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The History Collection

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Jahrgang 5, Nr. 23 (November 13, 1952)

Nach zwanzig Jahren,   p. [4]


Panik,   p. [4]


Das sündige Weib,   pp. [4]-[5]


Page [4]

umshiff spielt in unserem Neuyorker Beridut eine große Rolle. Fotos:
Leykaut 
PANIK 
Ein aufregender Bericht aus Neuyork, von einem der dabei wa . . Teil. 
wieder darauf brachte, daß  er mit mir das 
Kohlenrevier verlassen sollte, da sagte er in 
seiner stillen Art: <Es ist doch ganz gleich- 
gültig, wo wir uns befinden. Uberall Ist Arbeit 
und Mühe. Ob du an der Maschine oder vor der 
Wippe stehst, es ist ganz einerlei. Siehst du, 
ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß der 
Mensch immer das ist, was er selbst aus sich 
macht. Was mich betrifft, nun, ich will dir ver- 
raten, daß mich die Maschine niemals unter- 
jochen wird, ich werde nie ihr Sklave werden, 
weil etwas anderes in mir stärker ist - das 
Menschpnantlitzl Du verstehst mich -.» 
.Ja, Karle, der eine nennt es Selbstbewußtsein, 
der andere hat wieder andere Namen dafür. Es 
ist gut zu leben, wenn man sich als schaffender 
Mensch dem Dämon Maschine widersetzen kann, 
aber es sind nur wenige, die das fertig bringen.» 
Tommsens Kerle war so ein Mensch. 
Mein Sinnen und Trachten aber stand damals 
noch nach den fröhlichen, heiteren Winkeln der 
Welt,. In ging weg aus dem Revier und suchte 
das Glück des Zufredenseins auf meine Art... 
Zwanzig Jahre sind darüber vergangen. Zwanzig 
Jahre voll Krieg und Demütigung, Unfreiheit 
und Not. Und vor kurzer Zeit zog es mich plötz- 
lich wieder ins Revier. Die Landschaft der Zechen 
hatte noch immer ihr altes Gesicht, herb und 
ernst, aber nicht feindselig. 
Ob Tommsens Karle noch lebte? 
Ich fühlte mich einsam im Getriebe des Werkes, 
und hörten fern das dumpfe Rumoren des 
Werkes. Mir schien diese Nähe beunruhigend, 
Kerle aber verstand es, das andere vollkommen 
auszuschalten, solange er In seinem grünen 
Eiland lebte. Er nahm eine Handvoll Erde und 
ließ sie zwischen seinen Fingern zerkrümeln. 
D kam ein junger Mann den Weg herauf. Er 
war kaum neunzehn Jahre alt und trug blaue, 
ölverschmierte Arbeitskleidung. Wäre er nicht 
in den Garten gekommen, ich hätte in ihm sofort 
den Sohn Karles erkannt. Es war das gleiche, 
ruhige Gesicht, wie es mir vor zwanzig Jahren 
In seinem Vater begegnet war. Fast schien mir 
die Zeit um zwanzig Jahre zurückgedreht, und 
ich war versucht, in ihm meinen früheren 
Kumpel Karle zu sehen. Der aber saß neben mir, 
erhob sich langsam und stellte mich seinem 
Sohn vor. 
.Was gibt's?- fragte er dann. 
Der Junge sah seinen Vater an. Er schob die 
schweißverklebte Mütze ein wenig aus der 
Stirn hinaus und sagte: 
.Du mußt ins Werk kommen, Vateri Es hat eine 
Karambolage an Wippe drei gegeben. Den 
Zwill hat es erwischt, und an der Wippe Ist 
etwas nicht in Ordnungf" 
Tommsens Kerle nickte..<Gut, ich kommel 
Er lächelte mir zu: 
,Du siehst, das Werk braucht michl Es war doch 
gut, daß ich damals nicht mit dir wegging. - 
usJ OLUfl.ULCU  s a  em Uf VVU*n&e  *VVJ.v 
yes', sagt Mister Brown, Sdas Ist okay. Musik 
