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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 5, Nr. 24 (November 27, 1952)

Totenhaus,   p. [5]


Panik,   p. [5]


Page [5]

Henri Gartier Breson war im 
Totenhaus 
S    CarUf  Bresson, der Fot  f dieses Blldberites, war in Singapur im Toten-
haus. -Wenn ei Chinese den Tod nahenlühlM t verllt er seine Familie
und zebt in 
das Haus des   d. Der Chinese ist rflcsihtsvoll, sein Tod soli niemand listig
fallen. Cartier Bresns Fotos sind nicht sensatinell, aber erschtternd. In
dem groll- 
ertIgen Buh.hmg«lae   Sauvette" (Vrl   VeVe, Paris)d siseine M
er gesammnelt. 
Kein Platz zum Sterben ist zu Haus. Die ganze große Familie - vielleicht
auch 
zwei oder drei - wohnt auf engstem Raum zusammen. Ißt, schläft
und lebt in einem 
viel zu kleinen Raum. Vielleicht hat das Kind eine ansteckende Krankheit
und die 
Eltern flrchten um Ihr eigenes Leben. Und außerdem: Jeder stirbt im
Totenhaus. 
Diese Frau muß Sterben. Sie hat schon lange gespürt, wie Ihre
Kraft weniger wird 
und ihr Herzschlag schwächer. Sie hat sich von den Söhnen ins Totenhaus
tragen lassen, 
und ihre Töchter bringen Ihr die letzten Mahlzeiten, wlihrend die Enkelkinder
mit 
neugierigen Augen die geheimnisvollen Vorbereitungen der Totenpriester bestaunen.
Sie wartet schon seit zwei Jahren auf den Tod der immer andere aus dem Totenhaus
holt, nie 
aber zu Ihr kommt. Die Verwandten haben schon angefangen, sie zu vergessen.
Aber eines Tages wird 
auch sie gestorben sein. Niemand, den man ins Totenhaus getragen, ist lebendig
wieder herausgekommen. 
Und auch bei ihr wird es nicht mehr lange dauern, bis man sie in einer schwarzen
Kiste hnaustrgt. 
Im AUFWARTS Nr. 23 wurde berichtet: An einem Freitag, dem 30. Oktober 138,
sitzen Mr. und Mrs Brown In Neu- 
york am Radio und hören Tanzmusik auf CBC. Um 20.30 Uhr wird die Musik
durch eine Sondermeldung unterbrochen: 
In Growers Hill bei Neuyork Ist ein ungewöhnlich großes Meteor
niedergegangen; unser Funkwagen ist schon unter- 
wegs und wird Genaueres berichten. Der Reporter In Growers Hill kann dann
eben noch sagen, daß riesige Gestalten 
das geheimnisvolle Ungetüm verlassen und alles zerstören, da endet
die Sendung mit furchtbarem Krachen. Um 
22.20 Uhr meldet CBC den vor Angst erstarrenden Menschen: SFremde Lebewesen
verlassen zu Tausenden das 
Raumschiff und zerstören alles. Verluste ungeheuer.» Einer, der
dabei gewesen ist, berichtet, wie es weitergehL 
PANIK 
Bin auf reqmber Beric   aus Neiyor«k  II. Teil 
SSoeben erreicht uns die Meldung, daß sich die 
Delegation des Völkerbundes, die zurzeit in 
Neuyork weilt, im Kraftwagen nach Growers 
Hill begeben hat. Sie will versuchen, mit den 
Boten aus dem Weltall Verhandlungen aufzu- 
nehmen. Die Delegation besteht aus...* 
SSehr interessant«, sagt Mister Brown und wird 
bleich. Und Missis Brown sagt gar nichts. Sie 
fand es eben noch interessant, jetzt... 
.Es ist 22.45 Uhr', meldet sich CBC wieder. SSie 
hören eine wichtige Bekanntmachung des Kriegs- 
