University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 1 (January 13, 1951)

Mutterns Hände,   p. 7 PDF (736.4 KB)


Page 7


MUTTERNS HANDE
Hast uns Stulln jeschnitten
un Kafie gekocht
un de T–ppe r¸bajeschohm
und jewischt und jen"ht
un jemacht und gedreht
alles mit deine H"nde.
Hast de Milch zujedeckt,
uns Bonbons zutesteckt
un Zeitungen ausgetragen
hast die Hemden jezohlt
un Kaloffeln gesch"lt
alles mit deine H"nde.
Hast uns manches Mal
bei jroþen Schkandal
auch 'n Katzenkopp jeleben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben...
alles mit deine H"nde.
Heiþ warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wo nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine H"nde.
*
Die beiden Texte auf dieser Seite
wurden von einem Manne geschrieben.
der In diesem Monat 60 Jahre alt ge-
worden w"re. Bis zum Jahre 1933
schrieb er unter f¸nf verschiedenen
Namen aggressiv, anklagend, spitz,
schlagfertig, humorvoll, die Dinge bis
auf den Kern freilegend, gegen Milita-
rismus und B¸rokratie, gegen eine
einseitige Justiz, gegen Unterdr¸ckung
und soziale Ungerechtigkeit und gegen
die menschlichen Schw"chen, mit denen
wir alle belastet sind.
Dieser Mann, Kurt Tucholsky <seine
Pseudonyme waren: Peter Panter,
Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser und
Theobald Tiger), war ein Europ"er,
sein Wollen war, daþ die schaff en-
den Menschen gleichberechtigt In der
menschlichen, politischen und wirt-
sdcaftlichen Ordnung seien. Darum
schrieb er. Bl"ttern wir in seinen
B¸chern, dann finden wir, alles spricht
uns noch an, Kurt Tucholsky ist heute
so aktuell und zutreffend wie vor
20 Jahren. Ein Beweis, wie wenig die
Menschen und M"chte gelernt haben
und wie weit er der Zeit voraus war.
.1;;..AB    W   l
J~ ~?l11i~~.',  . ~VI.Z
Foto Dr. Wolff & Tritschler
Aus einem unerfindlichen Grunde
m¸ssen Postk"sten h"þlich sein. Warum
eigentlich?
Diese da sind noch nicht einmal gar so graus-
lich, wie es etwa ihre Vorg"nger gewesen
sind, diese von Ornamentitis befallenen Ge-
w"chse. Aber sch–n sind die da oben auch
nicht - das dumme Dach, die holprige Frak-
tur, ausgedacht von irgendeinem deutschen
Oberpostrat; die vollendete Unf"higkeit, ein
glattes Ding dadurch sch–n zu machen, daþ
man die Dimensionen recht in Beziehung
setzt ... warum ist das alles so?
Weil die Post nur an ganz wenigen Stellen
gelernt hat. Weil sie das Monopol der Obrig-
keit hat. Weil sie es nicht n–tig hat'. Weil
die unendliche Wichtigtuerei der Beamten
es immer erst dann zum Fortschritt kommen
l"þt, wenn die Technik ihn l"ngst ¸berholt
hat. Weil, verehrte Briefkastenbenutzer, auch
nicht der leiseste Grund besteht, jeden An-
gestellten des Staats lebensl"nglich anzu-
stellen; weil das ein Wahnsinn ist: Inter-
esselosigkeit auch noch zu z¸chten, und weil
der Staat gar nicht so viel Beamte, sondern
statt ihrer interessierte Angestellte braucht.
Rissen Sie sich die Beine aus, wenn Sie
genau w¸þten: mir kann hier nichts mehr
geschehen? Beamter bleibe ich doch. Mein
Gehalt bekomme ich doch. Pensionsberech-
tigt bin ich doch. Was t"ten Sie? Das, was
alle diese tun: das Minimum.
Der Staat ist ein Achtel so feierlich, wie er
sich nimmt. Was er tut, scheint er aus Gnade
zu tun. Er l"þt sich herbei und modernisiert
irgendein Amt. Aber es wird nicht viel da-
mit - jedes gut geleitete Gesch"ft l"uft
schneller. Viele Beamte sind des Steuer-
zahlers Tod.
Und darum sind die Briefk"sten so h"þlich.
7


Go up to Top of Page