aus Deutschland, Musik vom Rhein...« Das 
stimmt zwar nicht ganz, aber Mister Brown 
hat seine Feierabendfreude dran, und du 
weißt ja schließlich auch nicht -genau, ob 
St. Louis am Mississippi 'oder am Colorado 
liegt. 
Mister Brown ist jedenfalls zufrieden mit 
der <Columbia-Broadcasting-Corporation» in 
Neuyork. Sie hat - seiner Meinung nach - 
immer noch das beste Programm: Nicht zu 
wüst, auch nicht zu hoch, auch nicht konser- 
vativ. Und nach den .G'schichten" kommt 
.Im Prater blühn wieder die Bäume...» Doch 
nach ein paar Takten verschwindet die Musik. 
.Damned', sagt Brown und dreht an den 
Knöpfen. Nichtsi Statt dessen, kommt die 
ernste Stimme des Sprechers: Ladies and 
Gentlement Entschuldigen Sie bitte die Unter- 
brechung, aber soeben erreicht uns die Mel- 
dung, daß in Growers Hill, unweit unserer 
Stadt, um 20.10 Uhr Neuyorker Zeit ein un- 
gewöhnlich großes Meteor niedergegangen 
ist. Die vorliegenden Meldungen gehen zwar 
weit auseinander, aber soweit wir uns einen 
Uberbllck beschaffen konnten, muß es sich 
um das größte Meteor handeln, das über- 
haupt jemals auf der Erde niederging. Wir 
werden Sie über die Geschehnisse auf dem 
laufenden halten.» Die Prater-Bäume setzen 
wieder ein, und Brown sagt zu seiner Frau: 
.Was heutzutage alles passlerti" 
Viel Freude sollen die Musikbegelsterten an 
diesem  Abend nicht'baben. Um 21.05 Uhr 
meldet sich Stewart Hower, Lokalreporter der 
.Columbiaýl, der eben,'mit seinem  Uber- 
tragungswagen in Groweip Hill angekommen 
ist: <Von nah und fern sid auf unsere erste 
Extrameldung hin die Menschen hier zu- 
sammengeströmt. Nun stehen wir hier vor 
einem stählern aussehendex Koloß. Tausende 
Autoscheinwerfer strahlen jias Gebilde an, 
und ich glaube, ich gehe nid* fehl, wenn ich 
sage: Das ist kein Meteori der hier auf 
der Erde ruht, mindestens l10 Meter hoch 
und 300 Meter lang, das ist janz bestimmt 
ein konstruiertes Gebilde, ein Bote aus dem 
Weltall. Noch wissen wir n.'t, was das 
zu bedeuten hat. Noch sind die herbei- 
gerufenen Wissenschaftler nich hier. Noch 
ist das Rätsel nicht gelöst. Aber eines steht 
fest: Dieser Abend des 30. Oktober bedeutet 
der Anfang einer ganz neuen Epiche, einer 
Zeit, da . . .' Da bricht die Stimne ab. Man 
hört hasten, hupen, schreien, viele Stimmen 
durcheinander. Motore werden angeworfen, 
Der Reporter will etwas sagen. Seine Stimme 
geht unter im Lärm. Tausende sit2en ge- 
bannt am Lautsprecher. Dann kommt Howers 
Stimme wieder klarer: ..-. . jetzt deutlich 
zu erkennen.., riesige Gestalten . - , jede 
mindestens acht bis zehn Meter hoch -. . in 
stählernen Rüstungen . . . ja, so siekt es 
jedenfalls aus . . . an die fünf Meter lnge 
Alle, die dem Gesetz eine bestimmte Richtung geben wollen, 
gehören bestimmten Gruppen oder Verbänden an: Die Eltern 
den Elternpflegschaften, die Lehrer den Erzieherverbänden, die 
Jugendorganisationen den Jugendringen, die Kinobesitzer 
ihrem Fachverband. Diese Verbände schicken ihre Vertreter 
nach Bonn, und eines Tages sieht der Referent Klein schon 
klarer und meint: So und so muß der Hase laufen. Dann spitzt 
er seinen Bleistift an und schreibt... Das dauert eine Weile. 
