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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 5, Nr. 24 (November 27, 1952)

Unsere kleine Wochenschau,   p. [2]


Unsere Meinung,   p. [2]


Page [2]

Die allgemeine Neutralität im Sport in politischen und weltan- 
schaulichen Fragen darf nicht dazu führen, daß man die Augen 
verschließt vor wirklichen Gefahren, die die Gefilde des Sports 
keineswegs verschonen werden. Das dämmert auch zum Glück 
wenigstens den Funktionären der Turn- und Sportbewegung, 
die fest verankert im demokratischen Denken sind und wissen, 
daß, wenn das Gefüge des demokratischen Staates durch Reak- 
tionäre und Nationalisten erschüttert wird, auch die Sportbewe-
gung ihrer Freiheit in einem freien Staat verlustig geht. Bundes- 
innenminister Lehr, dem die Partisanenaffäre kein günstiges 
Echo in den politisch aufgeklärten Sportkreisen gab, benutzte 
den 100. Todestag Friedrich Ludwig Jahns dazu, einige ,Lehren" 
zu geben, die einen verteufelt bitteren Nachgeschmack hinter- 
ließen. 
Es handelt sich um ein von Dr. Lehr verkündetes Sieben-Punkte- 
Programm, in dessen Mittelpunkt eine bundeseinheitliche Aus- 
bildung der Sportjugend steht. Nett, wenn Herr Lehr die Förde- 
runq des Sports durch den Staat betont und eine Million D-Mark 
dafür flüssig machen will, aber auch die Nationalsozialisten 
taten schön, um sich eine kurze Zeit später mit dem Pferdefuß
der soldatischen Ertüchtigung der Jugend zu melden. Dafür, daß
Dr. Lehr keine derartig gerichteten Ambitionen hat, haben wir 
weder Brief noch Siegel. 
Uns paßt vor allem die bundesstaatliche Zwangsjacke nicht, und 
wir denken dabei nicht nur an das ,Tausendjährige Reich', 
sondern gehen in Gedanken zurück in das Jahr, wo eben die 
damalige  Deutsche Turnerschaft nationalistische Wege zur 
nmilitärschen Erziehung' der deutschen Jugend ging. Es soll 
nicht wieder heißen - wie sich Göde, der DT-Vorsitzende, 1889
ausdrückte -, daß ,wir stolz darauf sind, dem Vaterland ein 
Armeekorps junger Sportler" gestellt zu haben. 
Die Förderung des internationalen Sportverkehrs soll Herr 
Dr. Lehr ruhig den Sportverbänden überlassen, denen es nicht 
darum geht, nationale Siege in die Welt zu posaunen, noch 
darum, eventuell durch das Innenministerium geleitet und ge- 
maßregelt zu werden, wenn die Ehre des Vaterlandes im Aus- 
land nicht genügend verteidigt wird. Herr von Tschammer und 
Osten braucht nicht durch einen Beauftragten Dr. Lehrs kopiert 
zu werden. Für unser Empfinden war das nicht rosige Abschnei- 
den in Helsinki kein nationales Unglück, und der Wert lag vor 
allem in der Beteiligung überhaupt auf dieser größten Friedens-
kundgebung der Welt. Herr Dr. Lehr soll es gefälligst den 
Leitern im Sport überlassen, moderne Wege zur Leistungssteige- 
rung zu gehen. Das geht den Staat als solchen gar nichts an. 
Fange man doch endlich damit an, Sport als ordentliches Unter- 
richtsfach mit der Verbindung des Pflichtfachs für Lehrer in 
allen Schulen einzuführen. Steuere man doch der Verrohung 
und Vermassung im Sport. Die Wichtigkeit des Leistungssports 
können wir nur bedingt anerkennen, da es unseren Arbeitern 
und Angestellten kaum möglich ist, in kostspieligen Kursen 
100 Meter um zwei Zehntelsekunden knapper zu bezwingen, 
da das auch in keinem Verhältnis zu der Notwendigkeit der 
Sicherung der Existenzgrundlage unserer Sportjugend steht. 
Vor allem soll man uns mit ,lehrreichen" Vorschlägen sport- 
unkundiger Kreise verschonen. 
