ist einzusehen", sagte der Rot- 
laarige und ließ seine Karten schnurrend 
iber den Daumen laufen. 
,Jedenfalls treiben sie den Jungen nach 
ben", sagte der Korrektor, <er flieht ge- 
nächlich vor ihnen, und sie folgen ihm 
chweigend und dicht nebeneinander; 
ie treiben oder drücken ihn vor sich her, 
er Junge öffnet das Bodenfenster, nein, 
las ist unwahrscheinlich: Er öffnet ein 
enster, klettert hinaus, hängt mit aus- 
lestrecktem Körper da und läßt sich 
lann fallen. Der Fall, der Aufschlag wird 
von den anderen gehört, sie scheinen 
darauf gewartet zu haben. Sie nehmen 
sich sehr fest bei den Händen. Sie rük- 
ken zusammen. Wie sie da stehen! Mit 
lauschenden Gesichtern, gekrümmt, ei- 
nen Fuß vorgestemmt, als müßten sie 
einen Ansturm auffangen: So stehn sie 
da, während der Junge sich mit schmer- 
zenden Knöcheln erhebt. Er entdeckt den 
Ring, der ihn und das Haus umgibt. Er 
blickt den Kreis der lauschenden Ge- 
sichter entlang, sucht sich zu erinnern: 
Wie heißt der, wer ist dieser, wo ist die 
schwächste Stelle. Dann duckt er sich, 
läuft an, sie hören ihn kommen und ver- 
stärken unwillkürlich den Griff. Der Jun- 
ge wirft sich gegen den Ring. Der Ring 
gibt nach und fängt ihn auf und um- 
schließt ihn: Er steckt drin wie ein Fisch 
in der Reuse. Sie halten ihn fest, nehmen 
ihn in ihre Mitte und warten, bis der Bür- 
germeister zurückkommt." 
<Mit der ledernen Augenbinde", sagte 
der Mann mit der Stahlbrille. 
<Mit der Augenbinde", sagte der Kor- 
rektor. <Aber sie legen ihm die Augen- 
binde noch nicht an. Sie führen oder 
schleppen ihn durchs Dorf, durch Te- 
khila. Sie zögern nicht. Sie wissen, was 
geschehen wird. Alles kommt dir vor wie 
eine Wiederholung. Jedenfalls bringen 
sie ihn raus zu dem alten Schöpfwerk 
draußen vor den Feldern." 
<Da beraten sie", sagte der Rothaarige. 
<Nein", sagte der Korrektor, ~sie bera- 
ten nicht. In der Geschichte beraten sie 
überhaupt nicht. Der Bürgermeister ruft 
nur einen Mann auf. Es ist ein Mann, von 
dem du sofort weißt, der hat einschlägige 
Erfahrungen. Ein Name wird nicht ge- 
nannt. Dieser Mann hat eine gedrehte 
Schnur in der Tasche. Er bindet den Jun- 
gen am Balken des Schöpfrades fest; 
dann legt er ihm die lederne Augenbinde 
an, und während er das tut, merkst du, 
daß sie das gleiche mit ihm selbst ge- 
macht haben, vor langer Zeit." 
<Steht der Junge allein am Balken?" 
fragte der Mann mit der Stalhbrille. 
<Ein Maultier", sagte der Korrektor, <am 
anderen Ende des Balkens ist ein Maul- 
tier festgebunden. Die Männer von Te- 
khila warten, bis alles getan ist. Das Maul- 
tier zieht an, der Junge geht mit, Runde 
für Runde." 
<Wie lange", fragte der Rothaarige, <wie 
lange wird er die Augenbinde tragen?" 
<Solange es nötig ist", sagte der Korrek- 
tor. 
<Vielleicht müssen sie es so machen in 
Tekhila", sagte der Mann mit der Stahl- 
brille. 
~Ja", sagte der Korrektor, ~vielleicht 
müssen sie es." 
~Ich werd' es nachlesen." 
<Viermal wird Tekhila genannt, und je- 
desmal schreibt es sich anders." 
<Das sieht dem Nest ähnlich." 
<Ja, das sieht ihm ähnlich; ich hab' über- 
all nachgeschlagen, ich konnte nichts 
finden." 
~Überhaupt nichts?" fragte der Mann 
mit der Stahlbrille. 
<Doch", sagte der Korrektor, <ein paar 
Namen, die sich so ähnlich anhören wie 
Tekhila." 
Der Rothaarige steckte die Karten ein, 
blickte durch das Abteilfenster und nahm 
seine Aktentasche aus dem Gepäcknetz. 
<Es lohnt sich wohl nicht mehr zu ge- 
ben", sagte er. 
<Nein", sagte der Korrektor, <es lohnt 
sich nicht mehr." 


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