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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 8, Nr. 9 (April 28, 1955)

Biebricher, Rolf
Kannst du froh sein Mann!,   p. 8


Mußt du vierzehn Stunden arbeiten?,   p. 8


Page 8

gerdec le  UUL.Lae  ict01ist icht als Lehn- oder UULm. 
jähriger stundenlang durch den Schnee gerobbt, du 
dich nicht bei strömendem Regen in den Dreck gewo 
weil Fiegerdeckung' befohlen war? Du hast nicht er 
wie man eine Gruppe ausgelassener Buben zu ei 
Haufen stur gehorchender Kreaturen umerzog? Kann 
froh sein, Mann! 
kann    Getötetwerden bestimmt. Das hast du nicht erlebt? Kannst 
du froh sein, Mann! Wir lernten all die kleinlichen Schi- 
dein kanen kennen und hassen, die <Maskenbälle im Lager, 
Reich   Strammstehen eine Stunde lang. Wir <pumpten', bis wir 
wölf-   wie leere Säcke umfielen. Wir machten Kniebeugen in 
hast sieben Zeiten - alles zur Ertüichtigung unseres Körpers 
)rfen,  und unseres Geistes. 
flebt, 
inem 
ýt du 
Du hast in zehn Jahren deines jungen Lebens eine ver- 
hältnismäßig große Freiheit genossen. Du brauchtest
nicht 
mittwochs und samstags und oft auch sonntags die Uni- 
form anzuziehen. Du hast auch gerade keine sonnige 
Jugend hinter dir, denn die Jahre während und nach dem 
Krieg waren für keinen ein Honiglecken. Aber du brauch- 
test nicht strammzustehen, du brauchtest dir nicht von 
irgendeinem dummen Jungen, der kaum älter war als du, 
sagen zu lassen, du seiest ein lahmer Krüppel. Du hast 
keinen Vorgeschmack von allen Schrecken des Militärs 
bekommen. Kannst du froh sein, Mann! 
Als das vorletzte Kriegsjahr in seinem Zenit stand, 
wurden wir einmal die Woche preußischen Unteroffizieren 
zwecks Schulung zugeführt. Was wir nicht kannten, wurde 
uns dort beigebracht. Unser Korporalschaftsführer war ein 
Gefreiter. Er sah ziemlich human aus, trotzdem hetzte er 
uns über den Kasernenhof. Dabei überflog ein kindliches 
Lächeln seine Züge. Das war noch gespielt gegenüber 
dem, was andere Gruppen auszustehen hatten. Dreckig 
und speckig marschierten wir abends aus der Kaserne 
heraus und ließen die morschen Knochen zittern. Uns 
wackelten die Knie. 
Lorsch [ieLdL Ue ron sLe iner L »tnrULeU&UaniU« aU. vie 
Männer stehen wie ne Eins. Totenstille. Da gellt plötzlich 
ein herzhaftes Hatschi über den Platz. Der Diktator bleibt 
stehen. Wer hat geniest? Totenstille. Der Diktator läßt 
sich eine Maschinenpistole geben und mäht das erste 
Glied nieder. Wer hat geniest? Totenstille. Auch das 
zweite Glied muß dran glauben. Wer hat geniest? Da 
meldet sich im dritten Glied zitternd der Ubeltäter - er 
ist so und so erledigt. Der Diktator tritt auf ihn zu und 
schlägt ihm kräftig auf die Schulter. ,Gesundheit, Mannl'."
Und das soll ein Witz sein? Aber so ist das, politische 
,Witze* sind meist traurig. 
Freundliche Grüße von Thomas. 
I lelhh Meise 
Aus Hannover schreibt uns Heinz R.: <Ich bin in meinem 
Betrieb  ordnungsgemäß  als Jugendsprecher gewählt. 
Dieses Amt versuche ich gewissenhaft auszuüben, ohne 
meine Arbeit dabei zu vernachlässigen. Natürlich kommt 
es manchmal vor, daß ich für eine halbe Stunde in eine 
andere Abteilung des Betriebes gehen muß oder daß mich 
ein Lehrling an meinem Arbeitsplatz besucht. In solchen 
Fällen macht mein Meister immer spitze Bemerkungen. 
Ich sollte mich lieber um meine Arbeit kümmern usw. 
Gestern hat er erklärt, ich brauchte zuviel Zeit für »diesen
Quatsch«. Der Meister lehnt die Gewerkschaft ab und 
sieht mich schief an, weil ich Mitglied bin.' 
0 Lieber Heinz, Deine Rechte und Pflichten als gewählter 
Jugendsprecher sind unter anderem durch das Betriebs- 
verfassungsgesetz geregelt. Wenn Du Dich an diese Be- 
