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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 9 (September 15, 1962)

Weigel, Hans
Der Irre,   p. 24


Hartmann, Horst
Der Meister schwört auf Schalke,   p. 24


Page 24

schwört 
auf Schalke 
uer irre Kam in einen steinen oaaa, in uem ein 
philosophisches Seminar tagte. Er setzte sich 
auf eine der Bänke und hörte zu, was die ande- 
ren redeten. Nach einiger Zeit jedoch sprang 
er auf und rief in erregtem Ton: <Meine Da- 
men und HerrenI Die psychophysische Kom- 
ponente der ontologischen Erkenntnis ist von 
metaphysiologischen Transzendentalwerten 
abhängig, und zwar derart, daß sich der hedo- 
nistische Ersatztriebstoff parallel auf das trau- 
matische Plasma projiziert, nach der Formel: 
Sinnesdruck multipliziert mit Kosmos gebro- 
chen durch Abstraktion mal Wurzel aus Er- 
fahrung." 
Ein befälliges Murmeln ging durch den Raum, 
man beglückwünschte den Redner und lud ihn 
ein, bald wiederzukommen. - Der Irre war nun 
ausgeruht und ging wieder auf die Straße. 
In einem Park sah er einige Leute mit langen 
Haaren, großen Hüten und Brillen, die erregt 
diskutierten. Er mischte sich unter sie, was 
weiter nicht auffiel, hörte eine Zeitlang auf ihre 
Gespräche und sprach dann plötzlich laut und 
vernehmlich: ~Liebe Freundet Ich aber sage 
euch: Nur wer das dreifache Spektrum der 
Wiedergeburt durchlaufen hat und seine see- 
lische Farbe unvermischt durch die Dimen- 
sionen emporführt, kann teilhaftig werden der 
höheren Stufe der Seelenschau und eingehen 
in den großen Kreislauf der entmaterialisierten 
Materie. Ich habe gesprochen!" 
Alle Zuhörer waren blaß vor Zustimmung und 
Begeisterung. Sie drückten dem Irren die Hän- 
de und luden ihn ein, ihrer nächsten Zusam- 
menkunft als Ehrengast beizuwohnen. 
Der Irre aber lief davon und kam zum Kinder- 
spielplatz. Er hockte vor zwei spielenden Mäd- 
chen nieder, verzerrte sein Gesicht zu einer 
Grimasse, klatschte mehrmals in die Hände 
und rief mit verstellter Stimme: <tata - la la - 
gu gu - gu - gu -" 
~Ach, wie schön der fremde Onkel mit euch 
spielt!" sagte die Mutter der Mädchen freund- 
lich. <Wollt ihr euch wohl bei ihm bedanken !" 
Die Mädchen knicksten dankbar, und die Mut- 
ter bat den Irren, er möge doch, wenn seine 
Zeit es ihm erlaube, bald wiederkommen und 
ihr weiter dabei helfen, aus ihren Töchtern 
brave und kluge Menschen zu machen. 
Dann aber ging der Irre einer ständig größer 
werdenden Schar nach, die sich in einer be- 
stimmten Richtung bewegte. Auf dem Stadt- 
platz wurde eben ein Denkmal enthüllt, an dem 
beliebte Künstler jahrelang gearbeitet hatten, 
ein Denkmal, das die Größe und Unvergäng- 
lichkeit des betreffenden Staates symbolisie- 
ren sollte. Es war aus Gold und hellem Marmor, 
hatte antike Säulen mit gotischen Verzierun- 
gen, zu denen nackte weibliche Gestalten in 
künstlerisch und anatomisch unmöglichen 
Positionen Girlanden emporstreckten, die in 
den Farben Grün und Blau gehalten waren. Um 
Raum für dieses Denkmal zu gewinnen, hatte 
man die edlen, uralten Bäume fällen müssen, 
die eine Zierde des Platzes gewesen waren. 
Eben fiel die Hülle. In andächtig bewundern- 
dem Schweigen bestaunten die Honoratioren 
und die Menge das geschmacklose Machwerk. 
