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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 9 (September 15, 1962)

Plum, Werner
Irgendwelche Dörfer in Algerien,   pp. 16-17


Cato
Die armen Eingeborenen und die tüchtigen Weißen,   p. 17


Jelen, Walter
Pfirsichkörbe und ein Ball...,   p. 17


Page 17

iß     i 
ril 
:htigen Weißen 
selbständig geblieben. Aber ihr Land wurde 
unter den Söhnen aufgeteilt, denn unter den 
Enkeln, und heute haben die Urenkel gerade 
noch zwei oder drei Hektar. Die Arbeltgeräte 
sind primitiv. Keiner versteht etwas von künst- 
licher Düngung, von Saatkulturen. Heraus- 
wirtschaften kann man dabei nichts." 
<Sie versprechen sich also mehr von Genos- 
senschaften oder Koliektivbesitz?" 
~Wir reden an dem Kern des Problems vorbei." 
Der eimttge VerwaiterderGroßfarm und jetzige 
Leiter des Arbeiterrates mischte sich in das 
Gespräch ein. ,Ob Genossenschaft. ob Privat- 
besitz, ob Stsatsfarm ist nicht die Frage. Viel 
wichtiger ist die richtige Wahl der Produktion. 
Die europäischen Farmer haben in Algerien so- 
viel Wein angebaut, daß wir es jetzt in der Un- 
abhängigkeit schwer haben werden, diesen 
Wein ins Ausland zu verkaufen. Der Tabak- 
anbau ist zurückgegangen. Flachs gibt es kaum 
noch. Die Produktion der Baumwolle ging von 
18000 Doppelzentner im Jahre 1955 auf 4300 
Doppelzentner im vergangenen Jahr zurück. 
Das muß geändert werden." 
.Jawohl, mehr Baumwolle, mehr Tomaten, 
mehr Obstl Und dann müssen kleine Fabriken, 
Konservenfabriken, Jutespinnereien, in unse- 
ren Dörfern gebaut werden, damit wir nicht das 
halbe Jahr über arbeitslos sind." Der Traktor- 
führer war ganz versessen auf den Gedanken, 
Industriebetriebe Ins Dorf zu holen. Er malte 
aus, wie Strom gewonnen werden könnte, wie 
die Landstraße ausgebaut werden müßte. 
Jetzt - nicht vorhin beim Gespräch über Be- 
sitzreformen - wurden alle lebhaft. Die Land- 
arbeiter vergaßen darüber sogar, neue Holz- 
kohle unter den Teekessel zu schieben. Ich er- 
fuhr, daß fast alle einige Jahre lang Industrie- 
arbeiter in Frankreich gewesen waren. 
~ich habe in der Schweiz gearbeitet. Dort woh- 
nen die Menschen genauso im Gebirge wie 
hier. Sie haben kein Erdöl, keine Erzgruben: 
trotzdem stellen sie Uhren und Motoren her." 
Die Phantasie der Dörfler überschlug sich: 
<Ein Kino muß ins Dorf. - Der Brunnen kann 
mit einer Motorpumpe betrieben werden. 
Kraftstoff ist billig." 
<Und das Geld?" Ich wagte die Zwischenfrage. 
Das Geld? Es wurde still. Der Verwalter schlug 
mir auf die Schultern: <Als wir 1954 die Revolu- 
tion begannen, fragte Ferhat Abbas, wie könn- 
ten wir gegen die Franzosen kämpfen, die reich- 
ste Nation Europas, ohne einen Pfennig Geld. 
Nun haben wir die Franzosen geschlagen - 
ohne Geld. Wichtiger als das Geld sind die 
Menschen. Unser Geld Ist soviel wert wie wir 
selbst wert sind." 
Ein zierlicher Blasebalg feuchte wieder Glut in 
die Holzkohlen. Ein letztes Glas Pfefferminztee. 
Denn verabschiedete ich mich von dem Ar- 
beiterrat, der sich im Juni gebildet halte, ohne 
von dem flüchtigen Großgrundbesitzer dazu 
aufgefordert zu sein, ohne die Beschlüsse der 
FLN-Führung abzuwarten, ohne Gesetz, ohne 
Gutachten und ohne Auftrag. Einfach so... 
Werner Plum, 
I. Schul- 
neht eine 
re. Darin 
wie es 
tun, als 
Herren und Unternehmer solche Werke be- 
treiben, sie werden Immer nur Holzfäller, 
Schlepper und Säger sein, und was sie dabei 
verdienen, das geht fast alles für Bier und 
Tabak, für Uhrketten und Sonntagshüte wieder 
an die ausländischen Unternehmer zurück." 
Der Satz stammt von Hermann Hesse, und als 
er geschrieben wurde, stimmte er in dem, was 
über die tatsächliche Lage maeilscher Holz- 
