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The History Collection

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Jahrgang 5, Nr. 24 (November 27, 1952)

Sarogan, William
Cadillac 1924,   p. [4]


Blutegel an der Pipeline,   p. [4]


Page [4]

Ich kläre sie völlig darüber auf, was sie be- 
kommen, aber es scheint sie keineswegs abzu- 
halten, wenn sie nun einmal ihr Herz daran ge- 
hängt haben, Auto zu fahren. Sie bestehen ein- 
fach darauf, eine Anzahlung zu machen und los- 
zufahren. 
Jeden Tag kommen sie zu Hunderten, Männer, 
Frauen und Kinder, und wollen einen gebrauch. 
ten Wagen, und, alles was ich tue, ich lasse 
ihnen ihren Willen. Eine alte Dame, die nicht 
Auto fahren kann, will ein altes Hupmobil kau- 
fen, weil es grün ist. Warum sollte ich sie also 
daran hindern? Ich sage ihr die Wahrhelt über 
den alten Karren, aber sie kauft ihn trotzdem, 
und am nächsten Tage sehe ich sie mit 66 Kilo- 
meter je Stunde die Straße hinunterfahren. Sie 
ist in Sportkleidung, und das Radio läuft auf 
vollen Touren; ein Sdlagersänger grölte, STief 
in dem Herzen meinlt Mein Gott, Ist das schön 
und schrecklich. 
Da kam letzten April ein junger Filipino, der 
in der Gegend von Bakersfield auf einer Farm 
gearbeitet und eine kleine Geldsumme gespart 
hatte, wofür ich mir, sagte er, einen großen 
Sport-Packard anschaffen möchte. Nun ja, ich 
hatte dieses Riesenschlachtschiff von einem 
Packard, der vor etwa sieben Jahren mitten in 
der Wüste, genau südlich von Pixey, liegen- 
geblieben war. Aber ich wollte den Jungen nicht 
übers Ohr hauen, also sagte ich ihm, daß ich 
keinen großen Sport-Packard hätte, außer einem 
alten, der einen wesentlichen Fehler am Motor 
hätte und nicht liefe. 
der Junge. 
Jetzt hätte ich ihn anschmieren können, und 
einen Augenblick war ich versucht, es zu tun; 
aber ich brachte es nicht fertig. 
.Nein', sagte ich. 75 Dollar ist der Gesamt- 
preis.» 
.Ich nehme Ihn', sagte der Junge. 
Er brachte alle möglichen Geldsorten aus.seinen 
Taschen 'hervor, und wir fingen an zu zählen. 
Er hatte etwas über 75 Dollar. Ich schrieb die 
Papiere aus, und er unterzeichnete, Er sagte, 
nachmittags würde er mit ein paar Freunden 
zurückkommen. Dann würde er den Wagen mit- 
nehmen. Nach zwei Stunden kam er wieder mit 
elf gutangezogenen Filipinos mit Namen wie 
Thorps, Syott, Avery und dergleichen. Jeder 
von ihnen hafte eine Tasche mit Werkzeug und 
anderem Kram. Sie zogen ihre Mäntel aus, 
krempelten die Armel hoch und gingen an die 
Arbeit. Einer machte sich am Motor zu schaffen, 
und die anderen fingen an, an den anderen 
Teilen herumzuarbeiten. In weniger als zwei 
Stunden hatten sie das alte Kriegsschiff so weit, 
daß es aussah wie der Wagen des Gouverneurs 
bei einer Parade. Und sie hatten es sogar so weit 
gebracht, daß er qualmte. 
Ich stand mit offenem Munde auf dem Platz, 
weil ich noch nie in meinem Leben eine so 
schöne Zusammenarbeit und Organisation erlebt 
hatte. Sie hatten sich ganz einfach über diesen 
Schrotthaufen hergemacht und so lange be- 
die nicht Auto fahren kann, will ein altes Hupmobil kaufen, weil es grün
ist. Warum nicht? 
festigt und gereinigt und geschmiert und geölt, 
bis er aussah wie ein Fünftausend-Dollar-Stück. 
Dann stiegen sie alle in den Wagen und fuhren 
langsam vom Platz hinunter, wobei der Motor 
kaum ein Geräusch machte, wie der Motor eines 
Wagens, der gerade aus der Fabrik gekom- 
men ist. 
Ich ging neben dem Jungen am Steuerrad, Ver- 
non Roxas, während der Wagen vom Platz fuhr. 
.Vernon', sagte ich, .ihr Jungen habt mir eben 
die größte Lehre erteilt, die einem Mann erteilt 
werden kann.« 