Da sagte der Irre in die Stille hinein, mit lauter 
und durchdringender Stimme: ,Pfui Teufell" 
Man überwältigte ihn und brachte ihn ins Irren- 
haus zurück. 
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Das ist übrigens ein Zeichen der Zeit Früh 
konnte sich ein Frisörgehifte keine ande 
Meinung als die seines Meisters leisten. Heu 
kann er's, und er tut's mit erhobenem Messt 
indem er die Schalker miesmacht 
Ein Kunde, der etwa auf den HSV baut od 
von den Nürnbergern oder Offenbachern eir 
gute Meinung hat, bekommt etwas zu hört 
und zieht zwangsläufig den kürzeren. Der 
der aufgeregte Gehilfe hantiert In diesem Fal 
so gefährlich mit der Schere am Kopf di 
Kunden herum, wenn es gilt, den Kölner Fui 
ball zu loben, daß dieser, aus Angst vor ein 
unbedachten Bewegung, lieber mit seiner Me 
nung zurückhält Das ist zugleich klug ur 
weise, weil man ja Fanatiker nicht überzeuge 
kann. Bei dem Gehilfen ist die Vorliebe für di 
1. FC Köln auch verständlich, denn er stamr 
aus einem linksrheinischen Kaff. Und z 
Bodenständigkeit gehört auch das Daume 
drücken für einen Fußballverein. 
Beim Meister liegen die Dinge komplizierte 
denn er stammt gar nicht aus dem Kohlenpo 
wo die Schalker zu Hause sind. Er kommt au 
einer sportlich völlig unterentwickelten G 
gend, in der es weit und breit keinen Oberlig 
verein gibt. Daß er ein Schalkefreund ist, sie 
man schon an der königsblau gefärbten Wen 
die dem Spieldreß entspricht. Seine Frau hi 
alle Fußialler für verrückt, was sie unaufg 
fordert allen Kundinnen unter den Hauben 1 
Damensalon mitteilt 
Während andere Fußbalffanatiker nach eine 
schwachen Spiel ihrer Mannschaft bis zu 
nächsten Sonntag nichts mehr vom Vere 
wissen wollen, bringt das der Meister nic 
fertig. Jeder noch so berechtigte Einwand üb 
das Versagen seines Clubs wird mit eine 
überlegenen Lächeln quittiert. Er glaubt an d 
Einmaligkeit einer nicht verwandelten Vorlai 
wie eine Mutter an ihren Sohn im Gefängni 
Ein Lattenschuß seiner Stürmer bedeutet ih 
soviel wie die Erscheinung eines Engels eine 
Gläubigen. 
Er ist bereit, Spott und Hohn wegen sein 
Nibelungentreue zu ertragen, die eigentlic 
einem Anhänger der Mannschaft von Wc 
matia Worms besser stünde, weil in Worn 
die Recken der Nibelungensage einst gele 
haben sollen. Wenn Siegfried Mittelstürm 
gewesen wäre und Hagen Trainer, wäre n 
Nibelungenblut geflossen. 
Warum der Meister im weißen Kittel ausg 
rechnet auf Schalke schwört, obwohl er d 
Mannschaft nie spielen sieht und der Loka 
verein auch scharfe Bälle verwandelt, gehe 
zu den Geheimnissen der menschlichen Seel 
die selbst Röntgenstrahlen widerstehen. 
seinem Innern lodert die Flamme des Ideal 
und das ist heutzutage nicht wenigl An i1 
wärmt sich der Frisörmeister, zumal seine Fri 
ihre eigenen Liebespfade gehen soll. Di 
Kegeln reizt ihn nicht, einem Gesangvere 
gehört er nicht an, für Schrebergärten kann 
sich nicht begeistern und Stilleben in Öl 
malen, überläßt er gern anderen. Da er wed 
Hund noch Vogel besitzt, bleibt Ihm nicht vii 
außer der halbvollen oder auch halbleen 
Ladenkasse. Deshalb schwärmt er für Fußba 
Deshalb schwört er auf Schalke. 
Hest Nimtmnan 
Ha» Weige4 


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