fäller gesagt wird. Nur das <nie" erwies sich 
einige Jahrzehnte später als falsche Prophe- 
zeiung, denn die armen Malaen machten sich 
von der Herrschaft der Niederländer frei und 
gründeten einen eigenen, selbständigen Staat, 
die Indonesische Republik. Mit ihr unterhalten 
wir diplomatische Beziehungen, und mit ihr 
treiben wir Handel. Das hindert aber bayerische 
Lesebuchmacher nicht, Jahre nach der Grün- 
dung dieses Staates eine längst überholte 
Schilderung der Lebensverhältnisse seiner 
Einwohner In ein Lesebuch aufzunehmen und 
den Kindern, die daraus ihr <Weltbild" gewin- 
nen, eine völlig falsche Vorstellung zu ver- 
mitteln. 
Ein Einzelfall? Leider nicht Obwohl kaum eine 
Woche vergeht, in der nicht ein Minister aus 
einem der jungen afrikanischen Staaten, eine 
Abordnung aus Indien, Pakistan, Ceylon oder 
Indonesien in Bonn offiziell empfangen wird 
und die Fotos davon durch die deutschen Zei- 
tungen gehen, existiert In unseren Schul- 
büchern noch immer der arme, unwissende, 
apathische ,Eingeborene", der ohne die tüch- 
tigen Weißen weder seine wirtschaftliche Exi- 
stenz noch seine staatliche Ordnung gestalten 
kann. 
Wie sollen unsere Kinder sich in der Welt von 
morgen, die eine Welt der Partnerschaft zwi- 
schen den Völkern aller Erdteile sein wird, 
zurechtfinden, wenn ihnen die Schule Klischee- 
vorstellungen von den andersfarbigen Men- 
schen vermittelt, die noch aus der Kolonial- 
epoche stammen und damals geprägt wurden, 
um den Herrschaftaanspruch des weißen 
Mannes zu legitimieren? Wie sollen sie bei- 
spielsweise lie großen sozialen und politi- 
schen Umwälzungen, die Asien in den letzten 
Jahrzehnten total verändert haben, begreifen, 
wenn sie von den Asiaten folgendes lernen: 
<Der Japaner ist immer höflich und freundlich, 
Mit allem findet er sich ohne Aufregung ab. 
,Schikatagani' sagt er - d. h. das ist eben so'. 
.Auch im ganzen weiten übrigen Ostasien 
denkt man so." 
Wie Ist es denn vorstellbar, daß Menschen, die 
sich gleichmütig mit allem abfinden, eine große 
Revolution machen, wie die Chinesen sie ge- 
macht haben? Wie soll man es verstehen, daß 
die immer höflichen und freundlichen Japaner 
zu Hunderttausenden auf die Straße gehen, 
für politische Forderungen demonstrieren und 
sich erbittert mit der Polizei herumschlagen? 
Wie stark solche in der Jugend aufgenom- 
meme Klischees weiterwirken, läßt sich ja tag- 
täglich am Verhalten der Erwachsenen beob- 
achten. Warum machen denn ZImmerwirtinnen 
in Köln und München und anderen Univerli- 
tätstädten die Korridortür schnell wieder zu, 
wenn ein schwarzer afrikanischer Student 
nach der Bude fragt? Weil-der Menschen- 
fresserkomplex, der ihnen in ihrer Jugend ein- 
mal eingeimpft worden ist, noch immer nach- 
wirkt. Warum haben wir in den Betrieben so- 
viel Schwierigkeiten mit ausländischen Prakti- 
kanten und Gastarbeitern ? Weil In den Köpfen 
derer, die mit ihnen umgehen müssen, vielfach 
noch Vorstellungen von ~Wüstensöhnen" und 
<Buschnegern" hängengeblieben sind, die 
aus Schul- und anderen Büchern von gestern 
stammen. 
Wir können uns den Unfug der falschen Infor- 
mation durch romantische oder zweckbe- 
stimmte Darstellungen der nichteuropäischen 
Weit nicht mehr leisten. In einer Zeit, in der es 
zum Alltag gehört, daß Menschen anderer 
Hautfarbe im Betrieb neben uns stehen, daß 
welche von uns hinausgeschickt werden in die 
Länder Asiens, Afrikas, brauchen wir eine 
reelle, eine zutreffende Unterrichtung. Die 
kann nicht nur die Schule leisten, aber sie muß 
dabei mithelfen, und das wenigste, was von 
ihr erwartet werden muß, ist, daß sie nicht erst 
falsche Weit- und Menschenbilder aufbaut, die 
dann wieder korrigiert werden müssen. Die 
