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Aufwärts
Jahrgang 19, Nr. 4 (April 15, 1966)

Ludewig, Heini
Kannenbach ist keine Flasche,   p. 6


Page 6

Tli 
Ludewig 
ist aie >cnuie. una weu sie sicn unue- 
lauscht fühlen, sprechen sie ganz offen 
und machen aus ihrem Herzen keine 
Mördergrube. Aber das machen sie auch 
dann nicht, wenn jemand dabei ist. Nach- 
dem Fritz dem Wolfgang noch einige 
unregelmäßige französische Verben er- 
klärt und klargemacht hat, daß Cham- 
pignon' und ,Champion' zwei grundver- 
schiedene Dinge sind, da zerrt Ernst das 
Gespräch mitten auf den Sportplatz. 
<Unser Deutschlehrer, der Kannenbach, 
ist eine Pleite als Torwart, sage ich euch. 
Eine Flasche! Als Rechtsaußen, da mag 
er noch gehen, aber als Mann im Tor? 
Nein. Wenn er nächsten Donnerstag sich 
wieder ins Tor stellt, dann gehe ich hin 
und sage: Kommt nicht in Frage..." 
Und da hat es bei mir gefunkt. Was ist 
das für eine herrliche Zeit, in der wir 
leben! Was für eine freie, unbeschwerte 
Jugend wächst da heran. Hatten wir das 
in jenen Jahren auch sagen können, ja, 
überhaupt einmal zu denken gewagt, daß 
einer unserer Lehrer eine Flasche sei? 
Wir verlebten unsere Schuljahre während 
des ersten Weltkrieges, und der Krieg 
und die schwarzweißrote Staatsform 
legten ihren dunklen Schatten auf unsere 
Jugendjahre. Die Lehrer wollten uns 
schon ein ganz bestimmtes Quantum 
einpauken, aber im Grunde wollten sie 
uns zu guten Untertanen machen. Und 
dabei waren sie selber nur kleine Unter- 
tanen, die den steinigen Weg zum Ober- 
lehrer, zum Konrektor oder Rektor stol- 
pern mußten. Der Rohrstock im Klassen- 
schrank war das wichtigste Erziehungs- 
mittel, und leuchtend waren für uns die 
Tage, da er nicht in Erscheinung zu treten 
brauchte. 
Der ,Herr Lehrer' war kein Kamerad, kein 
Mitspieler auf dem Sportplatz; er war 
eine Respektsperson, die mit tiefer Ehr- 
furcht und innerem Erschauern auf der 
Straße und in der Schule gegrüßt werden 
mußte. Er war von da oben' eingesetzt. 
Erst sehr viel später hörten wir davon, 
daß Friedrich, der Zweite, gesagt haben 
soll: <Meine Kriege haben nicht die Sol- 
daten, sondern der Schullehrer mit dem 
Rohrstock gewonnen." Ob es stimmt, 
kann man nicht mehr nachforschen. Dem 
Sinne nach stimmt es, aber es ist auch 
nicht so wichtig. Wir Kinder jener Tage 
mußten unsere Erfahrungen aus dem 
heute' schöpfen. 
Wenn der Lehrer oder der Rektor mor- 
gens mit gelben Schuhen in der Schule 
erschien, dann wußten wir, sie waren 
am Abend vorher entweder zum Kegeln 
oder zum Stammtisch gewesen, dann 
waren sie erst spät in der Nacht nach 
Hause gekommen, dann waren sie ,böse'. 
Dann achteten sie wie ein Schießhund 
auf jede Schwäche von uns, um einen 
von uns mal so richtig durchzuwalken 
und sich selbst damit abzureagieren. Wir 
lernten nicht aus Freude am Wissen, wir 
lernten aus Angst vor Strafe. 
<Die Jungens, die vor Angst an der Wand 
hochgehen, die zittern wie Espenlaub, 
das sind später die besten Soldaten", 
sagte einer der Lehrer auf dem Schulhof 
zu seinem Kollegen. Einer von uns hörte 
es, und das Wort wanderte durch alle 
Klassen. 
Morgens um sieben. Französisch-Stun- 
de. Lehrer Bollmann steht vor der Klasse, 
läßt den Stock in der Hand zischend hin- 
und herfahren, daß uns der Atem stockt. 
<übersetzen! In Französisch. Unsere 
Väter... du, Karl Wichmann." - ~Notre 
pöres" - <Sind tot... na, wird's bald? 
quitt. Setz dich. Wo waren wir stehen- 
lieben ?" 
1 nächsten Morgen. Rechenstunde bei 
rer Willdorf. Er kommt zur Tür herein. 
springen auf. Im Chor: ,Gu-ten-Mor- 
