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Jahrgang 4, Nr. 22 (November 1, 1951)

Die Sphinx schweigt,   pp. 2-[3]


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Agypten - reiches Land. Schon die Bibel berichtet von dem unvorstellbar fruchtbaren
Nil-
gebiet. Die Gegens"tze zwischen arm und reich blieben aber wie in keinem
anderen Land.
Saufgelagen durch offenes Schieþpulver mit
der brennenden Kerze in der Hand. Er
brauchte zwanzig Millionen Mark im Jahr.
Bezahlen muþte den Spaþ der Fellache, der
Bauer. Aber der konnte schon lange nicht
mehr. Da trat, wie an die genuþs¸chtige Eva
im Paradiese der Teufel, an den Khediven
das Finanzkapital heran und schenkte ihm
goldene Berge. Gegen Konzessionen nat¸r-
lich. Aber der Biþ in den Apfel vom kapi-
talistischen Baume des Reichtums, das Kom-
plott zwischen Krone und fremder Finanz,
hat die "gyptische Freiheit auf die Straþe
geworfen.
Das Staatsmonopol f¸r Aus- und Einfuhr
geht zum Teufel. Die Zollhoheit besteht
schon lange nicht mehr. Und der Fellache
muþ bezahlen. Steuern, Steuern, Steuern.
Kann er es nicht, dann leiht ihm der Wu-
cherer Geld. 40 v. H. Zinsen nimmt er.
89 Millionen Pfund Schulden
Saids Sohn Ismail ist - finanziell - die
H–lle. Er baut riesige Pal"ste und l"þt sie
nach einer rauschenden Ballnacht verfallen.
Um Eindruck auf kapitalistischen Besuch zu
schinden, baut er eine moderne Zuckerfabrik.
Ein paar Monate sp"ter geh–rte sie dem
Rost und dem Sand. Dann wird aber auch
das Eisenbahn-, Straþen- und Postnetz aus-
gebaut. Kairo bekommt flieþendes Wasser,
Gas und Kanalisation. Er spekuliert mit
Baumwolle und Zucker. Das Ergebnis sind
katastrophale  finanzielle  Verluste.  1876
waren f¸r 89 Millionen Pfund Schulden zehn
Millionen Pfund Zinsen im Jahr zu bezah-
len. Verzweifelt greift Ismail zu Zwangs-
Zum Ungl¸ck ger"t er noch an Finanzmini-
ster, die Auslandsanleihen abschlieþen und
anleihen und kirchlichen Wohlfahrtskassen.
das Geld in die eigene Tasche stecken, wo
schon Steuergroschen und der Verdienst'
von zwei- und dreimal verkauftem Getreide
und von gef"lschten Preisen eintr"chtig
klimpern.
Besuch am Abend
1875. Seit sechs Jahren flieþt das Mittel-
meer durch den Sueskanal in das Rote
Meer. Disraeli ist englischer Auþenminister.
An einem nebligen Londoner Abend be-
kommt er Besuch. Der Mann scheint ver-
legen zu sein. Er sitzt nur zu einem Viertel
auf dem angebotenen hochlehnigen Stuhl.
Er schaut auf seinen Zylinder, den er im
Schoþ h"lt. Und dann sagt er sein Spr¸chel-
chen auf. Ismail sei in katastrophaler Lage.
Er k–nne sich nicht mehr helfen. Er tue
einen Schritt der Verzweiflung. Ismail
wolle seine Sueskanalaktien verkaufen.
Disraeli schickt sofort nachBaronRothschild.
Rothschild iþt Weintrauben. Einen sch–nen
Gruþ und Disraeli brauche vier Millionen
Pfund bis zum n"chsten Tage. Rothschild
spuckt die Schale aus. Welche Garantie?'
will er wissen. ãDie britische Regierung,
ist die Antwort. Die Regierung weiþ jedoch
nicht, daþ sie Garantie f¸r vier Millionen
Pfund ist, die sie nicht bewilligt hat.
Das Weltkapital hatte ungeheure Summen
in Ÿgypten hineingeworfen. England schickt
einen Bankfachmann nach Kairo, der dem
Khediven auf den Goldzahn f¸hlen soll.
Nat¸rlich hat Ismail keine Goldz"hne mehr.
Er hat l"ngst alles zu Geld zu machen ver-
sucht, was sich zu Geld machen l"þt. Mit
dem Bericht ¸ber die h–chst zweifelhafte
Finanzlage Ÿgyptens hat England das Land
im Schwitzkasten. Als der Khedive sich dem
Griff entwinden will, schl"gt England den
Armsten, der schon l"ngst alle S¸nden
seiner V"ter bereut, ko. Der Bericht wird
ver–ffentlicht. Den Geldleihern str"uben sich
die Haare. Kredite werden gesperrt. Ismail
sitzt auf dem trockenen. Das ist die Kata-
strophe. Ÿgypten ist kein selbst"ndiger
Staat mehr. Der Khedive kapituliert und
sagt den Staatsbankrott an. Es wird eine
Finanzkommission eingesetzt, die den heu-
lenden Khediven nicht einmal zu-ihren Sit-
zungen zul"þt. Uberdies wird er von Stam-
bul noch abgesetzt.
Sultan Fund
Ein neuer Khedive wird ernannt. Aber der
kann keinen Blumentopf mehr gewinnen.
Durch die Absetzung eines Mannes, der,
wenn auch politisch ein St¸mper, immerhin
der Nachfolger von V"tern war, vor dem
die, die heute den Khediven absetzten, ein-
mal gezittert haben, ist das Ansehen des
Khedivenamtes erheblich gesunken.
Ein uralter Plan wurde Wirklichkeit: Die Wasserstraþe, Verbindung vom
Mittelmeer zum
Roten Meer, der Sueskanal. Aber die Agypter haben kein Gl¸ck. Das Gesch"ft
machen die,
deren Milit"rlastwagen auf schnurgerader asphaltierter Sueskanal - Straþe
entlangbrausen.
Agypten - armes Land im Reichtum, glei-
chermaþen ausgepowert von eigenen Herr-
schern und fremden Kapitalisten. Bettelnd
halten "gyptische Jungen in den Assuan-
Schleusen dieHand auf, wenn einTouristen-
schiff kommt.       Fotos: Seeger (5), Ardciv (1)
Das Ende ist schnell erz"hlt. Nationalistische
Str–mungen machen sich breit. Das Feuer
der Rebellion gegen die anglo-franz–sische
Finanzkontrolle setzt das ganze Land in
Flammen. Es kommt zu blutigen K"mpfen.
Die Engl"nder beschieþen Alexandrien. Das
Ergebnis ist die britische Besatzung und
Verwaltung des Landes.
Aber die nationalistischen Bewegungen sind
einmal da. England muþ mehr und mehr
klein beigeben. Nach dem ersten Weltkrieg
wird Ÿgypten Protektorat. 1922 wird es als
unabh"ngiger Staat anerkannt. Sultan Fuad
wird K–nig.               Fortsetzng folgt.
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