<Eingeborenen", gleichviel, ob sie sentimental 
oder mit dem Dünkel der Weißen gesehen 
werden, haben mitsamt allen Klischeevorstel- 
lungen ähnlicher Art aus unseren Schul- 
büchern zu verscwinden. Die UNESCO ver- 
breitet hochinteressantes Material über die 
Arstrengungen, die in den jungen Staaten 
unternommen werden, um das Analphabeten- 
tum, um den Bildungsrückatand - der allzu oft 
ja auf das Schuidkonto der ehemaligen weißen 
<Herren" geht - zu überwinden. Davon sollten 
unsere Kinder in ihren Schulbüchern lesen. 
Und auch davon, wie es in den ehemaligen 
Kolonialgebieten ausgesehen hat, ehe die 
Weißen kamen, was es an eigenständigen 
alten Kulturen, was es an politischen Ordnun- 
gen dort gegeben hat. Auch über die anders- 
artigen Denkweisen und Lebensverhältnisse, 
so wie sie heute sind, sollte etwas mitgeteilt 
werden. Der Meister, der sich heute entrüstet, 
weil der junge Tunesier, der Ihm zugetilt 
wurde, voll Stolz die Fotos seiner ganzen Ver- 
wandtschaft herumzeigt - und damit die ande- 
ren von der Arbeit abhält-,würde Verständnis 
dafür haben, wenn er erfahren hätte, daß in der 
Heimat des Praktikanten die Sippe noch eine 
höchst bedeutsame Rolle spielt. Das brauchte 
ihn nicht abzuhalten, den betrieblichen Not- 
wendigkeiten Geltung zu verschaffen, aber er 
würde es mit Takt und Humor tun. 
Von oben her geschieht heute einiges, um die 
Entrümpelung unserer Schulbücher in Gang 
zu bringen. Von unten her muß nachgeholfen 
werden ! 
Cato 
Pfirsichkörbe 
und ein Ball.. 
Eine Briefmarke erinnert an Dr. Naismith 
E s gibt verschiedene Wege, um ,unsterb- 
lich" zu werden. Dem Kanadier Dr. James 
Naismith glückte dies mittels Pfirsichkörben, 
einem Ball und einer Idee - also auf sehr un- 
gewöhnliche Weise... 
Im Januar des Jahres 1891 plauderte Dr. Nai- 
smith mit seinem Freund Luther Gulick in der 
Trainingschule der Young Men's Christian 
Assoclation. Während des Gespräches be- 
dauerte Gulick, daß es nicht einen neuen 
Sport gäbe, der von allen Mitgliedern der 
YMCA gespielt werden könne - ohne mit 
besonderen Ausgaben für den Ankauf von 
Sportartikeln verbunden zu seint 
Dr. Naismith ging die Unterredung nicht aus 
dem Sinn. Er beschäftigte sich mit den ver- 
schiedensten Ideen und schuf schließlich mit 
der Hilfe von zwei Pfirsichkörben und einem 
Fußball einen neuen Sport, der bald die Welt 
erobertel Er nannte den Sport Basketball und 
Korbball. Und der 20. Januar 1801 war der Ge- 
burtstag des ~Gerne", das im Laufe der Jahr- 
zehnte immer größere Zuscheuermassen an- 
lockte. 
Blitzschnell eroberte Basketball die Vereinig- 
ten Staaten. 
Im Jahre 1894 wurde der von Dr. Naismith er- 
sonnene Sport zum erstenmal in China ge- 
spielt - und bald darauf in Indien. 
In Europä begann der Siegeszug des Basket- 
bells in Frankreich, wo der Sport im Jahre 1895 
seinen Einzug hielt. 
Dr. Jemes Naismith, der Kanadier ausAlmonte, 
starb 193 im Alter von 78 Jahren. Ehe er - ei- 
ner der beliebtesten Professoren der Univer- 
sität von Kansas - dreißig Jahre alt war, hatte 
er ,Sportgeschichte" gemacht Seine Lande- 
leute, die Kanadier, vergaßen Ihn nicht. Sein 
Bild nimmt heute einen Ehrenplatz In der Ruh- 
meshale des kanadischen Sportes in Toron- 
to ein - zukünftigen Generationen zur Erinne- 
rung. 
Nun, anläßlich seines 100. Geburtstages, hat 
ihn die amerikanische Post mit der Ausgabe 
einer Briefmarke geehrt, die seinen Namen 
trägt - und eine ausgestreckte Hand, einen 
Ball und ein Netz zeigt 
Und das ist die ungewöhnliche ,Story" des Dr. 
James Naismith, der einen Sport ersann, der 
die ganze Weit eroberte. 
Walter Jelm, Toronto. 
W 


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