Aufstand gegen die Tradition 
Lord C4very, eu ebemaiiger Texti(arbeifer, Wotfabrer des gesundem Mensdenversandes
In England, dem Land der Tradition, dem Land, in dem es selbst 
die konsequentesten Männer der Linken als eine Selbstver- 
ständlichkeit ansehen, daß man den Sonntag in einer Kirchhofs-
ruhe begeht, die in jedem kontinentalen Land schlechterdings 
unmöglich wäre, wo man Perücken nicht bei karnevalistischen
Veranstaltungen oder Vereinsfestivitäten, sondern bei Gerichts- 
verhandlungen aufsetzt, in diesem England der Allmacht der 
Tradition ist soeben eine Revolution ausgebrochen, 
Zur Krönungsfeierlichkeit für Königin Elisabeth sind bekannt-
lich die sehr ehrenwerten Lords persönlich eingeladen. 
Zu dieser Einladung kommt man nicht im Straßenanzug, Auch 
Frack oder Smoking genügt nicht. 
le traditionelle Bekleidung der zu diesem Staatsakt Geladenen 
ist so vielgestaltig und so kostspielig, daß sich bei früheren
Krönungen manche Lords ruiniert haben und Schulden machen 
mußten, um dem traditionellen Dekor der Zeremonie gerecht 
zu werden. 
Aber niemand hatte bisher gegen den Stachel zu löken gewagt. 
Nun aber stehen zahlreiche Lords in offener Revolte gegen die 
Tradition. 
Sie haben den Hof wissen lassen, daß ihr Einkommen nicht so 
brillant sei, um sich die außerordentlichen Kosten des Sgroßen
Apparats" leisten zu können. 
Sie bäten deshalb darum, ihnen Dispens zu erteilen und ihnen 
die große Krönungsprachtbekleidung zu erlassen. 
Wortführer der revolutionären Lords ist Lord Calvery, ein 
früherer Textilarbeiter. 
Es sei ihm absolut unmöglich, so erklärt er, die Mittel aufzu-
bringen, um Sdie Kostüme des traditionellen Apparats" zu er- 
stehen, die für die Kröaiungsfeier in Westminster verlangt 
werden. 
<Das würde mich", so sagte Calvery dem Reporter des .Daily 
Harald«, .470 Livres Sterling" (rund eine halbe Million französi-
scher Franken oder 9400 DM) Sfür mich und 300 Livres Sterling 
für meine Frau kosten'.. 
Der Hof von England hat noch keine Entscheidung getroffen. 
Und so bleibt es noch völlig ungewiß, ob bei dieser Revolte 
gegen das mittelalterliche Bekleidungsreglement die Tradition 
oder der gesunde Menschenverstand den Sieg davontragen 
wird.                                        Charles Roesmer 
Der Bonner Gedächtnisschwund 
Etwas f'ber das Make-lip des Schweigens 
.Die Zeiten ändern sich und die Menschen mit ihnen." Das 
haben schon die alten Römer gesagt, und tlaß in diesem Wort 
mehr als ein Körnchen Wahrheit ist, das kann man heutzutage 
offenen Mundes allenthalben Immer wieder und immer noch 
feststellen. Wenn die alten Römer ein SHandbuch des Bundes- 
tages" gehabt hätten, dann hätten sie vielleicht auch von
diesem 
Dokument das gleiche gesagt. Natürlich, wird man sagen, ein 
Handbuch des Bundestages muß sich ja ändern, denn auch der 
Bundestag ändert sich, Seitdem Im Jahre 1949 das .Handbuch 
des Deutschen Bundestages" zum erstenmal erschienen ist, sind 
ja allein 23 Abgeordnete gestorben, also müssen nun auch 
mindestens 23 neue Abgeordnete drinstehen. Das tun sie auch. 
Und es steht sogar noch mehr drin. Sehr aufschlußreiche Dinge, 
die einen mit kaltem Grauen erfüllen können, Denn wenn man 
beide Handbücher vergleicht, muß man feststellen, daß eine
ganze Reihe unserer Abgeordneten interessante Fälle für eine 
psychologische Untersuchung darstellen. Unser Bundestag ist 
einer Epidemie der Bewußtseinsspaltung zum Opfer gefallen. 
Schizophrenie heißt das im Doktorendeuts& Offene Fälle von
Gedächtnisschwund laufen unbewacht über die Gänge des 
Weißen Hauses am Rhein. Und andere- o wie Ist doch auch 
unsere Welt noch voll von Wundern! - haben plötzlich eine 
längst begraben gewähnte Vergangenheit wiedergefunden. Die 
Symptome sind verschieden, die Diagnose steht fest: Auch Ab- 
geordnetenmöntel unterliegen der jeweils herrschenden Wind- 
richtung. 