Dann gibt Referent Klein seine fertige Arbeit dem Ministerial- 
rat Groß, und der gibt sie dem Minister, und der gibt sie dem 
Ministerrat. Vielleicht. Vielleicht sagt der Minister auch: .Alles 
Unsinni" Dann bekommt Ministerialrat Groß eine dicke Zigarre,
und der gibt sie weiter an den Referenten Klein und der viel- 
leicht an seine Sekretärin Eleonore, obwohl die mit unserer 
Sache gar nichts zu tun hat. 
Aber nehmen wir an, es geht ohne Zigarre, und die Arbeit 
landet also im Ministerrat, jenem hohen Kollegium, dem alle 
Bundesminister angehören. Die besprechen das dann noch ein- 
WEIB 
Nun geht der Entwurf zum Bundesrat, und der ganze Rummel 
geht noch einmal von vorne los. Die vom Bundesrat sind näm- 
lich oft auch nicht zufrieden und sagen: <Entschuldigen Sie 
S an: Kollege    mal,.Herr Justizminister) Der Entwurf ist ja wieder mal
ganz 
.pp. Nahrung      fabelhaft. Aber könnte man nicht eventuell, quasi,
gewisser- 
La-Kino   rbe-   maßen, vielleicht im Paragraphen 2, Absatz 1, Ziffer
5, Zeile 
erst mit adt.-  1...« Na ja, man kann. Warum nicht? 
gotuias.   Eines Tages wird der Entwurf des Referenten Klein im Bundes- 
mid di-    tag vorgelesen. Proteste von rechts bis links. So hat man sich
Es gibt    die Sache nicht vorgestellt. Der Bundestagspräsident schwingt
Li wo     die Glocke, weil er sein eigenes Wort nicht mehr versteht. 
r not-    Dann nehmen die Sprecher der Parteien Stellung zu dem Ent- 
uii wie    wurf. Der will das geändert haben, der jenes. Wie soll da
ein 
nimmt.     Mensch klarkommen? Aber geandert werden muß das Ding. 
Nun können aber nicht alle 400 Abgeordneten ändern. Ersten 
verstehen sie nicht alle was davon. Zweitens haben sie nicht 
soviel Zeit, sich mit allen Entwürfen zu befassen. Drittens ver- 
derben, hier wie überall, viele Köche den Brei 
Aber unter den 400 gibt es ein paar, die was von <Jugend- 
wohlfahrt» (so nennt man die Sache) verstehen, die Spezia- 
listen sind. Die haben sich In einem Ausschuß zusammen- 
gefunden, der sich ausschließlich mit dem Fachgebiet Jugend- 
wohlfahrt befaßt. Und an diesen Ausschuß wird auch jetzt der
Entwurf verwiesen. 
Mittlerweile hat es auch In der Zeitung gestanden: .l. Lesung 
des Gesetzes zum Schutz der Jugend in der Offentlichkeiti" 
so und so soll das aussehen. Das sehen sich die Leute an und 
sagen ihre Meinung dazu. Das sollen sie auch. In Bonn, wo 
das Gesetz entsteht, sitzen ja die Leute, die sie gewählt haben. 
Die sollenihreInteressen, ihrenWillen vertreten. Das ist aber 
gar nicht so einfach. 
Herr Müller will ,hü" und Herr 
Mumm will ,bott", aber es könn 
ja nur ein Gesetz geben. 
Herr Müller will, daß sein 
Junge tun und lassen kann, was 
er will..Dann stößt er sich die 
Hörner ab und wird ein anstän- 
-       diger Mensch, (Oh, Müller, 
hast du eine Ahnung!). Pastor 
Meter ist dafür, daß die Ge- 
St WilltwM gsldCtb ~  setze streng über die -Jugend 
wachen, <denn Elternhaus und Schule haben versagt ». Herr 
Marks meint, der Staat solle nur ruhig auch etwas auf seinen 
Heinrich achten, <denn schließlich kann ich ja nicht immer 
hinter ihm herlaufen'. Kinobesitzer Mumm findet so ein Gesetz 


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