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The History Collection

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Jahrgang 5, Nr. 23 (November 13, 1952)

Das sündige Weib,   pp. [4]-[5]


Page [5]

~Was wurden Sie tun, wenn in einer 
Woche die Weit unterginget, fragte unser 
Reporter die hübsche Obsthändlerin. Ohne 
Uberlegung meinte sie: Ich würde meinen 
Stand verkaufen, wenn Ich noch einen Kiu- 
fer finde. Dann fUhre Ich ins Gebirge...» 
Arme... kann nichts mehr sehen... Wagen 
ballen sichzusammen . . . alles flieht... 
vielmehr: alles will fliehen... Straßen total 
verstopft ... stampfen die stählernen Un- 
geheuer über die Wagen hinweg . . . Helft 
uns! Helft unsl Wir müssen . . .' Ein un- 
geheures Krachen und Bersten dröhnt aus 
den Lautsprechern, dann ist Stille, beäng- 
stigende Stille. Nach zwei Minuten meldet 
sich das Funkhaus In Neuyork, ruhig, sach- 
lich, aber man fühlt, wie die Stimme des 
Sprechers zittert'.... und bitten höflich, die 
Störung bei unserer Reportage in Growers 
Hill zu entschuldigen. Es handelt sich um 
eine Störung im Funkwagen. Es Ist 21.50 Uhr 
Neuyorker Zeit.» 
Mister Brown wischt sich den Schweiß von 
der Stirn und steckt sich eine Camel an. 
Er findet mühsam die ersten Worte: ,Ist 
Ja toll» Dann kommt auch seine Frau zu 
sich. ,Ich muß Mabel anrufen», sagte sie. 
.Mabel muß das unbedingt auch hören. Mabel 
interessiert sich für solche Sachen.* Doch an- 
scheinend haben auch andere Leute Stoff für 
ein ausgiebiges Telefongespräch gefunden. 
Die Leitungen sind besetzt wie nie um diese 
Zeit. Endlich hat sie Mabel: Hallo, Dar- 
ling . . ." Mabel sagt es Bounthy. Bounthy 
sagt es Jack. Jack sagt es . Um 22.15 Uhr 
sitzt halb Neuyork und Umgebung am Laut- 
sprecher und hört CBC. Die sind von Wiener 
Walzer   auf  Jazz  umgeschwenkt,   und 
zwischendurch  erklärt  eine  freundliche 
Stimme, wieso Pinkertowns Rasierseife die 
beste sei. 
Um 22.20 Uhr bricht die Musik abermals ab. 
Der Sprecher erklärt: SSie hören unseren 
Sonderbericht über Growers Hill. Es steht 
jetzt fest, daß dort Lebewesen aus einer 
anderen Welt gelandet sind. Diese haben bis 
jetzt Ihr Riesenraumschiff verlassen. Was 
ihnen in den Weg kam, wurde zestört. Die 
Verluste an Menschen und Material sind un- 
geheuer und noch nicht zu übersehen . . .- 
Kurze Pause.                Fortsetzung folgt. 
~Die Weit geht je doch nicht unter,           Dieser Friseur will in den
letzten Tagen     Er glaubt nicht an die letzte Woche vor 
antwortete der Straßenbehnschaffner unse-     vor dem Weltuntergang
zunächst sein Geld     dem Weltuntergang. SDas ist doch alles Un- 
rem Reporter auf die Frage, was er in den     abheben und dann nichts mehr
tun.-Das       sinn', wollte er unseren Reporter abweisen. 
letzten Tagen tun wrde. Leider geht sie      wäre ein Lebenl Schade,
daß es eine Illusion  Dann  berlegt der Fremdenführer: SWenn 
nicht unterl Jetzt, wo Krlegshetzer regieren,  bleibt. Sehr viel wire nicht
verloren. Das  die Welt aber doch untergehen soll, dann 
wäre es nicht schade, wenn sie unterginge.'   ganze Leben Ist Ja doch
nur Lug und Trug.'   muten auch die reichen Leute draufgeheL 
<Was würden Sie tun, wenn die Welt in einer Woche untergeht?"
Berichterstatter Leykauf fragt die 
ersten vier Menschen, denen er auf der Straße begegnete. Die Antworten
waren nicht erfreulich. Aber 
wahrt - Wie sich Menschen in New York verhielten, als eine Bedrohung der
Erde durch außerirdische 
Machte angekündigt wurde, erzählt unser spannender Fortsetzungsbericht
<Panik" auf dieser Seite. 
unsinnig. ,Was ich spiele, kann jede Klosterschwester sehen. 
Die sollen sich mal bloß nichts ins Hemd machen, die in Bonn 
da', und dabei wird er richtig rot vor Zorn. Fräulein Maus ver- 
langt in einem Leserbrief an die .Heimapost', daß die Kinos 
allerorts als Quelle der Unsittlichkeit und aller Laster für 
Jugendliche unter 21 Jahren verboten werden.,SDiese Kinos 
sind überhaupt überflüssig. Ich 
gehe zum   Beispiel auch nie     Der Kinobesitzer A. Mumms 
hinein.' Kollege Malms meint    findet so ein Gesetz unsinnig 
 .. U Sausus. . . .t.sIh.min.. . 
... au  meitLnt **.. - ic  me n *-*-* 
er, sie, es meinen ... Jeder hat 
eine andere Meinung. 
