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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 9 (September 15, 1962)

Roos, Hans-Dieter
Der Polnische Film,   p. 20


Page 20

Der polnische Film 
Aus ~Asche und Diamant" 
Foto: Neue Filmkunst 
U nter den Filimlndern Ost- und Südeuropas 
hat sich Polen in den letzten Jahren einen 
hervorragenden Platz gesichert. Über den pol- 
nischen Vorkriegafliln ist relativ wenig zu be- 
richten. Jahrzehntelang gab es eine nationale 
Filmproduktion von nennenswertem Umfang 
- wie etwa in Ungarn oder der Tschechoslo- 
wakei - kaum; die eingeführten Filme be- 
herrschten den Markt. Zwar entstanden in der 
frühen Stummfllmzeit, als das Land vor dem 
ersten Weltkrieg noch Bestandteil des Zaren- 
reiches war, eine Reihe von beachtlichen 
Arbeiten; doch die Tradition riß später ab. Der 
international bekannte Flimpionier Alexander 
Hertz hatte schon 1909 die erste Warschauer 
Produktionsflrma gegründet und ein paar 
Jahre später die Schauspielerin Appolonie 
Chalupek entdeckt, die dann im Ausland als 
Pola Negri berühmt wurde. Die polnische Film- 
geschichte jener Jahre nennt den Regisseur 
Joseph Leytes mit seinem Film <Sturm" (1928) 
und den Reinhardt-Schüler Richard Ordynski, 
der im gleichen Jahr den <Pan Tadeuz" des 
Nationaldichters Micklewicz verfilmte und 
später zur Paramount nach Paris ging. Einen 
der besten Filme jener Zeit drehte der heute 
berühmte Aleksander Ford. Sein halbdoku- 
mentarischer Film ~Die Legion der Straße" 
(1932) beschäftigte sich mit den jungen War- 
schauer Zeitungsverkäufern;der Einfluß seines 
realistischen Stils reicht bis nach 1945. 
Bald folgte der Krieg und mit ihm die totale 
Zerstörung der wenigen vorhandenen Film- 
ateliers. Nach 1945 wurde die Filmindustrie ver- 
staatlicht. Zwei bedeutende Filme stehen am 
Neubeginn: Wanda Jakubowekas <Die letzte 
Etappe" (1947), ein erschütterndes Dokument 
über das Schicksal der weiblichen Häftlinge in 
Auschwitz, und Alekaander Fords, Die Grenz- 
straße" (1949) über das Wrschauer Getto. 
Ford baute zusammen mit Jerzy Toeplitz und 
Jerzy Boseak den neuen polnischen Film auf, 
und alle drei üben bis heute einen nachhaltigen 
Einfluß aus: Ford als Regisseur, Toeplitz als 
Rektor der Staatlichen Hochschule für Film- 
und Theaterwesen in Lodz, Bossak als Dekan 
der Fakultät für Regisseure an dieser Hoch- 
schule und als Leiter des Dokumentarfilm- 
studios in Warschau. Nach mehr als zehn- 
jähriger Tätigkeit dieser Filmhochschule läßt 
sich konstatieren, daß aus ihr fast alle jene 
Talente hervorgegangen sind, die heute das 
Gesicht des polnischen Films bestimmen: 
Kawalerowicz, Wajda, Munk, Jerzy Has, Czes- 
law Peteiski und viele andere. 
Dieser Film ist ein junger Film, und seine be- 
sten Kräfte standen bereit, als im Herbst 1956 
Gomulka wieder Parteisekretär wurde und das 
Diktat des sozialistischen Realismus ein Ende 
hatte. Wohl waren auch in den Jahren zuvor 
einzelne Meisterwerke entstanden. Aleksander 
Ford hatte 1952 ,Chopin. Jugend" und ein 
Jahr später ~Die Fünf von der Brkastraße" 
inszeniert; Kawalerowicz war 1954 mit seinem 
Film <Zellulose" hervorgetreten, dem Lebens- 
bild eines polnischen Arbeiters aus der Zelt 
um 1930. Nun aber trat, der stalinistischen Fes- 
seln ledig, der polnische Film in ein neues, sein 
bisher fruchtbarstes Stadium ein. Die in Lodz 
erzogene junge Intelligenz brachte ihn zu eirer 
hohen Blüte. Bald wurde auch das Ausland 
aufmerksam; zahlreiche FestspIeierfolge fe- 
stigten den Ruhm der polnischen Fllmkunst. 
Diese Filmkunst korrespondierte in den näch- 
sten Jahren in geradezu verblüffender Weise 
mit den Nuancen des nationalen, politischen 
und sozialen Klimas; Wilfried Berghahn hat 
das in einer ausgezeichneten Studie analysiert 
(siehe Filmkritik, Heft 6/1961). Das begann mit 
