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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 4 (February 24, 1951)

Ginhold, Willi
Der Freund der Jugend,   p. [3]


Page [3]


DER FREUND
DER JUGEND
In dem Augenblick, wo diese Zeilen in Satz
gehen, liegt Hans B–ckler in seinem Heim
noch aufgebahrt. Familienangeh–rige, seine
Mitarbeiter, Freunde, Gewerkschaftskollegen
und -kolleginnen f¸hren ein letztes stilles
Gespr"ch mit ihm und nehmen Abschied.
Im Bundeshaus des DGB in D¸sseldorf
dr¸ckt eine l"hmende Stille die Gem¸ter der
Mitarbeiter. Tiefe Trauer erf¸llen die Putz-
frau, den Pf–rtner, die Stenotypistin und den
Vorstandskollegen.
Amn Samstag, dem 17. Februar, trat der ge-
sch"ftsf¸hrende Vorstand zu einer kurzen
Gedenkstunde zusammen, der eine interne
Trauerfeier mit den Angeh–rigen und den
Mitarbeitern im Bundesvorstand folgte. Es
wurde kaum gesprochen. Vielen ist es noch
unfaþbar, und Kollegen sch"men sich nicht
ihrer Tr"nen. Die neue deutsche Gewerk-
schaftsbewegu1ng hat mit dem Tod von Hans
B–ckler nicht nur den Repr"sentanten ihrer
groþen sozialen Bewegung und eine Pers–n-
lichkeit von Format verloren, sondern auch
einen Menschen, der vorbildlich in seiner
Hilfsbereitschaft gegen jeden Mitarbeiter und
Gewerkschaltskollegen war.
Die Bundesregierung, Funk, Presse und die
gesamte Offentlichkeit nehmen Anteil an
dem schweren Verlust. Man f¸hlt ¸berall,
daþ einer der besten   und  wertvollsten
Menschen dem deutschen Volk verloren-
gegangen ist. Der Bundespr"sident spricht
von dem "erftllten Leben-, das sich hier ge-
schlossen hat. Bundeskanzler Dr. Adenauer.
der in den letzten Wodien mit Halns B–ckler
in der Frage der Mitbestimmung h"ufig ge-
sprochen hat, bringt sein Beileid mit den
Worten zum Ausdruck, "er hat das getan,
nicht nur um seiner Gewerkschaft willen,
sondern, wie ich aus seinem eigenen Munde
weiþ, um damit dein ganzen deutschen Volk
zu helfen'. Nicht abw"gbar ist die auf-
richtige, tiefempfundene Anteilnahme der
Kolleginnen und Kollegen, ihrer Familien und
der ganzen arbeitenden Bev–lkerung, als
deren Anwalt sich Hans B–ckler stets be-
rufen f¸hlte und handelte.
Hans B–ckler wurde als Sohn eines Vor-
mannes 1875 in Traunskirchen (Mitteltranken)
geboren. Er erlernte den Beruf eines Silber-
und Goldschl"gers, und schon fr¸hzeitig, im
Jahre 1894, trat er dem Deutschen Metall-
arbeiter-Verband und der Sozialdemokrati-
schen Partei bei. Neun Jahre sp"ter wurde
ihm die erste hauptamtliche Funktion im
Deutschen  Metallarbeiter-Verband  uber-
tiagen. Die Stationen seiner gewerkschaft-
lichen Arbeit sind das Saargebiet, Frank-
tort a. M., Schlesien, Berlin, Danzig, Lothrin-
gen, das Siegerland und K–ln, wo er im Jahre
1920 Bevollm"chtigter der Verwaltungsstelle
K–ln  des  Deutschen  Metallarbeiter-Ver-
bandes wurde. 1928 wird er Bezirkssekret"r
des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts-
bundes f¸r Rheinland und Westfalen-Lippe.
Im selben Jahr wird er als Mitglied der
Sozialdemokratischen Partei in den Deutschen
Reichstag gew"hlt. Von 1933 bis 1944 ist die
Gestapo dauernd hinter ihm her, und er wird
zeitweise verhaftet. Hans B–ckler ist einer
der f¸hrenden K–pfe der illegalen deutschen
Gewerkschaftsbewegung, und nach dem be-
r¸chtigten 20. Juli 1944 kann er sich in einem
oberbergischen Dorf vor dem Zugriff der
Gestapo verborgen halten. Nach der Kapitu-
lation ist er Organisator der neuen deutschen
Gewerkschaften und widmet sich voll und
.Ihr jungen Kolleginnen und
Kollegen, nehmt das Werk
eurer alten Kollegen auf.
Werdet     Gewerkschafter,
werdet m–glichst gute Ge-
wesrkschafter, werdet bes-
sere Gewerkschafter, als
wir -s sein konnten. Be-
kennt tuich und verwirk-
licht in euch unsere Ideale.
Verhaþt sei euch die Phrase,
liebt das Werk. Beurteilt