ministeriums: Die Reservisten der Quote A 1 
bis A XVII der US Army und US Air Force aus 
dem Staate Neuyork haben sich sofort auf den 
in ihrer Mob-Order genannten Sammelplätzen 
zu melden. Wir wiederholen: Die Reservisten 
der Quote...» 
Nun findet niemand mehr die Sache interessant. 
Nun läuft es jedem kalt den Rücken hinunter. 
Nun ist das da, woran kein Amerikaner je zu 
denken wagte: Krieg im eigenen Land, Krieg 
vor den Toren von Neuyork. 
22.55 Uhr meldet CBC: Im Raum von Growers 
Hill wurden weitere Weltraumschiffg beobach- 
tet, die zur Landung ansetzen. Sie sollen wesent- 
ich größer sein als das erste. -Wie #das Kriegs- 
ministerium bekanntgibt, starteten alle Ein- 
heiten des I., IX., Xl. und XVI. Jagdgesdhwa- 
ders nach Gröwers Hill,« 
23.05 Uhr: SSoeben treffen folgende Nachrichten 
aus Growers Hill ein: Die Funkverbindung mit 
der Völkerbunddelegation ist abgerissen. Die 
Truppen der aktiven US Army, die jetzt mit den 
Eindringlingen im Kampf stehen, haben sich 
planmäßig und in vollerOrdnung auf den Stadt- 
rand von Newmark zurückgezogen. Es besteht 
nach Angaben der Heeresleitung deshalb kein 
Grund zur Beunruhigung, da sich Verstärkun- 
gen, bestehend aus Einheiten der schnellen Trup- 
pen, schon auf dem Luftwege nach Growers Hill 
befinden. Seien Sie deshalb ohne Sorgenl« 
Der Mann am Mikrofon hat gut reden, Er sitzt 
in Neuyork, immerhin ein gutes Ende von Gro- 
wers Hill entfernt. Aber in Newmark brechen 
in diesen Minuten verängstigte Menschen auf, 
raffen das Nötigste zusammen und fliehen in 
die schwarze Nacht, weg, weg, nur weg von 
dieser Stadt... 
Um 23.15 Uhr meldet sich auf CBC Arthur 
Father. Dreisterngeneral der US Army: .La- 
dies and Gentlemenl Ich kann Ihnen nicht ver- 
schweigen, daß wir vor den schwersten Stunden 
unserer amerikanischen Geschichte, ja vielleicht 
vor den schwersten Stunden der Weltgeschichte 
überhaupt stehen. Die Krieger aus dem Welt- 
all haben jetzt den Hudson überschritten. Sie 
stehen vor Newmark. Die Lage ist ernst. Zwar 
sind große Reserven unserer Armee und Luft- 
waffe Im Anmarsch, aber wir wissen bis zur 
Stunde noch nichts über die Reserven des ge- 
heimnisvollen Feindes.. . 
Dann wird über weite Gebiete um Neuyork der 
Belagerungszustand verhängt. Alle Soldaten 
werden aufgeboten. Alle Amerikaner werden 
nochmals aufgefordert, nicht den Kopf zu ver- 
lieren und die Heeresleitung durch Befolgen 
ihrer Anweisungen zu unterstützen. 
Nicht den Kopf verlieren, hatte der General ge- 
sagt. Aber n Neuyork werden die Menschen 
immer unruhiger. Viele drängen in die Schächte 
der Untergrundbahn. Multimillionär Finchley 
und Stahlkönig F, J. Howers lassen sich zum 
Hafen fahren, hieven die Anker ihrer Luxus- 
jachten und steuern aufs weite Meer hinaus. 
23.25 Uhr. CBC gibt durch:-Sie hören eine An- 
sprache von G. V. Samson, Sprecher des State 
Departments: »Amerikanert Die Lage ist ernst. 
Wir werden die Schwierigkeiten nur meistern, 
wenn wir jetzt alle zusammenstehen und das 