.Wir sind der Ansicht', sagte Vernon,Sdaß 
dieser Packard 75 000 Kilometer fährt, ehe er un- 
brauchbar wird.» 
,Ja', sagte ich, Sdas bezweifle ich nicht im mn- 
desten. Ich bin eigentlich davon überzeugt, daß 
er fahren wird, so lange ihr Jungen es wollt.' 
Als sie in dem prächtigen Packard von dem 
Platz hinunterfuhren, gratulierte mein Herz die- 
sem großen Land. Menschen ohne Geld, die die 
höfliche Unverschämtheit besitzen, etwas Erst- 
klassiges besitzen zu wollen und es ohne Kosten 
bekommen, und die darauf bestehen, es zu be- 
kommen, ganz gleich, wie verbraucht und wert- 
los es auf den ersten Blick aussehen mag. 
Sie sind der erste Mann, der seit sechs Monaten 
auf diesen Platz gekommen ist und mich nicht 
gezwungen hat, ihm einen Wagen zu verkaufen. 
Ich möchte Ihnen die Hand reichen. Ich bin ein 
ehrlicher Mann wie Sie, und ich glaube, genau 
wie Sie, daß alle Wagen auf dem Platz hier 
wertlos, unbrauchbar und unbeweglich sind. 
Ich glaube genau wie Sie, daß jeder, der einen 
dieser Wagen kauft, ein Narr ist und sein Ge- 
hirn untersuchen lassen iollte. 
Dieser alte Cadillac, Jahrgang 1924, den Sie sich 
angesehen haben, ist meiner Meinung nach nicht 
5 Cents wert, aber wir verlangen 60 Dollar da- 
für. Ich glaube nicht, daß Sie der Mann sind, der 
den Wagen auf Touren bringen könnte, und ich 
möchte auch nicht mit ansehen, wie Sie es ver- 
suchen, weil ich unglücklich wäre, wenn es 
Ihnen mißlänge, und vielleicht meinen Glauben 
an die Menschen verlieren würde, 
Aber wenn Sie es versuchen wollen, trotz allem, 
was ich Ihnen erzählt habe, gut, das ist Ihre An. 
gelegenheit. Ich will Sie nicht daran hindern. 
Ich sage Ihnen in allem Ernst, daß dieser Wagen 
nicht gut ist, aber wenn auch Sie Ihr Herz daran 
gehängt haben, einen Cadillac zu fahren, bitte, 
hier ist ein Cadillac, und viel Glück. 
Blutegel an der Pipeline 
Galgen unb abgebadte Hänbe * Der ~Sobn ibn Sa'ubs", her größte
Erbälbauböt er Ged cikte 
Im wilden Kurdisten, an der Grenze von Iran und Türkei, hatte sich ein
Mann mit dem 
Gesetz überworfen und suchte einen neuen Broterwerb. Man glaubte zu
wissen, daß er ein 
Sohn des Königs Ibn Sa'ud von Arabien sei. Berichterstatter K. F. erzählt
im nebenstehen- 
den Bericht, wie aus diesem Mann der größte Erdölbandit der
Geschichte wurde.  Fotos- Plratb 
Unbarmherzig heiß brennt die Sonne auf den 
Hügel Karsane bei Kirkuk. Immer kürzer wer- 
den die Schatten, fest senkrecht sticht sie her- 
nieder - es ist Mittag. Darauf haben die Eng- 
länder gewartet - lautlos umzingelt die Kom- 
panie den Hügel und arbeitet sich immer weiter 
nach oben. O3ldämpfe dringen aus dem rissigen 
Boden - da hat sie die mittägliche Glut ent- 
zündet, und , Flammen  und  Rauch  schlagen 
empor. 
Auf dem Hügel wird es lebendig, Schreien, 
Schießen, Pferdegetrappel sind zu hören, Die 
Belagerten versuchen einen Ausbruch durch die 
Flammenmauer. Englische Kommandos ertönen, 
Maschinengewehre    rattern,  Gewehrkugeln 
schlagen den Reitern entgegen. Sie drehen ab 
und versuchen an anderen'Stellen durchzu- 
kommen, doch vergebens, der doppelte. Ring 
von Feuer und Gewehren hält dicht. Kurz ist der 
Kampf, bald ist es auf dem Hügel ruhig. 
,Da oben wird heute abend keine Maus mehr 
leben, wen unsere Kugeln verschonten, haben 
die Flammen erwischt', sagen die englischen 
Soldaten. Als die Sonne sinkt, läßt der Dlbrand 
nach, und sie können auf den Hügel. - Dort 
lebt tatsächlich keine Maus mehr. Rauch, Flam- 
men und die Geschosse haben jedes Leben aus- 
gelöscht - ein grausiger Anblick. - <Das muß 
Abd eI Hued sein, keiner ist so groß wie er, 
und keiner trägt einen Europäeranzug. Der 
