University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Aufwärts
Jahrgang 4, Nr. 3 (February 10, 1951)

en, B
Gardinen und Tischdecken aus Kohle,   pp. 8-9


Page 8


Gardinen und Tischdecken
aus Kohle
7.~.
, ~i $.~
Die bedruckten TisctmdeeKen kommren in den Trockenraurn.
,Welch h¸bsche Gardinen habt ihr da, Maria!'
ãNicht wahr, die sind auch aus unserem
Betrieb!"
"Aus eurem Betrieb? Ich denke, du arbeitest
in einer Gummifabrik?"
,Sicher! Seht euch die Gardinen einmal
genau an. Das ist Kunststoff, aus dem glei-
chen Material hergestellt wie Trudes Regen-
mantel oder Tante K"this abwaschbare
K¸nstlertischdecke."
"Kaum zu glauben", wundern wir uns, doch
Maria sagte nichts weiter, sondern nahm
uns bei n"chster Gelegenheit mit in den Be-
trieb und zeigte uns als Betriebsratsmitglied
voller Stolz, wie Tischdecken, Gardinen,
Sch¸rzen, Badehauben, Windelh–schen, Kin-
derl"tzchen, Armbl"tter, Betteinlagen und
Fuþmatten sozusagen aus dem gleichen
Grundstoff entstehen.
Das erste, was wir bemerkten, als wir in den
groþen Fabriksaal kamen, war ein undurch-
dringlicher Dunst und ein intensiver Schwefel-
geruch, der uns fast den Atem nahm.
Jeder, der hier arbeitete, sah aus, als ob er
unter einer groþen Puderquaste gestanden
h"tte, von oben bis unten war er mit einer
weiþen Schicht bedeckt. Was das war? Tat-
s"chlich Puder, denn hier entstehen die
Kunststoff-Folien in groþen Ballen von meh-
reren hundert Meter, zwischen die eine
ordentliche Schicht Talkum gestreut werden
muþ, damit das ganze nicht aufeinander-
klebt und unbrauchbar wird. Die Staubent-
widclung ist oft so groþ, daþ nur die Gas-
maske hilft. "Am  Abend bin ich immer
heiser", verriet uns Maria, ãdas kommt von
dem gr"þlichen Staub, und unsere Kleidung
m¸ssen wir auch vollst"ndig wedseln, wenn
die Schicht zu Ende ist, sonst w¸rde man uns
zu Hause ªnicht riechen, k–nnen."
ãWir verarbeiten zur H"lfte Kunststoff und
zur ilalfte Gummi", erkl"rte uns der Be-
triebsleiter. "W"hrend Gummi ein Natur-
produkt ist -  er wird aus dem Saft der
Kautschukpflanzen hergestellt -  ist der
Kunststoff ein reines Laboratoriumserzeug-
nis, dessen Herkunft mit dem  Grundstoff
Kohle zusammenh"ngt. Von den chemischen
Fabriken kommt der Grundstoff bei unis in
Pulverform an und wird unter Hinzuf¸gung
einer Reihe von Zutaten (u. a. Ole und Far-
ben) zu einer d¸nnen Folie verarbeitet, die
den Ausgangspunkt bildet f¸r alle aus Kunst-
stoff gefertigten Artikel. Bereits im Jahre
1939 haben wir als eine der ersten Fabriken
mit der Kunststoffherstellung begonnen. Da-
Fotos: Udo Holfmann
mals war es ein Wagnis, heute hat sich der
Kunststoff auf vielen Gebieten als haltbarer
und besser verwendbar erwiesen als Gummi.
Auþerdem ist inzwischen der Gummipreis
auf dem Weltmarkt um das Vierfache ge-
stiegen, w"hrend der Kunststoffpreis sich
einigermaþen gehalten hat."
Nach dieser theoretischen Einf¸hrung sahen
wir, wie das Pulver, das vorerst gar keine
Ÿhnlichkeit mit Tischdecken und Sch¸rzen
hatte, mit genau abgewogenen Mischungen
in der sehr heiþen Mischwalze zu dicken
Fladen gepreþt wird, dann weiter ¸ber ver-
schiedene heiþe Walzen (Kalander) l"uft, bis
es zu der gew¸nschten Folie geworden ist
von genau einstellbarer Breite und Dicke.
Die Ballen, die zu Tischdecken werden, erhal-
ten vorher eine sch–ne Damast- oder Leinen-
pr"gung, werden dann entweder im Film-
druckverfahren mit farbigen Blumen- oder
Rankenmustern verziert oder im Siebdruck-
verfahren einzeln von Hand mit einem zwei-
farbigen Motiv bedruckt. Sch¸rzen, Regen-
m"ntel, Windelh–schen usw. werden mit der
elektrischen Scheie. die gleich mehrere
Dutzend auf einmal bew"ltigen kann, zu-
geschnitten und von den Frauen und M"d-
chen zusammengen"ht und fertiggestellt.
Rund 300 Frauen sind in diesem Betrieb
besch"ftigt. Die Arbeit ist durch den Schwefel-
geruch und die Staubentwicklung in manchen
Abteilungen schwer und unangenehm. Auch
verlangt sie groþe Zuverl"ssigkeit, beson-
ders im Walzwerk. Die hier Arbeitenden
erhalten neben erh–htem Urlaub regelm"þig
Milch und Pfefferminz.
Auf unsere Frage, ob die Arbeiter keine ge-
sundheitlichen Sch"den davontragen, h–rten
wir, daþ gewiþ nicht jeder die Ber¸hrung mit
den chemischen Stoffen vertragen kann. Oft
ergeben sich Hautsch"den verschiedenster
Art. Sobald aber jemand dar¸ber klagt, sorgt
der Betriebsrat mit daf¸r, daþ er sofort in
eine andere Abteilung versetzt wird, in der
er weniger gef"hrdet ist.
F¸r die Arbeiterinnen und Arbeiter in der
chemischen Industrie w"re es vor allem wich-
tig, daþ sie gesunde und luftige Wohnungen
h"tten, in denen sie sich nach Feierabend
auch wirklich erholen k–nnten, denn trotz der
strengsten Beachtung aller gesundheitlichen
Schutzmaþnahmen, auf deren Einhaltung auch
die Betriebsratsmitglieder sehen, ist es f¸r
die Kolleginnen und Kollegen nicht einfach,
sich Tag f¸r Tag mit dem trotz Entl¸ftungs-
anlagen bleibenden Staub und aufdringlichen
Sdcwefelgeruch abzuqu"len.        B-en
Tausende ausgestanzter Jrinbl"tter gehen t"glich durch die H"nde derArbeiterinnen.
3
,e-  1 
 z,, , 4 e
Genau wie Stoffsch¸rzen werden die Gurnmisch¸rzen gen"ht sind
mit R¸schen besetzt
- -                 l,        _D
O'""                j 1-, s i ' :    ,
,            -
, e- -
 ve. t,- , ' ".


Go up to Top of Page