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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 23 (November 18, 1950)

Bahrs, Hans
Einer wartet auf ein Schiff,   pp. 11-[12]


Page [12]


Goebbels und M¸nchhausen waren Waisenknaben
-~~~~~-z
AUFWARTS berichtete schon in Nr. 20 von den 25 000 jungen Kollegen, die trotz
des
schlechten Wetters zur Groþkundgebung der Bergarbeiterjugend nach Bochum
kamen. Der
1. Verbandsjugendtag war ein starkes Bekenntnis zur Solidarit"t. In der Masse
des 3000
Meter langen Festzuges wuchs das Selbstbewuþtsein junger Bergarbeiter.
Ferngelenkte FDJler
versuchten mit terroristischen Aktionen das einheitliche Bild und den Ablauf
des Jugend-
tages zu st–ren. Mit Autobussen waren sie ¸ber die Zonengrenze
geschickt worden, ge-
b¸ndelte DM-Scheine, Flugbl"tter und zusammengefaltete Transparente
in den Akten-
taschen. Die "spontane Demonstration' auf der Groþkundgebung war
bis ins kleinste
vorbereitet und die faulen Parolen der Sprechchore gut einstudiert.
Was machte die Presse der Ostzone aus der Bodcumer Groþkundgebung?
Die  ãBerliner Zeitung' schreibt: "Uber
3000 Polizisten und Hunderte von Kriminelbeam-
ten waren auf 60 groþen Uberfdllwagen mobili-
siert worden, um die offentliche Kundgebung der
Bergarbeiterjugend vor der Teilnahme der jun-
gen Bergarbeiter zu schutzen.'
Warum soll eine Kundgebung der Bergarbeiter-
jugend  vor  der Bergarbeiterjugend  geschitzt
werden?
*
Die S a c h s i s c h e Z e i t u n g' schreibt: "Als
sich die Jungarbeiter der Schachtanlage Rosen-
blumnendeile weicerten, ihr Transparent mit der
Losung ªNie wieder Krieg! Wii fordern den 7-
Stunden-Tagq herauszugeben, wurden zwei Uber-
fdllkoinimdnlos gegen sie eingesetzt.'
Die Bergbaujugend   der Schdchtanlage Rosen-
blunmendelle f¸hrte zuf"llig kein Transparent mit
dieser Aufschrift mit sich.
*
Die  "T"gliche      Rundschau"       schreibt:
.Wahrenddessen erkletterten zwei Jungarbeiter
in R¸cken von Heuss eine Mauer und hiþten ein
groþes Transparent mit der Losung: -Wir wollen
Butter statt Kanonen, mehr Lohn statt Divisionen.z,
Eine Hundertschaft der Polizei wurde zum Sturm
auf diese Mauer angesetzt, um das ¸ber dem
Kopf von Heuss leuchtende Transparent zu ent-
fernen, Die beiden Trager des Friedenstrans-
parentes wurden verhaftet und in Fesseln ab-
gefuhrt.'
Es wurde versucht, ein Transparent hinter der
Tribune anzubringen, Emporte Jungbergleute in
Bergniannstracrt entfernten es. Die Hundertschaft
und die Fesseln sind eine Einbildung des Beridct-
ertatters. Mit dem Ruf ,FDJ voãm Platz" wurden
die Stortrupps niedergeschrien.
*
Die  B e r I i n e r Z e i t u n g"' schreibt: "tnter
den Abscfheirufen der Kundgebung flu¸ctete der
Pdrdderedner Heuss von den' Platz, der von der
deutschen Nationalhymne und dem Weltjugend-
lied aus 25 000 Kehlen widerhallte.'
Professor Heuss verlieþ nach Beendigung seiner
Rede, die von Beitallsrufen der Zuhorer unter-
brochen wurde, zusammen mit August Schmidt
die Tribune. Wer kennt das Weltjugendlied'?
