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Jahrgang 19, Nr. 4 (April 15, 1966)

Meggs
Hallo Nachbarn!,   p. 7


Page 7

Nachbarn 1 
o darf ich Euch nur anreden, weil 
Richard Münch es im Fernsehen 
cht mehr darf. Denn - wie Ihr Euch ja 
»hl erinnern werdet - einen Tag vor 
m 29. Dezember 1965, an dem ~Hallo 
achbarn!" zum 17. Male in die Wohn- 
uben unserer Bundesbürger erheitern- 
Unruhe über unangenehme deutsche 
ewohiheiten tragen wollte, befanden 
NDR-Intendant Schröder (SPD) und 
!n Vize Hammerstein (CDU) in vorweg- 
nommener großer Koalition, daß diese 
nzige satirische Fernsehreihe von 
ang nun niemanden mehr ärgern solle; 
ine Parteien, keine Bauern- und Vertrie- 
enenverbände und auch nicht mehr die 
dassenpresse (sprich: Springer-Kon- 
ern). 
Mag sein, daß Intendant Schröder sich 
n seine anstehende Wiederwahl im 
ächsten Jahre erinnerte und daran, wie 
s einst dem fähigen WDR-Chef Hart- 
,ann erging. Jedenfalls ersetzten er und 
iarnmerstein die Satire durch einen 
Film über die britische Fuchsjagd, von 
dem sich niemand getroffen fühlen konn- 
te als die Füchse und allenfalls die Be- 
troffenen: der Autor Joachim Roering 
und der NDR-Unterhaltungschef Henri 
Regnier, die als Texter und Redakteur für 
<Hallo Nachbarn!" verantwortlich zeich- 
neten. 
Natürlich fand Hammerstein, der die Ab- 
setzung der Sendung dienstlich anord- 
nete, auch eine Begründung: Die Auf- 
zeichnung sei <zu 50 v.H. unsendbar, zu 
50 v.H. schwach". Ob das wohl stimmen 
könne, mag jetzt jeder selbst überprüfen, 
der 18 Mark für die Metronome'-LP <Für 
Deutsche verboten!" (MSLP 21001) auf- 
zubringen bereit ist. 
Denn diese LP enthält all jene Ansagen, 
Songs und Szenen der abgesetzten Sen- 
dung, die auch beim bloßen Hören zu ver- 
stehen sind, und gleich noch drei Stücke 
dazu, die aus früheren Sendungen aus 
ähnlichen Gründen herausgeschnitten 
wurden. Wenn auch das Bild dazu natur- 
Renöe Franke 
gemäß fehlt, das man sehen müßte, um 
ganz sicher Hammersteins Urteil beur- 
teilen zu können, so läßt doch das Ganze 
unzweifelhaft erkennen: der Vorwurf ge- 
ringer Qualität ist unberechtigt. 
Sicher: eine Szene über die Verkaufs- 
praktiken beim Profifußball und ein Song 
gegen Justizminister Jäger (vorgesehen 
für die Novembersendung 1965> sind ein 
wenig vordergründig, aber wer hätte das 
den ,Insulanern" je nachgetragen, die 
jahrelang weit vordergründiger - nur 
eben den Osten - angriffen. Zugegeben 
auch: die einleitende Attacke Münchs 
gegen die'berühmt gewordene Freiheits- 
glocken-Aktion der Berliner Verleger ist 
zwar gut - aber sehr hart. 
Doch sonst? Wer die Novembersendung 
von <Hallo Nachbarn!" gesehen hat, dem 
werden die Beiträge für den Dezember 
eher zahm vorkommen. Freilich wird da 
satirisch einiges bloßgestellt: der Flirt 
der SPD mit der CDU, die schablonen- 
haften Phrasen der Springer-Presse, die 
Vernebelungstaktik der Regierung zur 
(nicht vorhandenen) Preispolitik die in 
den Bundestag drängende Lobby und 
manches andere. 
Nur in diesen Bloßstellungen kann der 
Grund für die Absetzung liegen. Laut 
<Spiegel" erklärte der Vize-Intendant 
Hammerstein für unsendbar: die Angriffe 
gegen die Freiheitsglocken-Aktion und 
die Springer-Presse, darüber hinaus 
eine mit Versen unterlegte Pantomime, 
in der aus dem Fall des Grafen Huyn die 
Aufforderung zum Bruch des Beamten- 
geheimnisses gefolgert wird. Die aus 
einer 1964er Aufzeichnung herausge- 
schnittenen - textlich hervorragend ge- 
stalteten - Betrachtungen eines Feld- 
webels zur ,inneren Führung" und zur 
<psychologischen Verteidigung", das 
fein ziselierte Märchen von ,Des Kanz- 
lers neuen Wundern" - an Andersens 
~Des Kaisers neue Kleider" angelehnt-, 
in dem die ~formierte Gesellschaft" als 
ein  ~zauberhaftes  spinnwebartiges 
Durcheinander, wie glühender Sauer- 
kohl" angesehen wird, mindestens all 
diese Beiträge und die hübsch pointier- 
ten Songs von Ren6e Franke beweisen, 
daß das Argument, 50 v.H. seien min- 
derer Qualität, nur vorgeschützt ist. Die 
Intendanten-Helden Schröder und Ham- 
merstein sind müde geworden, müde der 
ständigen Anrufe und Schmähbriefe von 
getroffenen Interessenten. Und weil 
diese Verbands-, Vereins- und Partei- 
funktionäre nun einmal nach dem sati- 
risch verbrämten Vorwurf nicht in sich 
gehen, sondern ihn übelnehmen und un- 
ter Ausnutzung aller Beziehungen die 
Verantwortlichen  bedrängen, darum 
fehlt es bei uns so häufig an Zivilcou- 
rage, darum funktioniert auch unsere 
Demokratie nicht wie sie sollte. 
Immerhin: ,Hallo Nachbarn!" ist nicht 
ganz tot. Metronome hat die Sendung - 
wenigstens für dieses Mal - noch der 
Öffentlichkeit zugeführt. Und ich meine 
jeder, dem es um die Freiheit des Wortes 
geht, sollte die LP kaufen und vorspie- 
len, damit das Bedürfnis nach Kritik 
wachgehalten werde. - - - 
Meggs 


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