die Menschen nicht nach
Ihren Worten. Beurteilt sie
nach Ihren Taten und ar-
beitet  an   euch..  Lernt!
Schafft euch das Rtstze.ug
f¸r den gewerkschaftlichen
Lebenskampf. Wissen ist
Macht. K–nnen ist Macht.
Aber vor illem Gibt jeder-
zelt Solidarit"t. Seid Freunde
ganz der gewerkschaftlichen Arbeit, der er
sich von fr¸hester Junend an verschrieben
hatte. Im Zuge des Zusammenschlusses der
Gewerkschaften wird er Vorsitzender des
DGB f¸r die britische Zone, des Gewerk-
schaftsrates und auf dem M¸nchener Gr¸n-
dungskongreþ im Oktober 1949 Vorsitzender
des Deutschen Gewerksdiaftsbundes f¸r das
Gebiet der Bundesrepublik und zwei Monate
danach in London Vizepr"sident des Bundes
Fieier Gewerkschaften.
Dem gewerkschaftlichen Lebenslauf Hans
Bodclers m¸ssen noch zahlreiche Erg"nzun-
gen folgen, damit sich das Bild der Gesamt-
pers–nlichkeit rundet. Neben seiner haupt-
amtlichen T"tigkeit hatte er noch viele
ehrenamtliche Funktionen, die er stets voll
erf¸llte.
Der Nachruf des Deutschen Gewerkschafts-
bundes spricht von "seiner besonderen Liebe
zu der arbeitenden Jugend". Und in der Tat
war er bis zuletzt Freund und F–rderer der
Jugend. Ganz besondere Sorge bereitete ihm
die gegenw"rtige Not der heimat- und be-
rufslosen Jugend. Es ber¸hrte ihn schmerz-
lich, daþ ihn Krankheit hinderte, auf der
ersten Bundesjugendkonferenz in Hamburg
zu  erscheinen.  F¸r die  Anliegen  und
Empfehlungen dieser Konferenz gab er seine
pers–nliche Unterst¸tzung, um die erforder-
lichen Beschl¸sse durchzuf¸hren. Seine poli-
tischen Erfahrungen machten ihn von jeher
hellh–rig, und er durchschaute immer klar
die Absichten der Neugr¸ndungen der mili-
tant ausgerichteten Jugendorganisationen.
Im Jahre 1930 forderte Hans B–ckler die Be-
waffnung der Gewerkschaft, um gemeinsam
mit anderen demokratischen Kr"ften die Ge-
fahren, die Demokratie und Freiheit. be-
drohten, zu bannen. Seine damaligen War-
nungen wurden ¸berh–rt. Die Lehre war, daþ
Hans B–dckler entschlossen war, die demokra-
tische Ordnung, die Freiheit mit der Kraft
einer einigen Gewerkschaftsbewegung zu er-
halten.
Der Name Hans B–ckler wird in der Ge-
schichte der deutschen Arbeiter- und Gewerk-
schaftsbewegung immer mit der Einheit der
neuen  deutschen  Gewerkschaftsbewegung
verbunden sein. Die Mitbestimmung und die
Neuordnung der deutschen Wirtschaft wer-
den auf das engste mit seiner Pers–nlichkeit
verbunden bleiben.
Man spricht von der Interessenlosigkeit der
deutschen Jugend und davon, daþ man ihr
wieder Ideale und Vorbilder geben m¸þte.
F¸r die Gewerkschaftsjugend treffen diese
vagen Behauptungen nicht zu, denn sie hat
echte Vorbilder aus der Arbeiter- und Ge-
werkschaftsbewegung. Neben Carl Legien
und Adam Stegerwald steht Hans Borkler,
der saubere, feine Charakter, der sich stets
durch besondere Herzlichk'eit und W"rme
auszeichnete und der der deutschen Gewerk-
schaftsjugend zwei groþe und dankbare Auf-
gaben mit auf den Weg gibt, f¸r die es sich
lohnt, zu k"mpfen und seine ganze Pers–n-
lichkeit einzusetzen, im  Interesse  aller
schaffenden Menschen und der gr–þten so-
zialen Bewegung, die das stabilste Element
demokratischen Lebens der Bundesrepublik
darstellt.
Die jungen Gewerkschafter wollen ihrem
Hans B–ckler nicht nur ein ehrenvolles An-
denken bewahren, sondern in seinem Geiste
lernen, arbeiten und k"mpfen. Sie wollen
die Einheit der deutschen Gewerkschafts-
bewegung vertiefen und aktivieren, und sie
wollen zur Durchf¸hrung der Neuordnung
der deutschen Wirtschaft die qualifizierten
und gewerkschaftlich fundierten Kr"fte in
unerm¸dlicher Arbeit an sich selbst stellen.
Mit dem Tode Hans B–cklers ¸bernimmt die
junge Gewerkschaftsgeneration eine groþe
und verantwortungsvolle Verpflichtung.
Willi Ginhold.
Z
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