Wer die    Nationalhymne"? Man spricht von
,Nationalhymne' und meint damit die ostzonale
"Hyinine'. Die von Moskau geschulten FDJ;er
sangen, aber nicht die 25 000 jungen Bergarbeiter.
Begn¸gen wir uns mit diesen kurzen Antworten und lassen unsere jungen
Kollegen
sprechen, deren Entschlieþungen zum Bodcumer Jugendtag der Redaktion
vorliegen.
Der Bezirksjugendleiter der IG Bochum schreibt:
.Die Bezirksleiterkonferenz des Bezirks VI, Dort-
mund, am   13. Oktober 1950 nimmt mit Em-
porung zu den Terrormaþnahmen der FDJ auf
der Kundgebung unseres Verbandes Stellung.
Die anwesenden 73 Jugendleiter stellen sich ein-
m¸tig hinter die getroffenen Maþnahmen des
Hauptvorstandes und begr¸þen, daþ derselbe
klare Konsequenz bez¸glich derjenigen Kamera-
den ergreifen will die gewerkschaftssch"digendes
Verhalten an den Tag legen.
*
Die  Kollegen  der  Schachtanlage  Friedlicher
Nachbar" schreiben: Wir distanzieren uns ein-
stimmig und konsequent von den     spontanen
Protestlern<, die wir als organisierte Storgruppen
erkannt haben, die versuchen wollten, einen Keil
zwischen die Hauptverwaltung und die organi-
sierten Jungbergleute zu treiben-'
*
Die Jugendleiter der Gesch"ftsstelle Reckling-
hausen schreiben: ãDie Jugendleiter fordern ein-
stimmig, daþ alle Jugendleiter, die ihrer Pflicht
nicht nachgekommen sind, zur Rechenschaft ge-
zogen werden und ihr gew-erkschaftssch"digen-
des Verhalten f¸r immer unterbunden wird.
Weiter fordern die Jugendleiter, daþ der Haupt-
vorstand an alle Jugendgruppen die Anweisung
erteilt, daþ ab sofort jegliche Zusammenarbeit
mit der FDJ zu unterbleiben hat."
*
Die Kollegen der Zeche Hannover schreiben:
,Das Verhalten dieser Schreier, die f¸r ihre un-
sinnigen  parteipolitischen  Forderungen Propa-
ganda zu machen suchten, lehnen wir in aller
Form auf das entschiedenste ab. Mit unvern¸nf-
tigen Schreiern und moralisch wenig wertvollen
Menschen lehnen wir jede Gemeinschafi grund-
s"tzlidc ah."
*
Die Kollegen der Schachtanlage K–nigsgrube
sdcreiben: ãWi: sind nicht gewillt, Vorspann-
dienst f¸r eine ausl"ndische Macht zu leisten,
Wir sind bestrebt, in jeder Weise den gewerk-
schaftlichen Gedanken zu f–rdern und tatkr"ftig
mitzuarbeiten an einer Gesundung der Arbeiter-
klasse.'
*
Der Bezirksjugendausschuþ der IG Bergbau Bo-
chum  schreibt: ãDie Mitglieder des Bezirks-
jugendausschusses stellen sich einmutig hinter
die Maþnahmen des Hauptvorstandes der IG
Bergbau und begruþen, daþ der Hauptvorstand
willens ist, mit aller Entschiedenheit Ubergriffen
gewerkschaftlicher Funktion"re und Mitglieder in
sch"rfster Form entgegenzutreten."
Das sind Ausschnitte aus den vielen Entschlieþungen der jungen Kollegen.
Seien wir
doppelt wachsam. Halten wir noch fester zusammen. Zeigen wir, daþ wir
eine echte
Gewerksdcaftsjugend sind! Durch L¸ge: Auf zum Licht!              