stimmungen hältst, hat der Meister überhaupt nichts zu 
meckern. Ich würde einmal mit dem Betriebsratsvorsitzen- 
den darüber sprechen. Er sollte Deinen Meister ruhig <zur 
Ordnung rufen'. Daß dieser Mann nichts von den Gewerk- 
schaften hält, ist bedauerlich, aber zugleich seine eigene 
Sache. Wenn er jedoch aus dieser seiner Einstellung 
heraus junge Menschen wegen ihrer Gewerkschaftsarbeit 
Srw    l cmht zm 
Cornelia Sch. schreibt aus Düsseldorf: Mein Verlobter 
Erwin ist ein lieber Kerl. Wir verstehen uns ausgezeich- 
net. Nur am Wochenende gibt es manchmal eine Ver- 
stimmung. Erwin hat keine Lust zum Tanzen. Er drückt 
sich, wenn es nur irgendwie geht. Dabei tanze ich aber 
sehr gern. Er zieht aber auch ein böses Gesicht, wenn ich 
einmal mit seinem Freund tanze, der ein ausgezeichneter 
Tänzer ist. Was meinst Du dazu?» 
0 Liebe Cornelia, wenn ich Deinen Erwin einmal kennen- 
lernen sollte, möchte ich ihm kräftig und verständnisvoll
die Hand schütteln. Was meine Frau ist, die hat nämlich 
gegen mich ähnliche Klagen vorzubringen. Böse? Aller- 
dings ziehe ich kein Gesicht, wenn sich einmal ein Freund 
ihrer erbarmt und sie auf die Tanzfläche entführt. Das 
würde ich Deinem Erwin auch empfehlen. Ein wenig mehr 
Vertrauen zu Dir könnte er schon aufbringen. Soll er doch 
froh sein, daß ihm jemand die Last des Tanzens abnimmtl 
st Spritzing, Hamburg: ....hätte 
meit, kostenlos zu den Weltjugend- 
ýau zu fahren. Soll ich das tun...? 
uskunft" 
auch den 
n jungen 
Ich war nicht beim Militär, ich war zu jung damals, denn 
ich bin nur ein paar Jahre älter als du. Ich kam auch nicht 
zum Volkssturm. Aber die HJ-Erfahrungen genügten mir. 
Wir waren zunächst stolz. Stolz auf die Uniform und das 
Fahrtenmesser, auf die Fahne und diesen verwaschenen 
Begriff <Kameradschaft'. Wir sangen gemeinsam Lieder 
und gingen auf Fahrt. Und dann wurden wir geschliffen, 
daß uns das Singen verging. Wir liefen wie die Hasen, 
bis uns die Zunge zum Hals heraushing und die Lungen 
pfiffen. Man wollte <Männer' aus uns machen. Man 
erstickte in uns Jungen von zehn oder vierzehn Jahren 
jedes Gefühl für individuelle Freiheit. Man hämmerte 
uns ein paar Phrasen ein, und man fuhr am besten, wenn 
man sie möglichst lückenlos nachbeten konnte. Das Ganze 
nannte sich Disziplin und war nichts als seelenloser 
Kadavergehorsam. Man war dem kleinen Herrgott, dem 
Vorgesetzten, auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert. 
Manche unter ihnen blieben Menschen, andere stellten 
jeden Schleifer-Platzek in den Schatten.-Sie erzogen dem 
Führer die künftigen Soldaten, Maschinen, zum Töten und 
beiOilgt WiDtL dUU, obU ch n cII. t UULxL UUrto.ipetj, a 
bißchen Geist fanatisiert? Man wird dein Gehirn ver- 
nebeln, man wird deinen Charakter schon zu biegen 
wissen, man wird dein Gewissen einen Schmarren fragen. 
Und wenn du einmal mürbe bist, dann wird dir alles egal 
sein, wenn es nur möglichst schnell vorbeigeht. 
Das sind die Erfahrungen - Bruchstücke davon -, die 
vor dir schon einige gemacht haben. Und dann kommst 
du daher und würdest bereitwilligst jede primitive, 
menschliche Freiheit willig zur Verfügung stellen, ohne 
mit der Wimper zu zucken, ohne auch nur einen Augen- 
blick zu stutzen, zu überlegen, was man vielleicht mit dir 
vorhaben könnte. 
Du mußt ein wahrhaft sonniges Gemüt haben. Kannst du 
froh sein, Mannl Man müßte dich darum beneiden, wenn 
diese Eigenschaft etwas wert wäre. 
Rolf Bebricher 
Mußt du vierzehn Stunden arbeiten? 
So hieß die Rundfrage, die gemeinsam von <Wacht' (Katholische Jugend),
<Junge Stimme' (Evangelische Jugend) 
und <Aufwärts' gestartet wurde. In den vorigen Nummern veröffentlichten
wir Leserbriefe, die an <Aufwärts» und 
