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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 4 (February 24, 1951)

Troll, Thaddäus
Alle Journalisten sind doof!,   p. 7


Gristar, Erich
Der Rucksack,   p. 7


Page 7


Thadd"us Troll (Journalist) behauptet:
ALLE JOURNALISTEN SIND DOOF!
So, da steht es in de r Uberschrift sogar, so
fett es auf dieser Seite m–glich ist. Da geht
es also in die Geistesgeschichte ein. Viel-
leicht wird dieses Blatt in 10 000 Jahren
ausgegraben. Dann stellen die Klamotten-
sammler, auch Arch"ologen genannt, fest: im
Jahre 1950 waren die Journalisten so ehrlich,
daþ sie in ihrer eigenen Zeitung von sich
selbst behaupten, sie seien doof (doof laut
Duden: urspr. taub, dann langweilig, be-
schr"nkt, stumpfsinnig, dumm). Die Journa-
listen des 20. Jahrhunderts wairen, so folgern
die Historiker mnesserschart, ein Stand, der
zur Selbstkritik imstande war. Um mich im
Stand des Bildes zu halten: sie schossen
zwar h"ufig (freih"ndig) aus dem Stand,
aber sie schossen auch auf den Stand.
So, und nun bitte ich diejenigen meiner Kol-
legen, die sich durch die Uberschrift be-
leidigt fuhlen, die Hand zu heben. Ich sehe
keinen. Danke sch–n. Ich habe also keinen
Journalisten beleidigt. Aber ich wette: es
werden Briefe kommen, in denen sich Ar-
ch"ologen beschweren, daþ ich ihre Ehre in
den Schutt gezogen h"tte, in dem sie w¸h-
len. Weil ich sie ãmit dem absch"tzigen
Wort Klamottensammler belegt' habe.
Da w"re also die Katze aus dem Sack, in
dem des Pudels Kern begraben liegt. Ich
w"re bei meinem Thema mit Variationen,
das lautet: die Kollektivemnpfindlichkeit der
deutschen St"nde. Ein Thema wahrlich, das
dem Journalisten Kummer macht.
Denn seine Aufgabe ist es - verzeihen Sie,
wenn ich eine jener Wahrheiten ausspreche,
die in die Binsen gehen -, den Menschen
so zu schiildern, wie er ist. Nun ist aber der
Mensch weder gut, wie Leonhard Frank
sagt, noch schlecht, wie man meinen k–nnte,
wenn man die Seite 1 von Tageszeitungen
regelm"þig liest. Der Mensch ist durch-
wachsen, oder: zwei Seelen wohnen, ach!
unter der nicht immer weiþen Frackweste,
um das Pflicht-Goethezitat anzubringen.
Der Mensch, der gern auf der moralischen
Schattenseite des Lebens lustwandelt und
mordet, ist nicht als Falschm¸nzer, Raub-
m–rder, Hochstapler, Schl"ger oder Unter-
schl"ger polizeilich gemeldet. Er hat auch
mal was Rechtes oder Linkes gelernt und
deshalb einen b¸rgerlichen Beruf. So gibt es
also Schneidermeister, die betr¸gen. Es gibt
Postbeamte, die unterschlagen, Zahn"rzte,
die ins Zuchthaus kommen.
Nun hat der Leser nichts dagegen, wenn der
Journalist ¸ber Zuchthaus, Unsittlichkeit,
Betrug und Raub schreibt. Je h–her einer
stapelt, um so viel mehr Zeilen stehen ihm
in der Presse zu. Dem Abonnenten er-
scheinen Berichte ¸ber die moralische Ab-
r¸stung lesenswerter als solche ¸ber die
moralische Aufr¸stung.
Niemand protestiert gegen Uberschriften
wie ãElektriker rettet Damenstift vor Feuers-
brunst'. Aber wehe der Zeitung, in deren
Roman ein Elektriker auftritt, dessen Kinder
huiigerni, w"hrend er sich mit der zweifel-
haften Baronin Schipomanski am¸siert. So-
foit protestiert die Innung: ãSollte unser
Berufskamerad nicht sp"testens in der n"ch-
sten Fortsetzung zu Frau und Kind zur¸ck-
kehren, so werden wir bei der zust"ndigen
Hiandwerkskammer veranlassen, daþ s"mt-
liche Gewerbetreibende ihr verleumnderisches
Blatt abbestellen.
Auch die Mimosen tragen Fr¸chte. Die Ubel-
t"ter und B–sewichte, die in die Zeitung
kommen, verlieren ihren Beruf, damit die
Zeitung keine Abonnenten verliert. Aber
fast noch mehr als der Lokalredakteur leidet
der Feuilletonist unter der Kollektivemp-
findlichkeit der deutschen St"nde. Besonders
wenn er zu den Leuten geh–rt, die die Welt
zum Weinen und die sich nur dadurch vor
der Verzweiflung retten, daþ sie m–glichst
viel daran zum Lachen finden. Kurz gesagt:
der Humorist.
Da sitzt er nun an seinem Schreibtisch und
arbeitet an einer Geschichte, in der ein Be-
trunkener vorkommt. Diesem ihm gar nicht
unsympathischen Menschen m–chte er einen
Beruf geben. Aber Sie wissen, was geschieht,
wenn er ihn zum Metzgermeister macht.
Ich habe unter meinen Lesern viele Metz-
gersfrauen. Sie gaben mir vor der W"h-
rungsreform gelegentlich 50 Gramm ¸ber
meine Markenverh"ltnisse. Jetzt kann ich es
ja sagen, weil die Wurst vermutlich unter
die Amnestie f"llt. Damals hatte ich das Ge-
f¸hl, als ob meine Wohlt"terinnen meinet-
