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Aufwärts
Jahrgang 15, Nr. 7 (July 15, 1962)

Scholl, Inge
Zum 20. Juli,   p. 15


Page 15

mmer heftiger werdenden Fliegerangrif- 
en umgekommen sind. Wäre der Versuch 
les Widerstandes, selbst an unserer Be- 
reiung mitzuarbeiten, erfolgreich gewe- 
en, dann hätten wir vermutlich heute kein 
etelltes Deutschland, denn damals stan- 
ýen die Russen noch weit von den deut- 
chen Ostgrenzen entfernt. 
rUnd wir hätten - was vielleicht etwas vom 
Wesentlichsten ist - beste, fähigste und 
edelste Köpfe unseres Volkes behalten: 
Moltke, Pater Delp, Trott zu Solz, Julius 
Leber, die Brüder Bonnhöffer, um nur 
einige für viele zu nennen. Sie hätten das 
Gewicht sein können, das dem Gesin- 
nungswechsel, weicher nach 1945 vollzo- 
gen wurde, eine tiefere, reinere und über- 
zeugendere Kraft gegeben hätte und unse- 
rer zweiten Demokratie in Deutschland 
mehr Weite und Beweglichkeit. Aber selbst 
in der Erinnerung können die Menschen des 
deutschen Widerstandes Markierungs- und 
Odentierungspunkte für uns sein in der 
großen Umwandlung, in der sich die Weit 
und mit ihr unser Volk und jeder einzelne 
von uns in diesem Jahrhundert befindet. 
langten - im Interesse Ihrer M 
und ihrer Welt. Sie waren nicht 
sich in den Tod stürzten, in eir 
noch so erhabenem Abenteuer. 
das Leben, indem sie für das L 
ten. ~Mit aller Energie üben. 
Zukunft", das war der Grundi 
Bruders, Hans Scholl. Nie fühl 
als Helden, auch nicht in 
Stunde-immer alsVertreter ei 
heit, die den Kampf um das G 
Normale und für seine Realisii 
unmittelbar vor ihnen liegend 
durchstehen mußten. 
Sophie Scholl, Ulm, geboren am 9. 5. 192, 
Studentin der Biologie und Philosophie, 
hingerichtet am 22.2. 1N3 
Hans Scholl, Ulm, geboren am 2.9. 1918 
Student der Medizin, 
hingerichtet am 22.2. IS 
Sie waren Menschen, die aus den gewohn- 
ton und heute vielfach ersartn Rahmen 
und Schemen heraustraten und versuch. 
ten, frei, unabhängig, unvoreingenommen 
ihre Welt zu sehen und zu gestalten. Sie 
waren beispielsweise lebhaft daran interes- 
siert, die starren Abschrnkungen zwi- 
schen den Konfessionen zu lösen, weil 
neue Probleme neue und tiefere Gemein- 
samkeiten hervorgebracht haben. ich 
glaube, daß selten in unserer Zeit so wie in 
den Kreisen des Widerstandes das wahre 
Christentum freigelegt wurde, in dem 
letzten Endes das Gewissen des einzelnen 
und seine Beziehung zu Gott dominierend 
Willi Graf, Saarbrücken, geboren am 2.1. 
1918, Student der Medizin, hingerichtet am 
12.19. 94 
Alexander Schmorell, Manchen, geboren 
am 16. 9. 1917, Student der Medizin, hin- 
gerichtet am 13.7. Ion 
lut. Ulesele unvorelngenommenol ha,- 
ten sie gegenüber dem politischen Leben, 
das sich nicht in starre Programme bannen 
läßt. Sie hatten einen offenen Sinn für alles 
Werdende in der Kultur, sie interessierten 
sich für das Experiment, für neue Wege - 
und sie waren bereit, ihnen mit ihren Kräf- 
ten zum Durchbruch zu verhelfen, selbst 
dann, wenn sie sich vielleicht nicht immer 
uneingeschränkt ihnen verschreiben konn- 
ten. Letzten Endes mündete dies alles in 
eine Lebenshaltung, die offen ist, kritisch 
und schöpferisch, offen nach allen Seiten, 
geschützt aber durch die Haltung der Kritik 
und des Fragens. 
<Charakteristische Einzelgänger" wurden 
sie damals genannt. Charakteristische Ein- 
zelgänger waren sie in dem Augenblick 
und in der Situation, als die offizielle Ge- 
sellschaft in einen verheerenden Verfall 
geraten war. Sie gingen bewußt einen eige- 
Wir leben in einer großen gesellschaft- 
lichen und geistigen Umwälzung, und die- 
ser Umbruch hat es zum Beispiel mit sich 
gebracht, daß Dinge, die unseren Eitern 
und Großeltern noch feste geprägte und 
beinahe heilige Begriffe und Symbole 
waren, wie zum Beispiel das übersteigerte 
Nationalgefühl, der Patriotismus, oder der 
<heilige Krieg" oder ~das Feld der Ehre" - 
man könnte noch viele nennen -, daß diese 
Dinge durch die Weltentwicklung überholt 
sind, ja - Ich gebrauche ein hartes Wort-, 
zur Phrase werden können. Wir befinden 
uns also auf Schritt und Tritt im Übergang, 
wo ehemals unantastbare Symbole zu 
Phrasen werden. Und wahrscheinlich ste- 
hen viele aus unserer Eltern. und Groß- 
eltergeneration in der tragischen Situa- 
tion, daß sie das Symbol auch nicht mehr 
ganz überzeugt, die Phrase sie aber er- 
schreckt und ihnen weh tut. 
Versuchen wir also, in diesem Umbruch, 
dem keiner sich entziehen kann, mit ge- 
öffneten Augen durchzufinden, lernen wir 
unterscheiden zwischen echt und unecht, 
zwischen dem falschen Zungenschlag und 
der wirklichen Haltung, und lernen wir 
stolz sein auf die Seite unserer jüngeren 
Vergangenheit, von der Golo Mann in sei- 
nem Buch über die deutsche Geschichte 
des 19. und 20. Jahrhunderts sagt <Trotz- 
dem gab es Widerstand, das Höchste, was 
die deutsche Geschichte erreicht hat, wenn 
die Kriegsdiktatur der Hitler und Himmler 
das Tiefste ist." 
wir wie die Studenten der ,Weißen Rose" 
den Mut zum Äußersten aufbringen, wenn 
eine solche Stunde käme? Darauf möchte 
ich antworten: Lassen wir s nicht zum 
Äußersten kommen. Das ist unsere wich- 
tigste Aufgabe. Gehen wir mit offenen 
wachsamen Augen durch unsere Zeit, ver- 
suchen wir in tausend kleinen, alltäglichen 
Entscheidungen dazu beizutragen, daß 
unser öffentliches Leben sachlich, richtig, 
sauber wird und bleibt. Lernen wir das 
Wesen derGewast und des AutorItativen zu 
durchschauen und zu bekämpfen in seinen 
kleinsten Anfängen, ehe die Gesetze ver- 
letzt werden. Wo immer in unsererWeit der 
einzelne Mensch gefährdet, mißachtet und 
angetstet wird, ist die Sache aller be- 
droht. Die Gefahren und Angriffe können 
von den verschiedensten Richtungen kei- 
men - am meisten sind wir für diejenigen in 
unserem eigenen Land und Staat verant- 
wortlich. 


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