englische Feldwebel deutet auf die angekohlte 
Leiche eines großen.Mannes neben seinem toten 
Pferd.SKein Zweifel, das ist Abd el Hued, der 
Anführer der Banditen.' 
Im wilden Kurdistan, an der Grenze von Iran 
und Türkei, hatte sich vor gut chzehn Jahren 
ein Mann mit dem Gesetz überworfen und 
suchte einen, neuen Broterwerb. Gut sah unser 
Hadsch Abd et Hund aus, er war ein hochge- 
wachsener junger Mann mit lebhaften schwar- 
zen Augen und einem schwarzen Bart. Am lieb- 
sten zog er sich an wie ein Europäer, und 
gut konnte er sich in ihrer Sprache verstäitdi- 
gen. Er war ein ausgezeichneter Reiter, und 
man erzählte sich~ er sei ein Sohn des Königs 
Ibn Sa'ud von Arabien. 
Und er hatte eine Idee, wieder zu Geld zu kom- 
men, zu viel Geld natürlich, und diese Idee hing 
mit der Erdölleitung zusammen, der Pipeline, 
wie die Engländer sagen. Sein Plan war fertig, 
er brauchte nur noch "eine Hilfstruppe. Schnell 
hatte er eine Bande Gleichgesinnter um sich, die 
gern versprachen, mit ihm durch dick und dünn 
zu gehen. 
Dann meldete sich eines Tages eine Arbeiter- 
kolonne beim englischen Ingenieur, der die Pipe. 
line bauen soll. Selbstverständlich werden die 
kräftigen Kerle eingestellt. Daß sie nicht sehr 
vertrauenerweckend aussehen, erschüttert ihn 
nicht weiter, er traut keinem der braunen Ge- 
sellen über den Weg, egal, wo er herkommt.- 
Banditenhäuptling Abd ei Hued und seine Leute 
sind fleißige Leute, die sich nichts zuschulden 
kommen lassen. Damals mußten noch die Rohre 
mit Lack umkleidet werden oder mit Email oder 
Teer, dann wurden sie mit Leinwand umwickelt, 
zementiert und eingefettet, ehe sie in den Grä- 
ben verschwanden. Heute ist das einfacher. 
Bald war Abd el Hued ein Spezialist bei diesem 
schwierigen Verfahren. Ja, man übertrug ihm 
sogar einen Vertrauensposten - er mußte mit 
seinem .zuverlässigen« Trupp die ganze Anlage 
prüfen, ob sie auch überall dicht sei. Bald 
kannte er die Leitung mit ihren Pumpwerken 
und Heizanlagen, die das 01 flüssiger machen 
sollen, in- und auswendig. Nun wußte er genug, 
er verlangte für sich und seine Leute die Löh- 
nung - und die SKolonne Abd ei Hued' ver- 
schwand in der Wüste. 
Zwei großO 6ehoimraffinerlen 
Inzwischen floß ein ununterbrochener Strom 
von 01 durch die Stahlrohre, und Abd ei Hued 
begann mit seiner privaten Olförderung. Lange 
Zeit ging alles gut, keine Kontrolle konnte die 
Olbanditen erwischen. Wer wußte aber auch so 
gut Bescheid wie er? Aber eines Tages legte- 
sich eine englische Patrouille auf die Lauer, um 
doch einmal dem erfolgreichen Banditen beizu- 
kommen. Die Engländer hatten Glück, da kam 
schon -der bewaffnete Trupp des Räuberhaupt- 
manns - und gleich darauf war ein regelrech- 
tes Gefecht im Gange. Die Engländer waren 
stärker, oder sie schossen besser, kurz und gut, 
die Banditen mußten weichen, doch die Eng- 
länder blieben ihnen hart auf den Fersen. 
Und dann erlebten sie eine Uberraschung: Auf 
einmal standen sie mitten in der Wüste vor zwei 
großen Geheimraffinerien, in denen 7000 Arbei- 
ter tätig waren. Gerade tankten dort die Last- 
wagen der illegalen Transportunternehmen, die 
den so begehrten Lebenssaft 01 überallhin, so- 
gar bis ins ferne Mekka brachten. Das war ein 
guter Vang für die Engländer und ein vernich- 
tenderSchlag für die Ulräuber. - Abd el Hued 
sah ein, daß hier nichts mehr zu machen sei; 
zudem war er auch noch verwundet, und so ging 
er zu seinem Freund, dem Muftl von Jerusalem. 
Während der ihn gesund pflegte, besprachen sie 
neue Sabotagepläne.   -(Fortsetzung auf Seite 6) 


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