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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 4 (April 15, 1966)

Schäfers, Gottfried
Zwölf Monate täten's auch...,   pp. [10]-11


Page 11

men als Wehrpflichtige und sehen nur 
das, was sie unbedingt tun müssen." 
<Wir wollen doch einmal feststellen", er- 
widert ein Gefreiter, ,daß es letztlich vom 
Ausbilder abhängt. Wenn man aber sieht, 
wie der seine vier oder sechs Jahre ab- 
reißt, nur um hinterher das große Geld zu 
kassieren, färbt dieser Geist auf die 
Rekruten ab." 
<Der geforderte gute Geist müßte bei den 
Unteroffizieren anfangen", ergänzt der 
Gefreite Alfred W. 
SWenn alle richtig mitmachen würden", 
meint ein Fähnrich, <dann könnten wir es 
in 12 Monaten schaffen." 
Ich gebe noch einmal zu bedenken, daß 
es die Bundeswehr mit erwachsenen 
Menschen zu tun hat. Wenn man an deren 
Vernunft appellieren würde, bliebe der 
Erfolg sicher nicht aus. 
Hier sind die Grundsätze der ~Inneren 
Führung" angesprochen, bei deren blo- 
ßen Erwähnung dieTraditionalisten inner- 
halb der Bundeswehr böse abwinken. Von 
zen wird". Heute ist es größtenteils so, 
daß alle Erziehung zum staatsbürger- 
lichen Denken, zum demokratischen Ver- 
halten, um die sich Elternhaus, Schule, 
Jugendverbände und Parteien bemühen, 
bei den jungen Menschen durch die 
18 Monate Bundeswehr zunichte ge- 
macht wird, weil In dieser Zeit autoritäres 
Denken bestimmend ist. 
Volkswirtschaft würde profitieren 
<Die Rekruten der Bundeswehr opfern 
jetzt 18 Monate ihres Lebens, um unserem 
Staat zu dienen. Hinzu kommt, daß sie 
während dieser Zeit eine erhebliche finan- 
zielle Einbuße erleiden, denn sie könnten 
in ihrem Beruf wesentlich mehr ver- 
dienen." 
<Ich hätte fast tausend Mark, und jetzt 
muß ich mit lumpigen hundertfünfzig 
über die Runden kommen !" ergänzt einer 
aus der Runde meine Überlegungen. 
~Unsere jungen Leute sehen zumeist die 
Notwendigkeit der Bundeswehr ein", 
fahre ich fort, <auch wenn viele sie für ein 
notwendiges Übel halten. UnserStaat ver. 
liert jedoch zwangsläufig in ihren Augen 
an Glaubwürdigkeit, wenn er einerseits 
die Rekruten für 18 Monate zur Bundes- 
wehr holt, sie aber andererseits sechs 
Monate davon herumgammein läßt" 
Die Herabsetzung der Dienstzeit würde 
nicht nur dem einzelnen jungen Mann 
finanziellen Vorteil bringen, sondern der 
gesamten Volkswirtschaft zugute kom- 
men. In der Bundesrepublik Deutschland 
herrscht schon seit längerem ein großer 
Mangel an Arbeitskräften. Wenn man die 
Wehrpflichtigen schon nach 12 Monaten 
in ihre Betriebe zurückgehen ließe, dann 
wäre doch beiden geholfen. Meine ent- 
sprechende Frage wird von allen bejaht. 
Es folgt jedoch der Einwand, daß das eine 
Schwächung der Bundeswehr bedeuten 
würde. Diese Frage wird zurückgestellt, 
weil zunächst noch ein weiterer wirt- 
schaftlicher Gesichtspunkt zu bedenken 
ist: <Unsere jungen Leute gammeln min- 
destens sechs Monate lang bei der Bun- 
deswehr. Wenn sie schließlich entlassen 
werden, haben sie sich an das süße 
Nichtstun gewöhnt. Es müßte einmal eine 
wissenschaftliche Untersuchung darüber 
angestellt werden, wie hoch der volks- 
wirtschaftliche Schaden ist, der entsteht, 
weil sich die entlassenen Wehrpflichtigen 
nicht sofort in den Arbeitsprozeß ein- 
fügen können, weil sie (etwas überspitzt 
ausgedrückt) bei der Bundeswehr das 
Arbeiten verlernt haben." 
<Ich kann mir vorstellen, daß man aus 
alter Gewohnheit im Betrieb zunächst 
auch gammeln wird", sagt einer der 
Gesprächsteilnehmer. 
Nicht mehr die Säbelraßler 
<Der politische Druck, der auf Europa 
lastete, als wir die Dienstzeit auf 18 Mo- 
nate erhöhten, ist gewichen. Amerika, 
England und Frankreich glauben nicht 
mehr an eine unmittelbare Bedrohung der 
mitteleuropäischen Front. Sollten wir 
nicht auch deshalb die Dienstzeit wieder 
auf 12 Monate reduzieren?" frage ich. 
<Man kann doch nicht einmal die Dienst- 
zeit auf 18 Monate verlängern, und wenn 
die Krise vorbei ist, sie wieder auf 12 Mo- 
nate heruntersetzen!" erwidert empört 
Stabsunteroffizier Klaus G. 
<Warum nicht!" wirft der Gefreite Wolf- 
gang R. ein. 
Es paßt nicht in das allgemein verbreitete 
Denkschema, wenn man davon spricht, 
die militärischen Anstrengungen einmal 
nicht zu vergrößern, sondern zu verrin- 
gern. Dabei glaube ich nicht, daß die 
