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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 8, Nr. 9 (April 28, 1955)

An den 'Aufwärts',   p. 2


Dohrenbusch, Hans
Politische Warmwetterperiode,   p. 2


Hadobu
Das Aktionsprogramm der Gewerkschaften,   p. 2


Page 2

Dohrenbus& 
Nr. 65,5.) Leider erwecken jene Kommilitonen, die mit 
einem dicken Monatswechsel von Papa ausgestattet sind, 
in der Offentlichkeit immer wieder den Eindruck, das 
Studium sei eine unbeschwerte Angelegenheit und habe 
nur angenehme Seiten. Ich möchte bei dieser Gelegenheit 
aber auch sagen, daß die Gewerkschaften gut beraten 
wären, wenn sie sich einmal etwas mehr um die Univer- 
sitäten im allgemeinen und um die Studenten im beson- 
deren kümmern würden. Oft höre ich, die Studenten 
daß entweder eine bewaffnete Auseinandersetzung oder 
eine friedliche Verständigung nur zur Wiedervereinigung 
führen können? Der erste Weg scheidet aus. Also Ver 
handlungen. Was will man tun, wenn der Modellfal 
Osterreich von den Russen für Deutschland angeboten 
wird? In Westdeutschland ist bisher noch keine bündige 
Antwort gegeben worden, aber in der übrigen Wel 
diskutiert man den Plan bereits - und es besteht Gefahr 
daß unsere Außenpolitik wieder einmal von dem Gefüh 
der Stärke bestimmt wird. 
hätten keinerlei Beziehungen zur Arbeiterschaft. Aber hat 
denn die Arbeiterschaft eine Beziehung zu den Studenten? 
Karl Fricke, Bonn 
Ich muß schon sagen, daß den beiden jungen Leuten, die 
Sie in Ihrer Reportage <Was wäre, wenn...» (Nr. 8/55) 
vorgestellt haben, eine anständige männliche Erziehung 
beim Militär wohl nichts schaden würde. Sie scheinen 
auch zu denen zu gehören, die nur die angenehmen 
Seiten des Lebens im Sinn haben. Ich selbst habe 1908/09 
beim Militär Ordnung und Korrektheit gelernt, ohne des- 
wegen ein Militarist geworden zu sein. 
Kurt Bramme, Bremerhaven 
hulIch un offe 
Wenn alle Zeitungen in Deutschland so ehrlich und offen 
wie der <Aufwärts» ihre Meinung sagen würden, dann wäre
es besser um uns bestellt. Ich kann nur sagen, macht so 
weiter! Aber andere Titelbilder könntet Ihr Euch doch 
bald zulegen. Ich jedenfalls bin kein großer Freund von 
abstrakten Zeichnungen. 
Heinz F. Winker, Oberhausen 
Ieler 
Die <Engel-Geschichte' auf der ersten Seite (Nr. 8/55) hat 
mir sehr viel Spaß gemacht. Dadurch hatte der <Auf- 
wärtso direkt mal ein heiteres Gesicht bekommen. 
Ingeborg Breuer, Lübeck 
VenIedlIahlerSlkbrduch 
Nach  meiner Meinung    gehören  solche Geschichten 
bestimmt nicht in eine Gewerkschaftszeitung. (Dürfen die 
Engel oder dürfen die Engel nicht? Nr. 8/55.) Die Tendenz 
ist doch eine indirekte Verniedlichung des Streikbruchs. 
Das sollten wir wirklich den Arbeitgebern überlassen. 
Franz Bruck, Kassel 
Ich muß dem Kollegen Egbert Bublitz in Bern (Leserbrief 
.Bewunderung' in Nr. 8/55) widersprechen. Er bringt in 
seinem  Schreiben eine Diffamierung aller deutschen 
Architekten zum Ausdruck, die nicht so supermodern 
bauen, daß ein normaler Mensch sich kaum noch wohl- 
fühlen kann in den Häusern. Es gehört meines Erachtens 
auch zu den Aufgaben eines guten Architekten, auf das 
gesunde Empfinden der Menschen einzugehen. 
Brigitte Wehrling, Köln 
ie Uruh bI 
In Nr. 5 sagte Hans Dohrenbusch: <Die Unruhe muß 
bleiben.» Die Unruhe, die er beschwor, ist die im Gefolge 
der Beschlüsse über den deutschen Verteidigungsbeitrag. 
Zu diesem Thema wurde wenige Tage später, Mitte 
März, ein bemerkenswerter Beitrag geeistet von einer 
Stelle, von der man dergleichen kaun erwartet hätte: 
Der Stadt- und Kreisjugendring von Sigmaringen an der 
Donau unterfing sich, eine Diskussion zum Wehrbeitrag 
der Jugend zu veranstalten. Hier stoßen die Meinungen 
sonst nicht so hart aufeinander. Bei nur 7000 Einwohnern 