Notwendige tun, ohne Ansehen auf Rang und 
Stellung, Partei oder Weltanschauung, wenn 
jeder bereit ist, sein Leben für unsere freie 
Welt hinzugeben...«' 
Da springen in Hariem drei Neger aus dem 
Fenster und bleiben mit zerschmetterten Glie- 
dern liegen. In Brooklyn erschießt ein Gemischt- 
warenhändler seine Frau. In der Beering Street 
stürmen Burschen und Mädchen eine Destilerie, 
schlagen sich um die besten Schnapsflaschen 
und liegen schließlich auf dem Bauch, Nur in 
der X. Avenue steht wie jeden Abend die Heils. 
armee vor ihrem Quartier und singt: SKomm 
zu Jesus, komm zu Jesus, Jesus ist dein 
Freund...» 
Und viele, die sonst um  dieselbe Stunde dort 
.vorbeigingen und Witze machten, bleiben stehen, 
fallen auf die Knie und singen: ....kann nicht 
bleiben hier, näher mein Jesus zu dirl« Um 
23.  Uhr sprechen auf der X. Avenue unzäh- 
lige Menschen Sterbegebete der Heilsarmee 
nach. 
23.40 Uhr: SHier ist CBC1 Die Invasion der Ro- 
boter dehnt sich weiter aus. Der Stadtrand von 
Neuyork ist erreicht.« 
23.45Uhr: «DieRoboter dringen inNeuyork ein. 
Jeder geordnete Widerstand hat aufgehört ... « 
Es folgt ein Bericht über die durch Neuyork 
stampfenden Ungeheuer. Was ihnen vor die 
Füße kommt, wird vernichtet: Autos, Eisen- 
bahnen, Brücken, Häuser. Wolkenkratzer stür- 
zen ein, Feuer bricht aus, Neuyork vergeht. 
SJetzt sind die Ungeheuer auch in unsere Straße 
eingedrungen, erklärt der Sprecher am Mikro- 
fon mit bebender Stimme. SEine Welle tödlichen 
Gases geht vor ihnen her. Wen sie erreicht, 
fällt um und merkt nichts mehr von der schreck- 
lichen  Vernichtung.«  Ein  ohrenbetäubendes 
Krachen klingt aus dem Lautsprecher. SJetzt ist 
der Wolkenkratzer der Sherford Companie ein- 
gestürzt... und jetzt kommen...» Abermals 
Krachen und Bersten. Dann Totenstille. Eine 
Minute. Zwei Minuten. 
23.50 Uhr: SHier spricht die CBCI Sie hörten 
den ersten Teil des Hörspiels »Der Krieg der 
Welten« von Orson Welles. Bis zu den letzten 
Nachrichten um 24 Uhr hören sie Unterhal- 
tungsmusik. Guten Empfangt» 
DieMenschen amLautsprecher brechen in hyste- 
risches Geschrei aus. In Manhattan wird eine 
Frau wahnsinnig und muß in die Irrenanstalt 
eingeliefert werden. Mister Brown und seine 
Frau können in dieser Nacht nicht schlafen. 
In dieser Nacht sitzen aber ein paar junge 
Leute beim Whisky, schlagen sich auf die Schen- 
kel und lachen: Mensch. Orson, hast du prima 
gemacht. Das ist das Hörspiel des Jahres." 
,Hat auch eine Menge Anstrencgungen ge- 
kostet», sagt Orson Welles, Sden Burschen da 
im Sendehaus klarzumachen, daß vorher keine 
Ansage kommen darf. Aber wartet erst einmal 
den zweiten Teil ab...' 
Der zweite Teil ist nie gesendet worden. Die 
von der CBC waren sowieso froh, daß sie nicht 
totqeschlagen wurden. Aber das wußte Orson 
Welles an dem Abend noch nicht. 
Eigentlich hätte er doch wissen müssen, daß 
viele Menschen so dumm sind und alles glau- 
ben, was aus dem Lautsprecher kommt. 


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