Herabsetzung der Dienstzeit auf 12 Mo- 
nate die Stärke unserer Bundeswehr so 
sehr vermindern würde. Außerdem ließe 
sich ein solcher Schritt in Krisenzeiten 
immer wieder rückgängig machen. 
~Aber wenn es ums Militär geht, ist 
Deutschland immer vorneweg!" sagt der 
Gefreite Wolfgang R., und Reserveunter- 
offizier-Anwärter Bernhard K. ergänzt: 
<Unsere NATO-Verpflichtungen haben 
wir hundertfünfzigprozentig erfüllt." 
Damit ist ein weiterer Gesichtspunkt in 
unserem Gespräch berührt. Es geht um 
den Ruf, den wir Deutschen in der Weit 
genießen: man wirft uns vor, besonders 
militaristisch zu sein. Der Gefreite 
Alfred W. meint: 
<Man könnte die Dienstpflicht schon aus 
dem einfachen Grunde auf 12 Monate re- 
duzieren, um allen Völkern zu zeigen: wir 
sind nicht mehr die alten Militaristen, wir 
wollen nicht am lautesten mit dem Säbel 
rasseln." 
Mit dieser Überlegung, die von Einsicht 
in politische Zusammenhänge zeugt, wie 
sie vielen fremd ist, endet unserGespräch. 
Wir trinken das Bier aus und verabschie- 
den uns freundlich voneinander. 
Am nächsten Tag besuche ich noch den 
Jugendoffizier im Stab des 1. Korps in 
Münster, der eigentlich am Rundgespräch 
teilnehmen wollte, aber leider verhindert 
war.ObereutnantHubertusSaß holt mich 
persönlich von der Wache ab. 
Wider das allzu einfache Denken 
Das Gespräch mit Oberleutnant Saß ist 
sachlich. Zum Gammeln meint er: 
~Wer von den Soldaten über den Gam- 
meldienst redet, sollte zuerst sich selbst 
fragen: Was habe ich dazu getan, um 
nicht zu gammeln. Wer laut vom Gam- 
mein spricht, ist für mich verdächtig." 
Es ist zwar allgemein üblich, jedoch wenig 
fair, wenn eine Misere auf den kleinsten 
Mann abgeladen wird. 
Oberleutnant Saß nennt als weiteren 
Grund für das Gammeln die fehlenden 
37000 Unteroffiziere und 4000 Offiziere. 
Meinen Einwand, daß auch das Gammeln 
von Führern beaufsichtigt würde und daß 
bei einer Herabsetzung der Dienstzeit auf 
12 Monate diese Führer anders eingesetzt 
werden könnten, somit der Fehlbestand 
geringer würde, läßt er nur zum Teil 
gelten. 
~Eine Dienstzeit von 12 Monaten würde 
bedeuten, daß die Soldaten ausscheiden 
ohne genügend Erfahrung und daß die 
militärische Kraft der Bundeswehr ge- 
schwächt würde." 
Auf die grundlegend geänderte politische 
Lage gegenüber 1962, als die Dienstzeit 
auf 18 Monate erhöht wurde, angespro- 
chen, erwidert Oberleutnant Saß: 
<Die Bundeswehr kann nicht auf die 
Dienstpflicht von 18 Monaten verzichten, 
da die Bedrohung aus dem Osten genau- 
sogroß ist wie früher. Den 27 NATO- 
Divisionen stehen 86 Divisionen im ost- 
europäischen Raum gegenüber. Die Divi- 
sionen des Ostens sind zwar personell 
und materiell schwächer als unsere,trotz- 
dem ist uns der Osten konventionell über- 
legen. Für eine Verteidigung (und das ist 
ja unsere einzige Aufgabe!) reicht unsere 
Stärke jedoch aus. Wir bemühen uns im 
Augenblick, auf 30 Divisionen aufzustok- 
ken, damit der Gegner ein nicht zu großes 
Übergewicht bekommt." 
Anstelle einer Erwiderung weise ich mei- 
nen Gesprächspartner auf einen In der 
Vorwoche veröffentlichten Leitartikel in 
der Wochenzeitung ~Die Zeit" von Theo 
Sommer mit dem Titel <Weltpolitik in drei 
Manegen" hin, wonach die Begriffe <Ost" 
und <West" fraglich geworden sind. Aber 
für Oberleutnant Saß ist der Kalte Krieg 
geblieben. Auch von meiner Überlegung, 
durch die Reduzierung der Dienstzeit auf 
12 Monate der Welt einen Beweis für den 
Friedenswillen  der  Bundesrepublik 
Deutschland zu geben, hält er nichts: 
<Wir sind esja schließlich, um die es geht. 
Die Verteidigungslinie des Westens lag 
1949 westlich des Rheines. Anfang der 
fünfziger Jahre wurde sie vorverlegt an 
den Rhein, 1957 mit dem Aufbau der Bun- 
deswehr an die Weser/Lech-Linie und 
1963 im Zuge der Vorwärtsverteidigung 
an den Eisernen Vorhang." 
Oberleutnant Saß gibt mir zum Abschied 
noch eine Erläuterung der Aufgabe un- 
serer Bundeswehr mit auf den Weg: 
<Darin besteht die Berechtigung unserer 
Divisionen, indem wir glauben, daß die 
Politiker durch das Vorhandensein der 
Bundeswehr innerhalb der NATO den 
Krieg verhindern können." 
Es sind für einige Leute unbequeme Fra- 
gen, die aufgeworfen wurden. Aber wir 
sind es unserem Staat gegenüber schul- 
dig, sie zu durchdenken. 


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