kennt man einander und ist konziliant, weil man es sein 
muß, man nimmt Rücksichten aufeinander, weil man dazu 
gezwungen ist. Aber bei dieser Diskussion entzündeten 
sich die Geister, und die Unruhe, die durch das Land geht, 
zitterte im Saal des hohenzollerischen Landeshauses. Es 
ging erregt zu im Anschluß an die Eingangsreferate von 
Dr. Josef Wilhelm, dem Leiter der <Jungen Union» in 
Stuttgart, und dem Stuttgarter Journalisten Fritz Lamm, 
SPD, der den Verband der Kriegsdienstverweigerer in 
nten wurde nichts grundsätz- 
ist aber besonders hervor- 
te contra Wehrmacht nicht 
und den   im  Jugendring 
ngen Gewerkschaftern vor- 
Und endlich wissen wir nun, daß ziemlich sicher noch in 
diesem Jahr eine Viermächtekonferenz stattfinden wird. 
Der kalte Krieg wird von einer friedlichen Warmwetter- 
welle überzogen. Es sind alles Ereignisse, die selbst der 
kühnste Optimist vor einigen Monaten nicht für möglich 
gehalten hätte. Es wäre zu schön, wenn man dies alles 
auf las Konto einer unbedingten Friedensliebe schreiben 
könnte, aber wahrscheinlicher wird wohl die Angst vor 
einem drohenden Atomkrieg sein. Er steht als drohendes 
Gespenst nicht vor den Völkern der Erde, sondern auch 
vor denen, die die Geschicke ihrer Völker zu lenken 
haben. Sei es wie es sei, feststeht, daß die Fronten auf- 
getaut sind und an die Stelle der Drohungen die Gespräche 
treten werden. 
Der Erfolg der österreichischen Regierungsvertreter in 
Moskau hat in der ganzen Welt Uberraschung hervor- 
gerufen, hatte doch kaum jemand an eine solch glatte 
Lösung zu glauben gewagt. Mit einmal zeigt sich ein neuer 
Weg, der insbesondere in der westdeutschen politischen 
Offentlichkeit lebhaft diskutiert und als Modellfall für 
Deutschland hingestellt wird, wobei man sich darüber 
klar ist, daß das österreichische Kostüm für Deutschland
etwas anders zugeschnitten sein muß, aber die Grundlinie 
beibehalten werden soll. Der Kanzler hat im nieder- 
sächsischen Wahlkampf ein solches Kostüm abgelehnt 
und an die Treue zu den Pariser Verträgen erinnert. Nun, 
wir haben bisher gehört, daß diese Verträge nicht der 
politischen Weisheit letzter Schluß sind und sie im Grunde 
und in erster Linie der Wiedervereinigung Deutsch- 
lands dienen sollen. Was aber - und alle Anzeichen 
deuten darauf hin -, wenn die Pariser Verträge die 
Wiedervereinigung unmöglich machen? Ist es nicht so, 
und für einige Zeit darüber hinaus keine bewaffnete Aus- 
einandersetzung wollen. Besteht bei ihnen, was man an. 
nehmen kann, auch die Angst vor einem Atomkrieg, so 
müßte sie auch weiter bestehen, wenn Deutschland wiede 
vereinigt, aber aus den westlichen Bündnissen gelöst ist. 
Der Atomgegner Rußlands heißt nicht Deutschland, son- 
dem USA. Zwischen diesen beiden Mächten wird die 
Frage Krieg oder Frieden entschieden. Die Angst vor 
dem Atomkrieg wird wahrscheinlich von nun an immei 
bestehen, es sei denn, daß die Menschen und Politiker 
eine grundlegende moralische Wandlung durchmachen, 
woran wir glauben möchten, aber auf Grund der bis- 
herigen Erfahrungen nicht glauben können. Möglich ist, 
daß die beiden Systeme friedlich nebeneinander leben. 
Selbst wenn dies nur für eine Zeitspanne von einigen 
Jahrzehnten gewährleistet wäre, müßte man diesen Weg
beschreiten. Und es will angesichts der politischen 
Ereignisse der letzten Wochen scheinen, als gäbe es zu 
einer zwar bewaffneten, aber friedlichen Verständigung 
nur diesen Weg, Ein wiedervereinigtes Deutschland 
brauchte sich deshalb nicht vom Westen zu trennen, zwar 
militärisch, aber nicht in seiner geistigen Haltung, wenn 
wir diese Haltung bezeichnen mit einer friedlichen Ver- 
ständigung  zwischen  allen  Menschen, eines sozial- 
gerechten Staates, einer von Vorrechten befreiten Wirt- 
schaft und einer unbedingten geistigen Freiheit der 