Andrzej Munks <Mann auf den Schienen", der 
Geschichte eines alten Lokomotivführers. Der 
Mann, von der Partei der Sabotage verdächtigt, 
stirbt, als er einen Zug zu stoppen versucht 
Durch ein Mosaik von Zeugenaussagen rekon- 
struiert der Film den Hergang. Als der Loko- 
motivführer schließlich rehabilitiert wird, tritt 
der Leiter der Untersuchungskommission ans 
Fenster, öffnet es und spricht den nochmals 
berühmt gewordenen Satz: ~Es Ist schlechte 
Luft hier". Dazu kommentiert Berghahn: <We- 
nige Wochen später machte Gomulka ihm 
diese Geste nach. Auch er öffnete ein Fenster 
und ließ frische Luft ins Land ... (Munk) hatte 
gezeigt, daß in bestimmten Situationen die 
Leinwand zur Projektionsfliche für die gehei- 
men, nationalen Wünsche wird und die Szene 
wie eine Anweisung zum Handeln erscheinen 
kann." 
Munk, Wajda und Kawalerowicz drehten in den 
nächsten Jahren ihre wichtigsten Filme. Munks 
<Eroica" (1958) ist nochmals dem Warschauer 
Aufstand gewidmet; sein bisher letzter Film 
heißt <Glück zu verkaufen" - diese Satire auf 
einen Karrieristen lief im vergangenen Jahr in 
Cannes. Kawalerowicz, der bei Wanda Jaku- 
bowska assistiert und 1951 mit dem Film 
<Dorfgemeinde" debütiert hatte, drehte in den 
folgenden Jahren ~Nacht der Erinnerung" 
und <Unter dem phrygischen Stern". 1956, 
mit 34 Jahren, schuf er den <Mann ohne 
Gesicht" und 1957 <Das wahre Ende des Gro- 
ßen Krieges". In seinen beiden jüngsten Fil- 
men ,Nachtzug" (1959) und <Mutter Johanna 
von den Engeln" (1960) - und besonders im 
letzten, der beim diesjährigen Cannes-Festival 
den Regie-Preis bekam - schlägt Kawaierowicz 
einen ganz neuen Ton an, von dem die ganze 
Filmproduktion seines Landes beeinflußt 
wird. 
Von anfänglich vier oder fünf Filmen im Jahr 
ist die polnische Produktion mittlerweile auf 
zwanzig bis fünfundzwanzig jährlich gestiegen, 
und diese Filme werden zu einem großen Pro- 
zentsatz von ziemlich jungen Leuten gemacht. 
Eine bedeutende Rolle in der Organisation des 
polnischen Filmwesens spielt die Einrichtung 
der sogenannten ,Filmherstellergruppen", ein 
außerhalb Polens kaum bekanntes System, das 
einen bemerkenswerten Teamgeist spiegelt. In 
diesen Fllmgruppen haben sich jeweils eine 
bestimmte Anzahl von Drehbuchautoren, Re- 
gisseuren und Kameraleuten auf Grund ge- 
meinsamer Auffassungen, gemeinsamer Inter- 
essen und Arbeitsmethoden zusammenge- 
funden. Gegenwärtig gibt es acht solcher Film- 
gruppen, von denen jede jährlich zwei bis vier 
Filme produziert und an deren Spitze erfahrene 
Regisseure stehen. Die Namen der Gruppen 
und ihrer Leiter sind: ILLUSION (Ludwis 
Staraki), KADR (Jerzy Kawalerowicz), RYTM 
(Jan Rybkowski), START (Wende Jakubow- 
ska), STUDIO (Aleksander Ford), SYRENA 
(Jerzy Zarzycki), KAMERA (Jerzy Bossak) und 
DROGA (Antoni Bohdzlewicz). Außer den er- 
wähnten Regisseuren gehören zur verantwort- 
lichen Leitung jeder Gruppe noch der Dreh- 
buchverfasser (oft ein bekannter Roman- 
schriftsteller) und der Produktionsleter. Die- 
sem dreiköpfigen Direktorium obliegt die Wahl 
des Themas, die Abfassung des Drehbuchs 
und die Organisation der Produktion - vor 
allem aber das künstlerische Niveau der Filme. 
Die Filmgruppen und die Filmhochschule - die 
beiden grundsätzlichen Elemente des <polni- 
schen Filmexperimente" also - arbeiten vor- 
bildlich zusammen. In den Vorschriften- der 
Filmgruppen sind besondere moralische und 
materielle Vorteile für diejenigen der erfah- 
renen Hersteller vorgesehen, die sich der jun- 
gen Absolventen bei der Erlangung ihrer Selb- 
ständigkeit annehmen: ein in Europa wohl 
einzigartiges System der Nachwuchspflege, 
das zugleich die oft lähmende, weil feindselige 
Konkurrenz zwischen den Generationen so gut 
wie ausschließt. 
Hans-Dieter Roos 


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