<Junge Stimme' gerichtet wurden. Heute bringen wir zum Abschluß
Leserbriefe der <Wacht'. 
,Aufwärts' freut sich über das Interesse, das die Rund- 
frage bei den Lesern der <Wacht' gefunden hat: 
Du Vwarf nich erspe 
Es ist begrüßenswert, daß nun auch die <Wacht«
das 
Thema <Jugendarbeitsschutz' zur Diskussion stellt . . . 
Man kann in diesem Zusammenhang den Gewerkschaften 
den Vorwurf nicht ersparen, ihre Aktivität auf völlig 
falschem Gebiet entwickelt zu haben. Zur Lösung außen- 
und innenpolitischer Fragen, wie sie zurzeit zur Debatte 
stehen, sind die Gewerkschaften unzuständig und ihrem 
Wesen nach nicht in der Lage... Die Tatsache, daß die 
Gewerkschaftsjugend gemeinsam mit anderen Jugend- 
verbänden die Frage des Jugendarbeitsschutzes disku- 
tieren will, läßt uns -hoffen, daß sie zumindest einen Teil
ihrer Arbeit den eigentlichen Aufgaben der Gewerkschaft 
widmen will. Es wäre wahrhaftig an der Zeitl 
Konrad B., Berlin-Reinickendorf, Pfarrjugendführer a. D. 
Wm e e  hJugeultmm  iczum=uuu 
Manche Betriebe - leider sind mir eine Reihe bekannt - 
beschäftigen Lehrlinge nur als billige Arbeitskräfte. 
Welcher Schutz steht dem Lehrling zu? Ja - das Jugend- 
arbeitsschutzgesetz. Eine Rundfrage an alle Lehrlinge, wer 
sich schon einmal auf dieses Gesetz berufen hat, würde 
wohl negativ verlaufen. An dieser Stelle muß ich sagen, 
daß ich auch nicht den Mut hatte, mich auf dieses Gesetz 
zu stützen. Hätte ich es gemacht, so wäre ich in meinem 
Lehrbetrieb .untendurdi gewesen'. Mein Chef hätte wohl 
eine Verwarnung bekommen und vielleicht auch einige 
Mark Strafe zahlen müssen. Aber die. Arbeitskraft eines 
Lehrlings überbietet doch die lächerlich kleine Strafe, die 
man über seinen Chef verhängt hätte. Liebe Wacht! Wenn 
du und alle deutschen Jugendzeitungen sich zusammentun, 
dann müßten sie versuchen, bald eine anständige Regelung
für alle Lehrlinge zu erreichen. 
Die genauen Bestimmungen kennt ja doch keiner, und 
man weiß nicht, an wen man sich wenden soll. Die Arbeits- 
zeit beträgt bei mir im Sommer 101/ Stunden. Im Winter 
Irheltfulhe ew besw 
Die Frage ist so brennend, daß ich sogar mit rotem Farb- 
band schreibe. Ich komme viel mit der werktätigen Jugend 
zusammen und will mich wenigstens für einige von ihnen 
zum Sprecher machen. Wie ist die Situation bei uns hier? 
In Großbetrieben gibt es keine Anstände. Der Betriebsrat 
sorgt dafür, daß alle Bestimmungen genau eingehalten 
werden. Aber in den Betrieben des sogenannten Mittel- 
standes und in den Kleinbetrieben sind die Zustände ver- 
heerend. Ein Beispiel: Ein Jugendlicher muß täglich min- 
destens zehn Stunden arbeiten. Für seine Uberstunden 
bekommt er <Freizeit'. Ein anderer Fall: Ein Junge, 
17 Jahre alt, mußte am ersten und zweiten Weihnachtstag 
das Büro einrichten helfen. Wenn man etwas dagegen tun 
will, kommen die Lehrlinge in große Schwierigkeiten, 
werden schikaniert und haben im Betrieb nichts mehr zu 
lachen... Ich könnte ein ganzes Dutzend Beispiele an- 
führen. Aus meiner Lehrlingszeit kann ich berichten, daß 
ein Kollege von mir - als er nur eine Stunde länger über 
die Zeit beschäftigt wurde - zur Arbeitsfront lief, und 
der Chef von der Gauverwaltung einen schweren Verweis 
erhielt. Danach durfte ich nach der Arbeitszeit keine 
Minute länger im Geschäft sein. 
W. R., Würzburg 
Wenn man täglich von morgens 8 Uhr bis durchschnittlich 
abends 21 Uhr und fast alle drei Tage bis 1 Uhr nachts 
ide soeben das   arbeiten muß, dann verliert man doch allmählich
die Lust 
%ohnung beim    an der Arbeit. Wo bleibt denn da die soziale Gerechtig- 
ja doch nicht    keit ...? 
nommen wird.     G. A., Nürnberg 


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