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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 4 (April 15, 1966)

Hartmann, Horst
Neue Bücher,   p. 8


Beutin, Wolfgang
Ausfällige Gedanken,   p. 8


Page 8

nucner una mroscnuren von   :rnsz 
Niekisch waren sofort vergriffen. Deshalb 
ist die Veröffentlichung seiner ~Politi- 
schen Schriften", einer repräsentativen 
Auswahl, zu begrüßen. Die Studie 
<Grundlinien  europäischer  Politik" 
schlummerte bislang in der Schublade. 
Sie entstand 1935 und konnte nur heim- 
lich verbreitet werden. Es handelt sich 
um einen detaillierten Geschichtsabriß 
von der Reformation bis Bismarck, in dem 
Niekisch die inneren Antriebskräfte der 
Geschichte aufdeckt. ,Hitler ein deut- 
sches Verhängnis" gehört zu den scharf- 
sinnigsten Studien über Schicktgruber. 
Niekisch schrieb sie 1931, um vor allem 
konservative, protestantische Kräfte in 
Preußen gegen den Faschismus zu mobi- 
lisieren. Deshalb betonte er auch den 
<römischen Stil" und warnte vor der 
Auslieferung  an  das  ~romanische 
Schicksal". In der drohenden Machter- 
greifung des Putschisten Hitlers sah er 
den endgültigen Untergang des deut- 
schen Reiches. Die 1945 geschriebene 
<Deutsche Daseinsverfehlung" erscheint 
zum erstenmal ungekürzt Auch hier ge- 
lingt ihm aus einer realistischen Analyse 
der Vergangenheit die zukünftige Ent- 
wicklung vorwegzunehmen, wenn er von 
jenen Kräften spricht, die mittels eines 
dritten Weltkrieges <das deutsche Wun- 
der garkochen" möchten. Die Aufsätze 
,Nihilismus", <Politik" sind hervorragen- 
de geschichtsphilosophische Abrisse, in 
denen die Begriffe nicht nur ihrer Her- 
kunft nach, sondern auch in ihren prak- 
tischen Auslegungen untersucht werden. 
Mit dem ,Clerk" schließlich rückt Nie- 
kisch dem Typ des heutigen Lohnarbei- 
1 ters zu Leibe. Die Sachlichkeit der frü- 
heren Arbeiten wird hier leider zugun- 
1 sten einer überspitzten Polemik aufge- 
geben. Die durch die Technisierung ge- 
gangenen Massen sindfür ihn <dressierte 
Wesen, die auf jeden Pfiff reagieren". 
Der Clerk, abgesunkener Bürger, aufge- 
stiegener Proletarier, ist der moderne 
Arbeitnehmer, dem die soziale Ungleich- 
heit verborgen bleibt. Obwohl diese 
schonungslose Kritik manchen kultur- 
pessimistischen Zug aufweist, nicht zu- 
fällig wird Spengler zitiert, fordert sie zur 
Überprüfung  egew      r Vorstel- 
lungen heraus. 
in die nüchterne Welt der Stahlwerke 
j 1führt der Roman Roger Chateauneus 
<Die Hochöfen". Zwei Schicksale, stell- 
vertretend für zehntausend andere, hat 
sich der Autor ausgesucht, und abwech- 
selnd schildert er einzelne Etappen ihres 
Lebens. Es ist die Geschichte vom Vater 
und Sohn. Der Arbeiter David, ein Mann 
osteuropäischer Herkunft, heiratet im 
ern. uocn ea MaOcneß zeigt Tur uiese 
BEDENKLICH. - Er war ein Ausrufezei- 
chen. Er wußte nur noch nicht, hinter 
welchem Satz. 
* 
EINIGES. - Alles, was gesagt werden 
muß, ist schon gesagt worden. Nichts 
von dem, was gesagt werden muß, ist 
schon gesagt worden. Zwischen diesen 
Empfindungen schwankend, bequemte 
er sich dazu, einiges zu sagen. 
* 
AUS DER PRAXIS DER LITERATUR- 
KRITIK. - Eine Hand wäscht die andere, 
anstatt: ein Kopf den anderen. 
PARTEI. - Kurz vor 1945 hatte ein Pole 
ein Handtuch <gestohlen" und wurde 
zum Tode verurteilt Nach 1945 nahmen 
in Westdeutschland Partei: einige Un- 
belehrbare für den Richter; Belehrte, 
Denkende für das Opfer; Tageszeitun- 
gen für das Handtuch. 
Wer ist ein Zersetzer? - Der Arzt, der, 
wenn die Pest ausbricht, einen Plan zur 
Eindämmung der Epidemie entwirft - 
sagen die Bazillen. 
* 
DESWEGEN JA. - A: Zeig mir das Buch. 
Wann ist es gedruckt? B: Zwischen 1933 
und 1945 in Deutschland. A: Schandel B: 
Aber es handelt von nebensächlichen 
Dingen. A: Deswegen ja. 
Links - ist das für einige immer noch 
gleichbedeutend mit Zersetzung, Zer- 
setzer, zersetzend? Was um alles in 
der Welt kann denn dann noch rechts 
sein? 50 Millionen Tote allein im Welt- 
krieg 2, der von der deutschen Rechten 
angezettelt wurde - diese 50 Millionen 
sind wohl nicht zersetzt, leben ihr Leben 
