University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 8, Nr. 6 (March 17, 1955)

Körper und Seele sind eins,   pp. 5-6


Page 6

,Lhr- Z I Ut I ' 
daß seine Theorien mißbraucht wurden. Die Leiter seiner 
Forschungsabteilung wandten sie in der Praxis bei Obje- 
ten an, deren Existenz ihm, Bill Warren, von Jahr zu Jahr 
unheimlicher erschien. Es konnte nicht ausbleiben, daß er 
bald zu dem engeren Kreis der Wissenden gehörte, und 
was er wußte, ließ ihn manchmal nicht gut schlafen. Trotz 
seiner Leidenschaft für Neuentdeckungen auf physikali- 
schem Gebiet verlor er nicht den Blick für die Folgen, die 
diese rapid fortschreitende Forschung nach sich ziehen 
mußte. Und doch ließ er lange Zeit sein zweifelndes Ge- 
müt von den tönenden Versicherungen hoher Politiker 
beruhigen: Wir müssen wirkungsvollere und mehr Atom- 
und Wasserstoffbomben haben als die Russen, dann ist 
der Frieden für alle Zeiten gesichert! Ist unser Vorsprung 
groß genug, wird die Forschung nur noch friedlichen 
Zwecken dienen und der Menschheit unermeßliche Vorteile 
bringen!" All das versuchte Bill Warren zu glauben - er 
versuchte es lange und voller Unruhe. Als dann aber eines 
Tages einer seiner obersten Chefs, ein kluger, ja genialer 
Mann, erklärte, er mache nicht mehr mit, da seiner An- 
sicht nach die Weiterentwicklung dieser Atom- und 
H-Bomben zur Katastrophe führen müßte, hatte Bill Warren
nachdrücklich um seine Versetzung in ein anderes Ressort 
gebeten. Man lächelte resigniert, doch erfüllte man seinen 
Wunsch. Obwohl Bill Warren wußte, daß durch seinen 
Weggang die Weiterentwicklung der Vernichtungswaffen 
nicht aufgehalten wurde, war ihm doch leichter ums Herz. 
In diesen Jahren überquerte mancher Brief den Atlantischen 
Ozean: von Deutschland nach den USA und umgekehrt. 
Günter schrieb, daß er die Schule erfolgreich hinter sich 
gebracht habe (,in Englisch bekam ich natürlich ein »Sehr 
gut«!'), daß er Fotograf werden wollte. Dann nach drei 
Jahren: die Lehre sei beendet, er glaube, allerhand zu 
können, und er sei im Begriff, Fotoreporter zu werden. 
Und vor zehn Monaten erreichte Bill Warren ein Foto, das 
ein junges, sehr reizvolles Mädchen zeigte, und auf der 
Rückseite des Fotos stand: <Hast du was dagegen, daß ich 
Karola liebe?" - Eill Warren kabelte zurück: <Im Gegen- 
teil - stop - finde sie bezaubernd - stop - viel Glück 
- stop - Bill." 
Darauf war nur noch ein Brief vor einem halben Jahr bei 
Bill angekommen, in dem Günter anfragte: .Wozu habt 
Ihr eigentlich eine Flugverkehrslinie Neuyork-Frankfurt? 
Was machst Du mit Deinen vielen Dollars?" 
Und Bill hatte in Gedanken <Okay" gesagt, denn er fand, 
daß seine angesammelten Dollars keine bessere Verwen- 
dung finden konnten. 
g war; al 
r danach 
wie?" 
müh- 
Frage 
großer 
werde 
es die 
UtLle Ser 
Das Taxi hielt vor einem Hotel, in dem Günter für seinen 
Freund Bill ein Zimmer bestellt hatte. Nachdem Bill sich 
umgezogen und beide ausgiebig gegessen hatten, sagte 
BllI, seine Zigaretten hervorkramend und sie Günter an- 
bietend: <Bummeln wir ein wenig durch die Stadt? Bin so 
gespannt, wie sie jetzt - nach zehn Jahren - aussieht." 
,Gut, gehen wir», sagte Günter. 
Es war für Bill Warren eine merkwürdige Sache, wieder in 
dieser Stadt zu sein, in der er vor langer Zeit einen kurzen 
Teil seines Lebens verbracht hatte. Hier und da glaubte er 
eine Straße, eine Häuserecke wiederzuerkennen, doch nie 
war er ganz sicher, denn die Anhaltspunkte von damals 
- gelbe, blaue, grüne Schilder, die den amerikanischen 
Soldaten zur Orientierung gedient hatten - waren ver- 
schwunden. Aber auch die sogenannten <markanten 
Punkte" von damals - bizarre Ruinen von Hochhäusern 
oder tiefe Bombentrichter in der Straße - waren nicht 
mehr da. Erstaunt blickte Eilt Warren auf die Verände- 
rungen, die in so relativ kurzer Zeit mit dieser Stadt vor 
sich gegangen waren: Langgestreckte wuchtige Bauten 
hatten die Ruinen verdrängt, Schaufenster mit erlesenen 
Waren hatten bröckelige leere Fensterhöhlen abgelöst, 
und die Straßen hallten nicht mehr vom singenden Motoren- 
lärm stumpfbrauner Jeeps mit weißem Stern wider, nein, 