wegen st"ndi.ß mit einem Fuþ im Zuchthaus
Und soll ich so undankbar sein und einen
betrunkenen Metzgermeister erfinden? Zu-
mal ich weiþ, daþ dann die Innung geschlos-
sen frei von der beleidigten Leberwurst weg
gegen den ãverleumnderischen Schreiberling"
vorgehen w¸rde. Nein, nein. Lieber stelle
ich fest, daþ es nie einen Metzgermeister
gab, der jemals einen Tropfen ¸ber den
Durst getrunken hat. Das tun nur die Jour-
nalisten.
Wenn ich jetzt etwa ¸ber einen Friseur
schreibe, vergesse ich nicht zu betonen, daþ
er keinem Kunden ein Haar kr¸mmen kann.
Ein Kainmerj"ger vermag keiner Fliege
etwas zuleid zu tun. Meine Schornstein-
feger tragen bl¸tenweiþe Westen. Chirurgen
konnen kein Blut sehen. Metzgermeister be-
weinen jedes geschlachtete Kalb und kaufen
ihm einen Kranz. Wirte kl"ren ihre G"ste
uber die b–sen Folgen des Alkohols auf.
Nie w¸rde ich mir getrauen, einen humori-
stischen Roman zu schreiben. Denn man
kommt dabei nicht ohne komische Figuren
aus. Uind man kann wohl alle Journalisten
zu komischen Figuren (wie es der Film
schon lange tut), aber nicht alle komischen
Figuren zu Journalisten machen.
Denn sie gehoren dem einzigen Stand an,
der nicht empfindlich ist. Die Uberschrift soll
ihre Unempfindlichkeit beweisen. Oder k–n-
nen Sie sich denken, daþ die Dentisten in
ihrem Fachblatt einen Aufsatz mit der Uber-
schrift: ãAlle Dentisten sind doof!' ab-
drucken?
Mit meiner Uberschrift habe ich aber noch
etwas ganz Egoistisches im Sinn. Ich werde
sie in Zukunft allen beleidigten Leberw¸rsten
unter die Nase halten. Und ihnen sagen.
Was wir von uns selbst sagen, das d¸rfeii
wir f¸glich und rechtlich auch von anderen
behaupten. Juristisch mag das ja ein Trug-
schluþ sein.
Da f"llt mir ¸brigens noch ein zweiter Stand
ein, der nicht empfindlich ist. Es sind die
Bundespr"sidenten. Schade, daþ es die nur
in der Einzahl gibt. Sonst k–nnte man auch
sie zu Figuren eines heiteren Romans
machen, ohne daþ ihre Fachschaft sich be-
schwert.
Kein Wunder! Der unempfindliche Staats-
chef ist ja auch durch die Schule des Jour-
nalismus gegangen!
Um von Dschnonny zu reden, erz"hlte Hein
Seemann, das war ein Mann, auf den man
sich verlassen kann. Jawohl. Und stark!
Junge, war der stark! Ich bin ja lange mit
ihm auf einem Schiff gefahren und kannte
ihn genau. Eines Tages sagte der Kapit"n
zu mir: Seemann, sagte er, du bist doch ein
guter Sch¸tze.
Was soll das? fragte ich ihn.
Nun, gab der K"ptn zur¸ck, wir stehen
schlecht mit dem Proviant. Das heiþt, setzte
er hinzu, Kabelgarn und Hafergr¸tze haben
wir noch genug an Bord, aber die Fettig-
keiten fehlen. Und da habe ich mir gedacht,
du k–nntest wohl mal an Land pollen und
ein paar Tiere schieþen. Was der Dschnonny
ist, der kann ja mitgehen, damit, was du
schieþt, auch an Bord kommt, Ist gemacht,
K"ptn, habe ich gesagt, und saþ mit
Dschnonny schon im Boot. Wie wir aus-
stiegen, w"lzte sich ein Riesenbiest von
Schlange vor uns ¸ber den Weg. Nun, ich
war ja nicht scharf auf Schlangenfilet, aber
vorl"ufig muþten wir mal nehmen, was wir
fanden. Ich legte also an, das Gewehr sagte
paff, und Dschnonny packte das tote Tier
in seinen Rucksack. Wie wir weitergingen,
trafen wir eine Gazelle. Das schien uns
schon ein besserer Braten. Ich schoþ das
Tier. Dschnonny packte es ein, und wir
Kogen weiter. So haben wir im Laufe des
Nachmittags noch so St¸cker drei oder vier
Biester geschossen, und wir wollten gerade
zu unserem Boot zur¸ck, als uns noch ein
dicker Elefant ¸ber den Weg lie'. Ein Un-
geheuer, kann ich euch sagen! Beine wie
Br¸ckenpfeiler und Ohren wie Vormast-
segel. Na, als ich ihm eine Ladung zwischen
die Augen geschossen hatte, kippte er gleich
um. Dschnonny machte sich dar¸ber her
und ...
Nun sag bloþ, der Dsdinonny h"tte den auch
noch in seinen Rucksack gepackt, unterbrach
einer der Zuh–rer den Erz"hlenden.
Hab' ich das gesagt? fragte Hein entr¸stet
und sah si-h treuherziq um. Du hast es ge-
sagt - aber, um die Geschichte zu Ende zu
erz"hlen, wie der Dschnonny sich den Ruck-
sack wieder aufhuckte, sagte er doch zu mir:
S2emann, sagte er, jetzt muþt du aber
Schluþ machen, sonst reiþen mir am Ende
noch die Riemen.
Woran man wieder einmal sehen kann, daþ
man selbst einem Rucksack nicht allzuviel
zumuten darf, schloþ Hein seine Erz"hlung
und zog bed"chtig an seiner Pfeife, die ihm
schon auszugehen drohte.       Erici Grsaf
7


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