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The History Collection

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Jahrgang 8, Nr. 9 (April 28, 1955)

B. Traven,   p. 6


Der Großindustrielle,   p. 6


Page 6

Der Indianer dachte eine Weile nach und sagte: Dann 
kostet das Stück fünfundvierzig Centavo.' 
.All right, muy bien, und wenn ich hundert kaufe, wie- 
viel kostet dann das Stück?« 
Der Indianer rechnete wieder eine Weile: <Dann kostet 
das Stück vierzig Centavo.* 
.Das ist richtigf Aber ich möchte Sie jetzt um den Preis 
für das Stück fragen, wenn ich tausend Stück bestelle 
und wenn ich zehntausend Stück bestelle.» Der Indianer 
unterbrach jetzt seine Arbeit, um nachrechnen zu können. 
Nach einer Weile sagte er: <Das ist viel, das kann ich so 
schnell nicht ausrechnen. Das muß ich. mir erst gut über- 
legen. Ich werde darüber schlafen und es Ihnen morgen 
sagen.» 
Diese Körbchen wurden aus Bast geflochten, der in ver- 
schiedenen Farben, die der Indianer aus Pflanzen und 
Hölzern zog, gefärbt war. Der Mann verstand diese viel- 
farbigen Baststrähnen so künstlerisch zu verflechten, daß,
wenn das Körbchen fertig war, es aussah, als wäre es mit 
Figuren, Ornamenten, Blumen und Tieren bedeckt. Daß 
diese Ornamente nicht auf das Körbchen etwa aufgemalt, 
sondern als Ganzes sehr geschickt hineingeflochten 
waren, konnte auch einer, der nichts davon verstand, sofort 
erkennen, wenn er das Körbchen innen betrachtete. Denn 
innen kamen alle die Ornamente an der gleichen Stelle 
wie außen zur Ansicht. Die Körbchen mochten verwandt 
werden als Nähkörbchen oder als Schmuckkörbchen. 
Wenn der Indianer etwa zwanzig Stück dieser kleinen 
Kunstwerke geschaffen hatte und er war in der Lage, 
sein Feld einen Tag allein zu lassen, dann machte er sich 
frühmorgens um zwei Uhr auf den Weg zur Stadt, wo er 
die Körbchen auf dem Markt feilbot. Die Marktgebühr 
kostete ihn zehn Centovo. 
Obgleich er an jedem einzelnen Körbchen mehrere Tage 
arbeitete, so verlangte er für ein Körbchen nie mehr als 
fünfzig Centavo. Wenn der Käufer jedoch erklärte, das 
sei viel zu teuer, und er begann zu handeln, dann ging 
der Indianer auf fünfunddreißig, auf dreißig und selbst
auf fünfundzwanzig Centavo herunter, ohne je zu wissen, 
daß dies das Los vieler, wohl der meisten Künstler ist. 
Es kam oft genug vor, daß der Indianer nicht alle seine 
Körbchen, die er auf den Markt gebracht hatte, verkaufen 
konnte; denn viele Mexikaner, die glauben betonen zu 
müssen, daß sie gebildet sind, kaufen bei weitem lieber 
einen Gegenstand, der in einer Massenindustrie von 
zwanzigtausend Stück täglich hergestellt wird, aber den 
Stempel Paris oder Wien oder Dresdner Kunstwerkstatt 
trägt, als daß sie die Arbeit eines Indianers ihres eigenen 
Landes, der nicht zwei Stück ganz genau gleich anfertigt, 
in ihrem Einzigkeitswerk zu schätzen verstünden. 
So, wenn der Indianer seine Körbchen nicht alle verkaufen 
konnte, dann ging er mit dem Rest von Ladentür zu 
Ladentür hausieren, wo er, je nachdem, mit barscher, mit 
gleichgültiger, mit wegwerfender, mit gelangweilter Geste 
behandelt wurde, wie Hausierer, Buch- und Einrahmungs- 
agenten zu behandelt werden pflegen. 
