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Jahrgang 15, Nr. 9 (September 15, 1962)

Helsinki,   pp. 12 and 13-15


Page 12 and 13

Bundesjugendausschuß des DGB 
medi Kollegen Willi Baumann (Jugend- 
etär beim Vorstand der IG Druck und 
er), Max Jäger (Jugendeekretär beim 
tand der Gewerkschaft Öffentliche 
ste, Transport und Verkehr) und Han- 
Schindler (Jugendsekretär beim Vor. 
1 des DGB in Niedersachsen) als 
bachter zu den Weltfestspielen der 
nd und Studenten für Frieden und 
nlschaft nach Helsinki entsandt. 
hfolgend schildern die Kollegen Ihre 
bachtungen und Erfahrungen. 
A b und zu sieht man ja doch Auch freund- 
AlicheGesichter, sagte ein junges west- 
deutsches Mädchen zu ihrem Nachbarn, als sie 
durch ein Spalier von neugierigen Finnen dem 
Bahnhofsausgang zustrebte. 
Soeben war sie als eine von etwa 700 Festival- 
teilnehmern aus der Bundesrepublik einem 
Sonderzug entstiegen, der die westdeutschen 
Teilnehmer über Berlin, Warschau, Leningrad 
nacHelsnki gebracht hatte. 
Sie wird während des Festivals in Helsinki noch 
oft Gelegenheit gehabt haben, derartige Äuße- 
rungen über die distanzierte Haltung der finni- 
schen Bevölkerung machen zu können. 
Das finnische Volk ist vom Geiste und vom 
Lebensstil her eindeutig westlich orientiert. 
Aber es ist für die Finnen auf Grund ihrer 
geographischen und politischen Situation eine 
zwingende Notwendigkeit, mit dem riesengro- 
ßen sowjetischen Nachbarn in einem zufrieden- 
stellenden Verhältnis zu leben. Finnland ist 
neutral. Das zu wissen ist notwendig, um die 
Haltung vieler finnischer Menschen gegenüber 
den Weltjugendfestspielen zu verstehen. 
Was sich dem Beobachter in der Zeit vom 
2&Jull bis 7.August in Helsinki - Im Verlaufe 
der Wetjugendsplee der Jugend und Studen- 
ten - bot, war optisch gesehen eine riesige, 
vielfarbige und vielgestaltige Schau. 
In den Straßen Helsinkis sah man Farbige aller 
Schattierungen - Chinesen, Japaner, Kubaner, 
Indonesier, Araber, Inder und viele, viele mehr. 
Sehr viele trugen Ihre typischen Landestrach- 
ten. Junge Menschen aus 142 Nationen waren 
in der Hauptstadt Finnlands versammelt. 
Es gab internationale und nationale Estraden- 
Programme, Volkstänze  und  Volksmusik, 
Massengymnastik, Sportveranstaltungen, Tref- 
fen der Esperantisten, der Philatelisten und der 
Schachfreunde, Sibelius-Konzerte und Zirkus- 
veranstaltungen, Ballett und internationale 
Modenschauen, Jazzveranstaltungen und Film- 
vorführungen, Willkommensbälle,  Freund- 
schaftabäle, Abschiedsbälle und einen Astro- 
nautenball mit Juri Gagarin, Exkursionen der 
Angler und Treffen junger Christen, Berufs- 
treffen und Freundschafttreften 
Dies ist eine kleine Auswahl aus dem über- 
reichlichen, aber qualitativ sehr unterschied- 
lichen Programm. 
Dagegen traten die politischen Veranstaltun- 
gen wie z. 8. das ,Colloquium über die Pro- 
bleme des Friedens und der nationalen Unab- 
hängigkeit", oder das Forum <Probleme der 
Planung in den verschiedenen Geselischafts- 
systemen" völlig in den Hintergrund. Von der- 
artigen Foren wurden etwa neun durchgeführt. 
Die Teilnehmerzahl schwankte zwischen 150 
und 700. Oberlegt man, daß etwa 14000 Teil- 
nehmer aus 142 Nationen in Helsinki welten, 
treten starke Zweifel an der Glaubwürdigkeit 
einer Reihe westlicher Zeitungen auf, die über 
eine massive propagandistische Beeinflussung 
der Festivaltelnehmer durch die Kommunisten 
schrieben. Eigenartgerweise haben wir die 
Feststellung treffen können, daß in den politi- 
schen Foren Redner aus der Sowjetunion und 
Chinas wenig in Erscheinung traten. Um die 
politische Wirkung der Weltjugendfestspiele 
auf die Teilnehmer einschätzen zu können, 
muß man sich ernsthafter um eine Analyse 
bemühen. 
Die gedankenlose Bequemlichkeit oder die 
Borniertheit des Westens gegenüber dem 