,_ arr  hnt ör winkt nh  rho"R. 
riati jfljUl  . -  UIIU  UUgl#  lltl§UL  -f.u  - 
Zorn des Lehrers Ober den Jungen, daß 
er sicherlich noch wochenlang blaue 
Striemen auf dem Rücken hat. Der Lehrer 
wird nur unterbrochen In seiner Arbeit 
durch den Zuruf einer Mitschülerin <Herr 
Bollmann, der Karl kann das doch gar 
nicht übersetzen; sein Vater ist doch vor 
einigen Tagen gefallen. Vor Verdun..." 
- ,Soso. Und warum hast du verstockter 
Bengel das nicht gleich gesagt? Naja, 
morgen nehme ich dich wieder vor. Dann 
hast du eine Abreibung gut. Dann sind 
lichI Wenn ich das schon höre. Als wehn 
ihr noch nichtwachwäret.Aberdaswoll'n 
wir gleich haben. Werde euch schon 
wach kriegen ..." Wir schauen auf seine 
Schuhe - ja, er hat die gelben an. Er geht 
an den Schrank, holt den Stock heraus, 
läßt ihn spielend durch die Luft pfeifen, 
stellt sich dann wie ein zürnender Rache- 
engel vor die Klasse. <So, es geht los. 
Mitrechnen! Und nicht schlafen. Eins und 
eins und viermal vier und sechs durch 
fünf mal zehn durch sechs mal zehn durch 
gekriegt. 
Das waren unsere Lehrer, und das wa 
wir. Gewiß, nicht alle waren so. Einer 
auch unter ihnen, der uns Fritz Reut 
,Ut mine Festungstid' nahebrachte 
auch SKein Hüsung'. 
Wenn ich heute höre, wie die Jung 
sagen:Unser Lehrer ist eine Flaschi 
dann denke ich: Kinder, was seid 
glücklich, was habt ihr für eine herrlic 
Jugend. Was sind das für prächtige M( 
schen, die mit euch Fußball spielen, 
mit euch eine Wanderung machen, 
mit euch am Lagerfeuer sitzen, alte Lie 
singen, die mit euch gemeinsam Gel( 
sammeln, um einen alten Gaul zu kauf 
damit er das Gnadenbrot erhält, die 
euch in den Ferien einen verunkraute, 
Friedhof in Ordnung bringen und aL 
nicht vergessen, einige gute Worte i 
gen den Krieg und sein Elend zu sagen 
Das heißt, einer von uns - er hieß W 
und ist schon einige Jahre tot - hatte 
Mut, gegen die Lehrer dieser Art auf 
mucken. Er hatte den Mut, nein' zu sa 
und hatte auch Erfolg. Natürlich war 
faul gewesen, hatte einen deutschen A 
satz nicht zur rechten Zeit fertig gehe 
Herr Bollmann schäumte vor Wut. ,Kor 
Freundchen, komm raus. Dir werd ich 
zeigen. Komm, komm, na, wird's bakc 
Wilm stand auf und sagte schli 
~nein". Herr Bollmann flitzte die Ba 
reihen herunter, den Stock in der Ha 
wollte zuschlagen, aber Wilm hielt d 
Stock fest. Ganz fest, wie ein Schra 
stock. Wilm war einen Kopf größer 
Herr Bollmann, und damit stand das 
gebnis fest. <Läßt du los, du Lau 
bengel!", aber Wilm sagte nur schli 
~nein!". 
Etwas zerbrach in Herrn Bollmann. 
rannte los. <Na warte, Freundchen, c 
soll dir teuer zu stehen kommen." 
rannte ins Rektorzimmer, um gemeins 
mit dem Rektor unsern Wilm zu bär 
gen, aber er kam allein zurück. Sicherl 
hatte ihm der Rektor gesagt: <Wenn 
sich blamieren wollen, dann ohne mi 
Suchen Sie sich die Jungen aus, die 
zwingen können." Wilm war für uns 
Siegfried geworden. 
Als Herr Bollmann das Klassenzimr 
verlassen hatte, um den Rektor zu H 
zu holen, brach Wilm den Stock in 
Mitte durch und warf ihn aus dem F 
ster. Sagte trocken: <Die sollen nur kc 
men, die beiden ..." Herr Bollma 
sagte, als er zurückkam, zu Wilm 
funkelnden Augen: <Wir sprechen u 
wir beide. Wirst dich wundern, Freur 
chen. Dir werden die Augen noch üb 
gehen..." 
Aber Wilm brauchte sich nicht zu wL 
dern. Ihm gingen auch die Augen ni 
über. Ich denke noch oft an den Wi 
wenn ich vor einer ausweglosen Sit 
tion stehe: <Lohnt es sich, daß ich ,n 
sage?" 
Meistens lohnt es sich. 
Illustration: Eva Ohlow 
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