in Glück und Frieden? 
VORZUG. - Im Fernsehen wurde Sep- 
tember 1965 berichtet, daß rumänische 
Behörden Anstalten getroffen haben, um 
möglichst vielen Menschen ein möglichst 
langes Leben zu garantieren. Frau Dr. 
Aslan, Forscherin und Ärztin, verhilft 
nstellung kein Verständnis. Im Roman 
t von drohenden Unruhen die Rede, 
ichdem ein Stahlwerker von rechtsradi- 
len Schlägern ermordet worden ist Die 
migen Antipathien jener Kreise gegen 
ewerkschafter und Intellektuelle haben 
dieser<raschen, blutigen Tat" geführt. 
r Roman Chateauneus ist aber nicht 
ir wegen seines Inhaltes bemerkens- 
ert, obwohl die Folgen des erwähnten 
nglücks den dramatischen und maka- 
en Höhepunkt bilden: Solange der 
ichnam des Verunglückten nicht ge- 
)rgen wird, drohen Schwierigkeiten von 
iten des Staatsanwaites, des Pfarrers, 
r nicht den in solchen Fällen üblichen 
ahlblock beerdigen will, und schließlich 
ch von seiten der Arbeiter. Dem Autor 
3lingen über die präzise Schilderung 
r Arbeitswelt hinaus poetische Passe- 
n. Er entdeckt die große Rätselhaftig- 
lt auch im Leben jener Kumpel, die nie 
auen penetranten ocnwefelgerucn aus den 
mittels einer Droge manchen zu einem 
Alter von 100 und mehr Jahren. Hierzu 
äußerten sich deutsche Mediziner. Frage 
eines Reporters: ob auch in der Bundes- 
republik etwas unternommen würde, um 
das Leben der Menschen zu verlängern. 
Antwort eines Professors: Nein. Be- 
gründung (mit Stolz in der Stimme): Wir 
haben eine Demokratie ! 
Anstrengen müßtest du dich, damit dein 
Buch aktuell wird, zeitgemäß, heutig? - 
Mann! Wenn du in deiner Zeit lebst, 
über sie nachdenkend, in ihr handelnd, 
so wird es alle Qual und alles Glück die- 
ser Zeit ausdrücken ... falls du dich aus- 
drücken kannst. 
Sinnlos wäre alle Existenz? Keiner ver- 
möchte seinem Leben einen Sinn zu set- 
zen? - Fast könnte man versucht sein, es 
zu glauben: hätte nicht die Existenz des- 
sen, der es uns glauben machen will, 
darin, daß er's uns glauben machen will, 
ihren Sinn... 
Richtig: Narrenhände beschmieren Tisch 
und Wände. Aber eigentlich doch Tisch 
und Wände nicht in erster Linie? 
* 
Jedesmal, wenn er eine bestimmte Ar- 
beit nicht zustande zu bringen vermochte, 
tröstete ihn doch der Gedanke sehr, daß 
er viele Menschen kannte, von denen sie 
erst recht nicht hätte zustande gebracht 
werden können. 
PROBLEMATIK. - A: Krieg abchaffen, 
Terror beseitigen, Armut ausrotten - 
sind das nicht zu primitive Ziele, als daß 
ein Komplizierter dafür agitieren dürfte? 
B: Ja - wenn der Komplizierte nur sicher- 
gehen könnte, daß Sterben vor Hunger 
und an Krankheit, unterm Beil und durch 
die Bombe als Todesarten so primitiv 
nicht sind... 
* 
Friedliche Absichten - nichts anderes 
hatte er gehegt Aber was sollte er be- 
ginnen, als man ihm ausgerechnet die- 
Kleidern verlieren und sich am Rande der 
feuerspeienden Hölle gegen die Trost- 
losigkeit ihres Daseins zu behaupten ver- 
suchen. Bemerkenswert ist vor allem, daß 
Chateauneu sich kaum einem erzähle- 
rischen Realismus verschreibt, weil es 
ihm nicht um grobkörnige Ereignisse 
geht, vielmehr um Gefühle, Hoffnungen 
und Ängste. Der Roman des Franzosen 
überragt alle Versuche deutscher Auto- 
ren, den Arbeiterroman zu erneuern. 
Horst Hartmann 
Besprochene Bücher: 
Ernst Niekisch <Politische Schriften", 
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 
Roger Chateauneu ~Die Hochöfen", Ro- 
man, Stahlberg-Verlag, Karlsruhe 
NIEMAND 
5,NN 
ALLES WISSEN, 
ABER JEDER 
SOLLTE WISSEN. 
WO ER 
NACHSCHLAGEN 
KANN: 
IM LEXIKON 
DER 
BUCHERGILDE 
jenige Theorie begeistert rühmte, an de- 
ren Widerlegung er arbeitete? Da wurde 
er von seinen Argumenten ins Feld ge- 
Von der Bestie im Menschen spricht man, 
wo vom Menschen im Menschen gespro- 
chen werden sollte. 
RICHTUNG. - A: Ist uns nicht allen ge- 
meinsam, daß wir uns von unsern Emo- 
tionen steuern lassen? B: So wäre in je- 
dem Einzelfall noch zu fragen: wohin? 
Auf dem hohen Roß sitzen mit Vorliebe: 
Rösser. 
Ausfällige Gedanken 
Von Wolfgang Beutin 


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