Der Indianer nahm diese Behandlung hin wie alle Künstler, 
die allein den wirklichen Wert der Arbeit zu schätzen 
wissen, derartige Behandlung hinnehmen. Er war nicht 
traurig, nicht verärgert und nicht mißgestimmt darüber. 
Bei diesem Forthausieren des Restes wurden ihm oft nur 
zwanzig, ja sogar fünfzehn und zehn Centavo für das 
Körbchen geboten. Und wenn er es selbst für diese 
Nichtigkeit verkaufte, so sah er häufig genug, daß die 
Frau das Körbchen nahm, kaum richtig ansah und dann, 
noch in seiner Gegenwart, das Körbchen auf den nächsten 
Tisch warf, als wollte sie damit sagen: <Das Geld ist ja 
völlig unnütz ausgegeben, aber ich will doch den armen 
Indianer etwas verdienen lassen, er hat ja einen so weiten 
Weg gehabt. Wo bist du denn her? - So, von Tlacotepec. 
Weißt du, kannst du mir nicht ein paar Truthühner 
bringen? Müssen aber schwer und sehr billig sein, sonst 
nehme ich sie nicht.' 
Die Amerikaner sind ja nun mit solchen kleinen Wunder- 
werken nicht so verwöhnt wie die Mexikaner, die, von 
einigen Ausnahmen abgesehen, nicht wissen und nicht 
schätzen, was sie in ihrem Lande an Gütern haben. Und 
wenn nun auch der allgemeine Amerikaner den wirk- 
lichen Wert an unvergleichlicher Schönheit dieser Arbeiten 
nicht abzuschätzen versteht, so sieht er doch in den 
meisten Fällen sofort, daß hier eine Volkskunst vorliegt, 
die er würdigt und um so rascher erkennt und schätzt, 
als sie in seinem Lande fehlt. 
Der Amerikaner kaufte vierzehn Körbchen. Das war alles, 
was der Indianer auf Vorrat hatte. 
Als der Amerikaner nun glaubte, Mexiko gesehen zu 
haben und alles und jedes zu wissen, was über Mexiko 
und die Mexikaner wissenswert ist, reiste er zurück nach 
Neuyork. Und als er wieder mitten drin war in seinen 
Geschäften, dachte er an die Körbchen. 
Er ging zu einem Großschokoladenhändler und sagte zu 
ihm: <Ich kann Ihnen hier ein Körbchen anbieten, das 
sich als sehr originelle Geschenkpackung für feine Schoko- 
laden verwenden läßt.» Der Schokoladenhändler besah
sich das Körbchen mit großer Sachkenntnis. Er rief sogar 
seinen Teilhaber herbei und endlich auch noch seinen 
Manager. Sie besprachen sich, und dann sagte der Händler: 
.Ich werde Ihnen morgen den Preis sagen, den ich zu 
zahlen gewillt bin. Oder wieviel verlangen Sie?' 
.Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich mich nur nach 
Ihrem Angebot richten kann, ob Sie die Körbchen erhalten. 
Ich verkaufe dieses Körbchen nur an das Haus, das am 
meisten dafür bietet.- 
Nächsten Tag kam der Mexikokenner wieder zu jenem 
Händler. 
Sagte der Händler: <Ich kann für das Körbchen, mit den
feinsten Pralinen gefüllt, vier, vielleicht gar fünf Dollar 
bekommen. Es ist die originellste und schönste Packung, 
die wir dem Markt anbieten können. Ich zahle zwei und 
einen halben Dollar das Stück, Hafen Neuyork, Zoll und 
Fracht auf meine Lasten, Verpackung zu Ihren Lasten.» 
Der Mexikoreisende rechnete nach. Der Indianer hatte 
ihm bei einer Abnahme von hundert Stück das Stück für 
vierzig Centavo angeboten, das waren zwanzig Cent. 
Er verkaufte das Stück für zwei und einen halben Dollar. 
Dadurch verdiente er am Stück zwei Dollar dreißig Cent 
oder ungefähr zwölfhundert Prozent. 