Staatsbürger. 
Das sind Postulate, die ja heute in den wenigsten Staaten 
der westlichen Welt Wirklichkeit sind, womit wir sagen 
wollen, daß auch eine wirklich freie westliche Welt erst 
zu schaffen ist. Dies ist aber nur im Frieden möglich. Man 
sollte sie schaffen, auch um den Preis von eventuellen 
Divisionen. 
Das Aktionsprogramm der Gewerkschaften 
Wie im Vorjahr auf dem Frankfurter Kongreß des DGB 
beschlossen, liegt nun zum 1. Mai das Aktionsprogramm 
vor, das in fünf Hauptforderungen gegliedert ist: 
Kürzere Arbeitszeit, 
Höhere Löhne und Gehälter, 
Größere soziale Sicherheit, 
Gesicherte Mitbestimmung, 
Verbesserten Arbeitsschutz. 
Wissenschaftliche Erkenntnisse und moralische Forde- 
rungen bestimmen das Programm. Ausgehend von den 
Erfordernissen unserer technisierten Welt, wird die For- 
derung nach der Fünftagewoche bei vollem Lohn- und 
Gehaltsausgleich mit täglich achtstündiger Arbeitszeit er- 
hoben. Sie soll sowohl durch Tarifvertrag als auch durch 
Gesetz herbeigeführt werden. Die Forderung nach höheren 
Löhnen und Gehältern wird begründet mit dem längst 
nicht ausreichenden Lebensstandard der arbeitenden Men- 
schen, dem die hohen Gewinne der Unternehmer gegen- 
überstehen. Die Forderung auf gleiche Entlohnung für 
Männer und Frauen wird erneut erhoben, die Zahlung 
eines besonderen Urlaubsgeldes und die tarifliche oder 
gesetzliche Zuwendung des Weihnachtsgeldes wird ver- 
langt. Ferner sollen auch die Arbeiter bei Krankheit in 
den ersten sechs Wochen ihren vollen Lohn bekommen. 
Größere soziale Sicherheit soll durch die Sicherung des 
Arbeitsplatzes gewährleistet werden. Bei Arbeitslosigkeit 
sollen die bestehenden Unterstützungssätze so erhöht 
werden, daß Arbeitnehmer und ihre Familien nicht in 
unverschuldete Not geraten. Dasselbe soll für Unfall und 
Krankheit gelten. Die Altersrente soll durch geeignete 
Maßnahmen so geregelt werden, daß der arbeitende 
Mensch, auch wenn er nicht mehr arbeiten kann, seinen 
bisherigen Lebensstandard aufrechterhalten kann. Das- 
selbe gilt auch bei vorzeitiger Invalidität. In der gesamten 
Sozial- und Arbeitslosenversicherung ist eine echte Selbst- 
verwaltung der Versicherten einzuführen. 
Das geltende Mitbestimmungsrecht in Kohle und Eisen 
soll auch für die Obergesellschaften in vollem Umfange 
durch Gesetz geregelt werden. Gleichzeitig wird die gleich- 
berechtigte Mitbestimmung für alle Betriebe und Ver- 
waltungen gefordert. 
Gefordert werden ein verbesserter Arbeitsschutz und aus- 
reichende Ausbildungsmöglichkeiten für die Jugend. 
Das sind Forderungen, die für einen Staat, der von 
Menschen regiert wird, die sich christlich-sozial nennen, 
eigentlich selbstverständlich sein sollten. Und man ist 
immer noch die Antwort schuldig, warum diese For- 
derungen, die ja nicht mehr sehr neu sind, nicht längst 
verwirklicht wurden. Das Aktionsprogramm der Gewerk- 
schaften rüttelt an den Monopolstellungen, die sich in 
unserem Staat etabliert haben. Und es wird so lange 
gerüttelt werden, bis der Wirtschaftsuntertan verschwun- 
den und an seine Stelle der Wirtschaftsbürger getreten 
ist. Ein demokratischer Staat hat mit Vorrechten auf- 
zuräumen. Wo er es nicht tut, da wird er die arbeitenden 
Menschen zur Erkämpfung ihrer einfachsten Menschen- 
rechte auf den Plan rufen. So ist das Aktionsprogramm 
nicht nur eine Mahnung an Regierung und kapitalistische 
Kreise, sondern auch ein Aufruf an die Mitglieder, sich 
für die Erreichung dieser Forderungen voll und ganz ein- 
zusetzen. Die Gewerkschaften sind dabei nicht nur im 
Bunde mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer 
Zeit, sondern auch im Bunde mit den sozialen und mora- 
lischen Forderungen der Demokratie. 
Hadobu 
i 


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