Volksvertreter, über die im Handbuch von 1949 noch zu lesen 
war, daß sie eine Tätigkeit bei einer Entnazisierungsbehörde
ausübten, pressen heute über diese Tatsache den nassen 
Schwamm des Ungeschehenmachens. Es scheint, daß die frühere 
Aktivität als Entnazislerer bei den nächsten Wahlen ein 
schwerer Stein des Anstoßes in der Waagschale der Volksmiß- 
gunst ist. 
Volksvertreter, von denen das Handbuch von 1949 noch voll 
Stolz als Widerstandskämpfer berichtete, haben in der Zwischen- 
zeit diese Tatsache in die unterirdischen Schlupfwinkel der 
Katakomben des Vergessens zurückgejagt. Plüschsofabürgertum
Verdirbt den Charakter. 
Aber man findet nicht nur solche, die über die Jahre ihrer poli- 
tischen Verfolgung das Make-up des Schweigens schminken 
wie über aussätzige Haut. Man findet auch solche, die in den 
Irr- und Wirrgängen der Umerziehung der Rückerziehung einen 
wesentlichen Teil ihres Gedächtnisses wiedergefunden haben. 
Was doch erfreulich ist, Stand 1949 noch hinter ihrem Namen 
die lakonische  Information  .Kriegsteilnehmer 1939145", so 
haben die schwülen Winde bundespolitischer Tagesprolen ein 
Wachsen und Gedeihen jener mageren Mitteilung treffllchst 
gefördert. Heute verkündet das SHandbuch des Deutschen 
Bundestages 1952" hinter diesen Namen voll Ehrfurcht, daß 
dieser ein hoher Offizier und. Jener ein ordenbedeckter Regt- 
mentskommandeur war. In diesen Fällen hat sich also die 
Bonner Luft als sehr gesund für ein in den ersten Nachkriegs- 
jahren strapaziertes Gedächtnis erwiesen. Man glaube aber ja 
nicht, daß diese Luft Ihre Heilkraft verliere, wenn sie über die
Stadtgrenze von Bonn hinauswehe. 
Ein Volk hat immer die Volksvertreter, die es verdient, In 
diesem Falle ganz bestimmt. 
Wort 
UNsERE 
KrLEINE 
WOCHENUOKAU 
Eigenes Programm 
Der Pariser Stadtverordnete Robert Ruaux, Mitglied der 
gaullistischen Fraktion, wird am 10. November als Frei- 
stilringer in den Ring treten. Uber das Parteiprogramm 
hinausgehend, fordert er die Einführung des Ringens 
im griedilsch-römischen Stil als Pflichtfach an allen 
Schulen. 
Hat es noch Zweck? 
Ein Schüler aus Philadelphia schrieb folgenden Brief an 
Präsident Truman: <Lieber Mr. Harry, seit ich in den 
Zeitungen gelesen habe, daß die Wasserstoffbombe eine 
so große Zerstörungkraft besitzt,  daß selbst große
Städte damit vernichtet werden können, frage ich mich, 
ob es noch Zweck hat, Schulaufgaben zu machenl" 
Hausfrauenwünsche 
Wenn Frauen ihre eigenen elektrischen Haushaltgeräte 
erfinden könnten, dann gäbe es Kinderwagen mit Elek- 
tromotor, elektrische Brennscheren, Maschinen zur mor- 
gendichen Reinigung des Kaminrostes und eine Signal- 
einrichtung, die rechtzeitig anzeigt, wenn man eine neue 
Münze in den Zählerautomat stecken muß. Das sind 
einige der 1200 Vorschläge, die die britischen ElektrIzi- 
tätswerke als Antwort auf eine große Umfrage bei den 
Hausfrauen des Landes erhielten.'* 
Hier darf man es laut erzühlen 
Ein Prager ist plötzlich verschwunden. Niemand weiß, 
wo er ist. Endlich bekommt einer seiner Freunde eine 
Karte: Der Vermißte ist in der Irrenanstalt und darf 
besucht werden. Er fährt zu ihm, trifft ihn dort als 
völlig normalen Menschen. SWieso bist du hier?" fragt 
er. Der andere sagt: .Mich haben sie erwischt, wie ich 
aber die Grenze gehen wollte." Sagt der Freund: SAber, 
mein Lieber, helmidi Grenzgnger bringt man doch 
ins Gefängnis, nicht in die Irrenanstalt!" Der andere 
sctittelt den Kopf: <Es war doch aber die russische 
Grenzel" 
Sdulze für Goethe 
Im Stadtrat einer niederschsischen Kreisstadt lehnte 
ein Abgeordneter den Vorschlag ab, eine neue Straße 
nach Goethe zu benennen. Statt dessen schlug er zur 
Ehrung einer vor kurzem verstorbenen LokalgröMe den 
Namen .Paul-Schulze-Straße" vor. Er begründete seine 
Einstellung mit dem Satz: <Meine Herren, wer kennt 
schon Goethe? Aber Paul Schulze ist ein Begrifft" 
Autebahnsteuer 
Die Sowetzonenbehörden erheben Jetzt auch von aus- 
ländischen Kraftfahrzeugen (ausgenommen sind die 
Wagen der westlichen Alliierten) für die Benutzung der 
Autobahn zwischen Berlin und Helmstedt eine Steuer. 