Die in lonn können aber nur 
ein Gesetz machen. Ein Gesetz, 
das für alle gilt, das alle re- 
spektieren sollen und können: 
Herr Müller, Herr l'astorMvteter, 
Herr Marks, Kinochef Mumm, 
Fräulein Maus, Kollege Malms, du und ich. Und alle sollen 
einsehen, daß es so vernünftig und richtig ist. 
Alle? Das geht freilich nicht. Niemand kann es allen recht 
machen, nicht einmal der liebe Gott, und der Bundestag erst 
recht nicht. Aber es soll möglichst vielen recht gemacht werden 
und nicht einer kleinen Schicht, die viel Geld hat und darum 
auch viel zu sagen haben will. Noch zweimal wird das Gesetz 
in Bonn vorgelesen, und die Abgeordneten können Ihre 
Meinung dazu sagen. 
Der Bundestag stimmt ab, und wer daför ist, mußaoubte 
Nach der dritten Lesung sagt der Bundestagspräsident: .Ich 
bitte nunmehr die Damen und Herren, welche dem Entwurf zu- 
stimmen, gemäß Paragraph 54 der Geschäftsordnung aufzu- 
stehen!" Also stehen diejenigen auf, die dafür sind, und werden
gezählt. Steht die Mehrheit, dann ist das Gesetz vom Bundes- 
tag angenommen. 
Aber auch der Bundesrat, wo die Interessen der Länder ver- 
treten werden, hat ,noch ein Wort mitzureden. Er kann Ein- 
spruch erheben, und manchmal tut er es auch. Dann geht die 
ganze Geschichte wieder von vorne los. 
Wir wollen jedoch zum Ende kommen, und das war in unserem 
Fall am 4. Dezember 19.51. Da waren die 15 Paragraphen des 
.Gesetzes zum Schutze der Jugend in der Offentlichkeit' 
fertig, und man schrieb darunter: SDie verfassungsmäßigen 
Rechte des Bundesrates sind gewahrt. Das vorstehende Gesetz 
wird hiermit verkündet. Bonn, den 4. Dezember 1951. 
Der Bundespräsident: Theodor Heuss 
Der Bundeskanzler: Adenauer 
Der Bundesminister des Innern: Dr. Lehr 
Der Bundesminister der Justiz: Dehler 
Und am 6. Dezember stand das Gesetz Im Bundesgesetzblatt 
Nr. 56, womit es allen Bürgern der Bundesrepublik im allein 
gültigen Wortlaut bekanntgegeben Ist 
Das SGesetz zum Schutze der Jugend in der Offentlldhkeit' hat 
Glück gehabt. Es wurde von fast allen Seiten begrüßt. Und
man vergißt es schnell, bis dann eines Tages der Sdutzmann 
257 den Peprl Huber aus der 21. Reihe des .Allotria" fischt, 
weil er laut Paragraph 6, Absatz 2, das SSündige Weib' noch 
nicht sehen darf. Eigentlich müßte der Schutzmann dabei sagen:
.Im Namen des Gesetzes', aber das steht nur noch in 
schlechten Kriminalromanen. Trotzdem ist das die Aufgabe des 
Schutzmannes 257: Er soll darüber wachen, daß das Gesetz 
nicht übertreten wird. 
Warum die in Bonn sich soviel Arbeit n   und was uns da angeht 
Ist eigentlich ein tolles Ding! Da arbeiten . .. zig Leute an so 
einem Gesetz. tagelang, nächtelang, wochenlang, monatelang, 
alle zusammen sitzen viele tausende Stunden daran. Das Er- 
gebnis von 15 ziemlich kurzen Paragraphen kann man auf 
einer Seite abdrucken - bequem. Außerdem, wir müssen das 
auch noch bezahlen. Jeder, der Steuern abgezogen bekommt, 
tut seine Groschen dazu. Weshalb der ganze Arger? Wofür 
die  ganze  Arbeit?  -     ,  ..  ..,I..  r .  S....f . f  r 
LIuasatll   lles esct t tu ý   ru 
dich und für mich und für alle 
anderen Bundesbürger. Damit 
du möglichst sicher zur Arbeit 
kommst, mußt du laut Straßen- 
verkehrsordnung scharf, rechts 
den KaiSer-Wilhelm-Rng ent- 
lang fahren und nicht auf der 
linken Fahrbahn. Damit du ein 
gesunder Mensch wirst, darfst 
Du es M buGl geem dulajunge Jahren nur 48 tun- 
den die Woche arbeiten. Da- 
mit du ein gesunder Mensch wirst, darfst du auch nicht in die 
.Rote Laterne' gehen und dir eine Flasche Schnaps hinter die 
Binde gießen. Und damit der Peperl Huber eine vernünftige 
Vorstellung von Mädchen und Frauen bekommt, darf er nicht 
das Sündige Weib' sehen. Das sieht sich zwar auf der Lein- 
wand so keß und raffiniert und verführerisch an. Aber, wenn 
er so eine Ziege heiraten würde, stiege er schon am dritten 
Tag auf den höchsten Kirchturm der Stadt und spränge hin- 
ab. - Vielleicht würde er sich sogar noch einen Ziegelstein um 
den Hals hängen, damit er schneller unten ankäme. 
Die Gesetze sind für uns gemacht. Deshalb sollten wir sie 
achten...                                          ht. 


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