Festival - wie es die ,Stuttgarter Zeitung" rich- 
tig schreibt - kann sehr leicht zu einer Fehl- 
einschätzung des Festivals führen und sich 
bitter rächen. 
Die von der Sowjetunion inspirierten Welffest- 
spiele der Jugend und Studenten haben von 
Festival zu Festival einen immer stärker wer- 
denden Zulauf an neuen Nationen zu verzeich- 
nen. (Beim ersten Festival 1947 in Prag waren 
72 latlonen vertreten, jetzt in Helsi"ki waren es 
etwa 142.) Das trifft besonders für den Block 
der farbigen Völker zu, die zwischen Ost und 
West stehen. 
Den Weitjugendfestspielen muß im Ringen um 
die politische Haltung dieser Völker eine be- 
trächtliche Bedeutung beigemessen werden. 
Nicht die massive politische Beeinflussung der 
Teilnehmer ist der Kern des Festivals, sondern 
die Sympathiewerbung. 
Gerade das offensichtliche Bemühen der Ver- 
anstalter, politische Veranstaltungen der ver- 
schiedensten Art hinter einem riesigen Karne- 
val zurücktreten zu lassen, erweckt in zigtau- 
send Teilnehmern den Eindruck eines großen 
Festes für die Jugend aus aller Welt. Das 
Motto des Festivals heißt: ,Frieden und 
Freundschaft". Dies entspricht dem Wollen 
und der Sehnsucht aller jungen Menschen. Es 
ist zu vermuten, daß die Sympathien der Teil- 
nehmer denen gehören werden, die mitma- 
chen -diefür,,Frieden und Freundschaft" sind, 
wie sie meinen, und weniger denen, die abseits 
stehen. 
Zwei, drei Kundgebungen runden das Bild ab. 
Kundgebungen, die verständlicherweise nicht 
pro-westlich sind - aber eigenartigerweise 
auch nicht antiamerikanisch. Wie überhaupt 
zu beobachten war, daß die sowjetisch-ameri- 
kanischen Gegensätze zu einem großen Teil 
fast wie ein Tabu behandelt wurden. 
Eine Solidaritätskundgebung mit der Jugend 
der kolonialen und neuen unabhängigen Län- 
der, wie sie durchgeführt wurde, würde auch 
in der Bundesrepublik bei den antikoloniali- 
stisch  eingestellten  Jugendverbänden  auf 
Sympathie stoßen. 
Ganz bescheiden wurde im Programm auf die 
Durchführung von Freundschaftstreffen hin- 
gewiesen. Aber gerade die dürften für uns in 
der Bundesrepublik besonders interessant 
sein. Unter Freundschaftstreffen verstand man 
den Besuch von Haus zu Haus, von Delegation 
zu Delegation. Allein die Reisegruppe der 
Bundesrepublik - der keine legitimierten Spre- 
cher der westdeutschen Jugend- und Studen- 
tenverbände angehörten - hat in neun Tagen 
in Helsinki etwa 77 derartige Begegnungen 
durchgeführt, davon allein etwa 33 mit Delega- 
tionen aus farbigen Ländern. Wie groß die An- 
zahl der Freundschaftatreffen der DDR-Dele- 
gation war, ist nicht bekannt. Sie dürfte aber 
weit größer als die der Reisegruppe der Bun- 
desrepublik gewesen sein. 
Auf diesen vielen, vielen kleineren Begegnun- 
gen zwischen den Delegationen wurde poli- 
tisch diskutiert. 
Es gehört wenig Phantasie dazu, sich vorzu- 
stellen, wie das politische Bild aussieht, das 
ein junger Ausländer von der Bundesrepublik* 
und dem Westen erhält, der ein Freundschafts- 
treffen mit der DDR-Delegation und der Reise- 
gruppe der Bundesrepublik hinter sich hat. 
Was für ein Zerrbild von der Bundesrepublik 
mag dabei in vielen Köpfen entstanden sein? 
Wenn dem so ist - und wer wagt daran zu 
zweifeln -, sind am wenigsten die schuld 
daran, die als Teilnehmer in Helsinki waren, 
Schuld daran tragen wir alle, die wir es bislang 
stur und politisch uneinsichtig abgelehnt ha- 
ben, legitimierte Delegationen der Jugerid- und 
Studentenverbände aus dem Westen ein- 
schließlich der Bundesrepublik am Festival 
teilnehmen zu lassen. 
Wir haben außerhalb gestanden und beobach- 
tet und hätten eine große Chance gehabt, die 
demokratische und freiheitliche Idee - von uns 
verteidigt - mit zur Diskussion zu stellen. 


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