für die Hin- und Rlickfahrt muß der Benutzer 10 West- 
mark zahlen. 
Man darf sich ruhig klar darüber sein, daß es für eine gute
Ehe 
kein Rezept und keine Patent-Gebrauchsanweisung gibt. Ent- 
weder paßt man zusammen oder nicht. Paßt man zusammen. 
dann geht es mit und ohne Ehe- und Gleicberechtigungsgesetze 
egal gut. Und paßt man nicht zusammen, dann können auch 
zweitausend Paragraphen keine verliebten Frühlingsnäte mehr 
herbeizaubern. Bin Gesetz kann die Natur nicht ändern. Aus 
einem treusorgenden Hausmütterchen wird trotz Gleichberechti- 
gung keine Amazone, genau so wie ein Hausdrachen sich nie 
in eine ergebene Magd verwandeln kann. 
Das Gesetz kann die Natur der Frau nicht ändern. Das Gesetz 
kann sich nur dem wacher gewordenen Bewußtsein der Frau an- 
passen. Insofern zum Beispiel, daß sie keiner Genehmigung des 
Ehemannes mehr bedarf, wenn sie sich von dem Geld, das sie 
selbst verdient, eine Kamera, ein Radio oder eine Nähmasdine 
oder was weiß ich auf Raten kaufen will. Insofern zum Beispiel, 
daß sie keiner ehemännlichen Genehmigung bedarf, wenn sie 
sich ein Bankkonto anlegen will. Vor allen Dingen wird das 
Gesetz die Frau In Zukunft vor diesem großen Unrecht bewah- 
ren, daß sie bei einer Scheidung möglicherweise leer ausgehen,
vielleicht sogar das Vermögen verlieren könnte, das sie selbst
mit In die Ehe gebracht hat. So was hat es gegeben, auch in 
Fällen, wo die Frau schuldlos geschieden wurde. 
So sieht also das Gesetz in einigen Hauptpunkten aus. An Steile 
der traditionellen Vormundschaft des Mannes soll eine Art Part- 
nerschaft gesetzt werden. Zwischen den Eheleuten wird Güter- 
trennung sein. 
So weit, so gut. Frauen sind auch Menschen. Also gleiches Recht 
für Mann und Frau. Zu diesem Zweck schafft man ein neues 
Familienrecht. Man macht sich viel Arbeit damit. Und wozu, 
bitte schön? Damit alles so bleibt, wie es war? Das kann doch 
nicht der Ernst der Bundesregierung sein. Sollte man meinen. 
Er ist es aber. Die Bundesregierung hat ausdrücklich beschlos- 
sen, daß ein alter Paragraph aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch 
(DGB f 1345) auch im neuen Famillengesetzentwurf beibehalten 
werden soll. Ein Paragraph, der verfügt, daß das Recht der 
letzten Entscheidung In gemeinsamen Angelegenheiten in Ehe 
und Familie beim Mann bleiben soll, wenn sich die Partner mal 
nicht einigen können. 
Es bleibt also doch alles beim alten, denn was, frage ich euch, 
sind in einer Ehe nicht gemeinsame Angelegenheiten? 
Wetterleuchten auch im Sport 
Lebrfreide) MetW oen sinii"niebt immer akzeptabel! 
Meinung 


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