<Ich denke, ich kann es für diesen Preis tun», sagte er. 
Worauf der Händler antwortete: 
<Aber unter einer wichtigen Bedingung. Sie müssen mir 
wenigstens zehntausend Stück dieser Körbchen liefern 
können, Weniger hat für mich keinen Wert, weil sich 
sonst die Reklame nicht bezahlt, die ich für diese Neuheit 
machen muß. Und ohne jede Reklame kann ich den Preis 
nicht herausholen.' 
<Abgeschlossen', sagte der Mexikokenner. Er hatte etwa 
rund vierundzwnzigtausend Dollar verdient, von wel- 
chem Betrage nur die Reise abging und der Transport bis 
zur nächsten Bahnstation. 
Er reiste sofort zurück nach Mexiko und suchte den 
Indianer auf. 
<Ich habe ein großes Geschäft für Sie', sagte er. <Können
Sie zehntausend dieser Körbchen anfertigen?«' 
<Ja, das kann ich gut. Soviel wie Sie haben wollen. Es 
dauert eine Zeit, Der Bast muß vorsichtig behandelt 
werden, das kostet Zeit Aber ich kann so viele Körbchen 
machen, wie Sie wollen.' 
Der Amerikaner hatte erwartet, daß der Indianer, als 
er von dem großen Geschäft hörte, halbtoll werden würde,
etwa wie ein amerikanischer Automobilhändler, der auf 
einen Schlag fünfzig Dodge Brothers verkauft. Aber der 
Indianer regte sich nicht auf. Er stand nicht einmal auf 
von seiner Arbeit. Er flocht ruhig weiter an seinem Körb- 
chen, das er gerade in den Händen hatte. Es waren viel- 
leicht noch fünfhundert Dollar extra zu verdienen, womit 
die Reisekosten hätten gedeckt werden können, dadte 
Der Amerikaner kam am nächsten Morgen zum Indianer, 
um den neuen Preis zu hören. 
<Haben Sie den Preis für tausend und für zehntausend 
Stück ausgerechnet?' 
.Ja, das habe ich, Sefior. Und ich habe mir Mühe und 
Sorge gemacht, das gut und genau auszurechnen, um nicht 
zu betrügen. Der Preis ist ganz ausgerechnet. Wenn ich 
tausend Stück machen soll, dann kostet das Stück zwei 
Peso, und wenn ich zehntausend Stück machen soll, dann 
kostet das Stück vier Peso.« 
Der Amerikaner war sicher, nicht richtig verstanden 
zu haben, Vielleicht war sein schlechtes Spanisch daran 
schuld. 
Um den Irrtum richtigzustellen, fragte er: .Zwei Peso 
für das Stück bei tausend und vier Peso das Stück bei 
zehntausend? Aber Sie haben mir doch gesagt, daß bei 
hundert das Stück vierzig Centavo kostet." 
<Das ist auch die Wahrheit. Ich verkaufe Ihnen hundert 
das Stück für vierzig Centavo.' Der Indianer blieb sehr 
ruhig, denn er hatte sich alles ausgerechnet, und es lag 
kein Grund vor, zu streiten. <Seftor, Sie müssen das doch 
selbst einsehen, daß ich bei tausend Stück viel mehr 
Arbeit habe als mit hundert, und mit zehntausend Stück 
habe ich noch viel mehr Arbeit als mit tausend. Das ist 
gewiß jedem vernünftigen Menschen klar. Ich brauche 
für tausend viel mehr Bast, habe viel länger nach den 
Farben zu suchen und sie auszukochen. Der Bast liegt 
nicht gleich so fertig da. Der muß gut und sorgfältig ge- 
trocknet werden. Und wenn ich so viele tausend Körbchen 
machen soll, was wird denn dann aus meinem Malsfeld 
und aus meinem Vieh? Und dann müssen mir meine 
Söhne, Brüder und meine Neffen und Onkel helfen beim 
Flechten. Was wird dann da aus deren Maisfeldern und 
aus deren Vieh? Das wird dann alles sehr teuer. Ich habe 
gewiß gedacht, Ihnen sehr gefällig zu sein und so billig 
wic möglich. Aber das ist mein letztes Wort, Sefior, 
verdad, ultima palabra, zwei Peso das Stück bei tausend 
und vier Peso das Stück bei zehntausend.' 