nun waren es chromblitzende deutsche Wagen, die in 
dichter Reihenfolge durch die gutgepflasterten Straßen 
glitten. 
Doch vor allem waren es die Menschen, die Bill Warrens 
Aufmerksamkeit fesselten. Er betrachtete ihre Gesichter, 
suchte unwillkürlich nach dem hungrigen, verhärmten 
Ausdruck, der auf ihn, den damaligen Leutnant Warren, 
einen so tiefen Eindruck gemacht hatte. Aber er mußte 
nun feststellen: Die Gesichter hatten sich geändert. Der 
Kollektivausdruck der Not, der Sorge war verschwunden. 
Die Frankfurter Gesichtet unterschieden sich jetzt nicht 
mehr von den Neuyorker Gesichtern; sie umfaßten wieder 
die normale Skala menschlicher Eigenschaften und Gefühle: 
Geschäftigkeit, Freude, Gleichgültigkeit; Trauer, Teilnahme, 
Arger, Angst und Wut..., alles war hier zu finden, wie 
es sich seit Menschengedenken gehört. 
S. .. , er rannte die 
Steinbrocken, auf dE 
erwartet hastl" 
eier', verbesserte Günter. 
i sich an, rekonstruierten die Szene von damals, 
sagte Bill: Junge, du ahntest wirklich nicht, ir 
efahr du schwebtestl" 
ahnte, welcher Gefahr ich entronnen war, als icl 
minen sah." 
Sie beschlossen, in Günters Wohnung zu gehen und dort 
das Wiedersehen bei einigen Flaschen Sekt und Wein z 
feiern. Unterwegs sagte Bill plötzlich: <Wann werde ich 
denn jetzt endlich deine Karola kennenlernen? Hatte sie 
schon am Flugplatz erwartetl" 
Günter grinste ihn von der Seite an: <Du wirst sie schor 
kennenlernen. In einer Stunde. Schließlich kann nicht jeder 
so frei über seine Zeit verfügen wie ich.» 
.Karola arbeitet irgendwo?" fragte BUll. 
<Ja. Sie ist Sekretärin in einem herrlichen Palast, den sich 
vor einem Jahr eine Versicherung gebaut hat." 
<Du hast nie mehr Karola in deinen Briefen erwähnt. Er- 
zähl mir von ihr. Bin verdammt neugierigl" 
,Ach', sagte Günter, <ich könnte dir stundenlang von ihr 
erzählen, aber es ist besser, du lernst sie erst mal leib- 
haftig kennen." 
.Warum heiratet ihr eigentlich nicht?" fragte Bill Warren, 
<Wir wollten bisher noch nicht." 
Bill fragte erstaunt: <Ihr wolltet nicht? Warum?" 
.Genau kann ich dir das auch nicht erklären, Bill. Vielleicht 
ist es ein Rest Romantik, der uns so leben läßt, wie wir 
es zurzeit tun. Nicht, daß wir die Ehe ablehnen. Wir 
werden bestimmt heiraten mit allem Drum und Dran - 
das ist abgemachte Sache -, aber im Augenblick fühlen 
wir uns so am wohlsten." 
.Ihr wohnt zusammen?" fragte Bill etwas unsicher. 
.Ja. Seitdem wir uns kennen. Karola hatte damals keine 
Wohnung. Sie wohnte in einem der alten dreckigen Bunker, 
als ich sie kennenlernte. - Na, stört dich das?" 
Bill wehrte kurz mit der Hand ab: .Unsinn. Ich meine nur, 
für eine Frau ist es trotz aller Romantik besser, mit allem 
Drum und Dran verheiratet zu sein." 
<Da magst du recht haben. Nur . . . Karola liebt den 
jetzigen Zustand sehr. Sie ist etwas abenteuerlich, ver- 
stehst du? Der Krieg und die Zeit danach haben sie zur 
Abenteuerin gemacht." 
Fortsetzung folgt 
Die <Super Constellation" kreiste nun über dem Frank- 
furter Flugplatz. Bill Warren dachte an Günter Ronke, den 
er in wenigen Minuten wiedersehen würde. Er versuchte 
jetzt, das in ihm wohnende Unbehagen zu analysieren, 
und er stellte fest: es resultierte aus der Unwissenheit um 
Günters weltanschauliche Einstellung. Wie in stiller Uber- 
einkunft hatten sie es beide vermieden, in ihren Briefen die 
politische Einstellung ihrer Länder zu diskutieren. Oft - 
sehr oft hatte Bill Warren der Versuchung nur mit Mühe 
widerstanden, seinen jungen deutschen Freund zu fragen, 
ob er trotz allem noch immer jener überzeugte Pazifist und 
Antimilitarist sei, als den er ihn seinerzeit verlassen hatte. 
chdrücklicher die amerikanische Regierung die 
sierung Westdeutschlands forderte, desto ver- 
nd unsicherer wurde Bill Warren - der ehe- 
Idat, der einem vierzehnjährigen Jungen im er- 
and versichert hatte, die USA würden für die 
Entmilitarisierung sorgen. - Man konnte die 
(lichen Gefühle Bill Warrens auf eine Formel 
:r schämte sich! Dazu kam die Befürchtung, sein 
r Schützling, Günter Ronke, könne jenen Strö- 
rlegen sein, die sich zurzeit so unheilvoll in der 


Go up to Top of Page