Der Amerikaner redete und handelte mit dem Indianer 
den halben Tag, um ihm klarzumachen, daß hier Rechen- 
fehler vorliegen. 
Er gebrauchte ein neues Notizbuch voll von Blättern, um 
an Zahlen zu beweisen, wie der Indianer für sich ein 
Vermögen verdienen könne, bei einem Preis von vierzig 
Centavo für das Stück, und wie man Unkosten und 
Materialkosten und Löhne verrechnet. Der Indianer sah 
sich die Zahlen verständnisvoll an, und er bewunderte 
die Schnelligleit, mit der der Amerikaner die Zahlen 
niederschreiben und aufsummieren, zerdividieren und 
durchmultiplizieren konnte, Aber im Grunde machte es 
wenig Eindruck auf ihn, weil er Ziffern und Buchstaben 
nicht zu lesen vermochte und aus der klugen, volkswirt- 
schaftlich sehr bedeutenden Vorlesung des Amerikaners 
keinen anderen Nutzen zog als den, daß er lernte, daß 
ein Amerikaner stundenlang reden kann, ohne etwas zu 
sagen. Als der Amerikaner dann endlich erkannte, daß er 
den Indianer von seinen Rechenfehlern überzeugt hatte, 
klopfte er ihm auf die Schulter und fragte: <Also, mein 
guter Freund, wie steht nun der Preis?« 
<Zwei Peso das Stück für tausend und vier Peso das 
Stück für zehntausend.» Der Indianer hockte sich nieder 
und fügte hinzu: <Ich muß jetzt aber doch wieder an 
meine Arbeit gehen, entschuldigen Sie mich, Seülor" 
Der Amerikaner reiste in Wut zurück nach Neuyork, und 
alles, was er zu dem Schokoladenhändler sagen konnte, 
um seinen Vertrag lösen zu können, war: Mit Mexi- 
kanern kann man kein Geschäft machen, für diese Leute 
ist keine Hoffnung.» 
hockte vor seiner Hütte auf dem Erdboden 
e Körbchen. 
erikaner:<Was kostet so ein Körbchen, 
C, antwortete der Indianer. 
1, wem ich damit eine 
artet, daß das Körb- 
.Sie haben mir gesagt, daß Sie mir die Körbchen das 
Stück für vierzig Centavo verkaufen können, wenn ich 
hundert Stück bestelle', sagte er nun. 
<Ja, das habe ich gesagt', bestätigte der Indianer.<Was 
ich gesagt habe, dabei bleibt es.» 
<Gut dann', redete der Amerikaner weiter, <aber Sie 
haben mir nicht gesagt, wieviel ein Körbchen kostet, 
wenn ich tausend Stück bestelle." 
So wurde Neuyork davor bewahrt, von Tausenden dieser 
köstlichen kleinen Kunstwerke überschwemmt zu werden. 
Und so wurde es möglich, zu verhüten, daß diese wunder- 
schönen Körbchen, in die ein indianischer Landmann den 
Gesang der Vögel, die um ihn waren, die Farbenpracht 
der Blumen und Blüten, die er täglich im Busch sah, und 
die ungesungenen Lieder, die in seiner Seele klangen, 
hineinzuweben gewußt hatte, zermanscht und zerstampft 
in den Kehrichttonnen in der Park Avenue gefunden 
wurden, weil sie keinen Wert mehr hatten, nachdem die 
Pralinen herausgeknabbert waren. 
Entno-men aus dem Taschenbuch der S. Fischer-Bücherei 
.Der Banditen-Arzt" von B. Traven Preis DM i.O 
.Sie haben mich nicht 
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