Gl¸¸dc aufl
Leicht fed-rnd und auf Sambasohlen betritt
er die Registratur. Die Manschesterhose
(newest look) l"þt oberhalb der Schuhr"nder
Socken in modisdcem Streifenmuster deutlich
sichtbar werden. Die Jacke mit der Golf-
falte riecht noch ein wenig nach Konfektions-
haus. Das Haar ist mit leichter Welle in der
Nackenkrause angeordnet. Die ganze Erschei-
nung atmet pan-amerikanische Eleganz. Die
gelblederne Aktenmappe mit Mittelriemen
original Offenbacher Lederwaren) landet
schwungvoll im Regal. Jede Bewegung, in
dreij"hriger Lehrzeit erprobt und ausgeteilt,
hat ihre Urs"chlichkeit im Standesgef¸hl.
Ein ãguten Morgen" mit leichter Neigung
des Hauptes gilt den "lteren Kollegen, ein
¸berhebliches Nichtbeachten den " jungen
Stiften'. Eine Welt trennt ihn von diesen
Anf"ngern, eine Zeit von nun fast drei
Jahren.
Seine Aktionszeit ist die Mittagspause, sein
Schlachtfeld der Lehrlingsraum. ãHa, wie
das prickelt, so inmitten der Kollegen zU
stehen, Auskunft zu geben und die J¸ngeren
in die Schliche des Lehrlingsdaseins einzu-
weihen.' Gestern rauchte er in dieser Ver-
sammlung seine erste Zigarette. Das war ein
Gef¸hl! Saloppe W¸rde, l"ssige Hoheit,
alles in eins. (Zum Glu"e hat der Chef nichts
gesehen!)
Uber das Postholen ist er l"ngst hinaus. Ei
hat seine feste T"tigkeit, und das tollste ist
die neueren Angestellten reden ihn sogar
schon mit Sie und Herr an. (Nat¸rlich liegt
das nur an seinem Auftreten, schlieþlich
merkt man doch, wer da vor einem steht!)
Sein Gespr"chsthema bei den "lteren Kol-
legen ist die Schule, bei den j¸ngeren Fuþ-
ball, Kino und bei den intimen... Frauen.
"Da hat doch gestern dieser Herr Dr. den
Abschluþbogen erkl"rt, aber ich weiþ nicht,
nach meiner Meinung geh–ren die Rech-
nungsabgrenzungsposten in eine gesonderte
Spalte. Und auch die Behandlung des Del-
krederekontos paþt mir durchaus nicht...
Und bei den anderen: "Was sagst du? Der
Torwart haut hin? Nun will ich dir mal was
sagen: Was der da macht, ist doch keine
Technik. Den letzten Ball h"tte er doch
halten m¸ssen. ..!"
Nachmittags verl"þt er "sein Buro", abei
nicht, ohne sich zuvor die H"nde gewaschen
die Fingern"gel untersucht und die Haare
glattgestrichen zu haben. Er hat n"mlich eine
Verabredung. Die Bekanntschaft' ist natur-
lich auch auf dem B¸ro. Schlieþlich muþ man
doch die Kollegialit"t untereinander festigen.
Wenn nur diese Pr¸fung nicht w"re! Jetzt,
wo er allein ist, holt er noch einmal die Ein-
ladung aus der Tasche. Ja, da steht es: äSie
haben sich... Briefbogen und Schreibger"t
sind mitzubringen." Unerbittlich ist dieser
Satz. Immer wieder dr"ngt er sich nach vorn,
verfinstert die gl"nzendsten Aussichten auf
Kino, Fuþball und Wochenendtanz, und was
das schlimmste ist, die in drei Jahren m¸h-
sam anerzogene Selbstsicherheit ger"t ob die-
ses Satzes ins Schwanken, die Knie werden
weich, die Sambasohlen verlieren ihre
federnde Spannkraft, und der kaufmanns-
haltige Gesichtsausdruck wird ganz unkauf-
m"nnisch unsicher. Aber das geht doch nicht!
"Mensch, richte dich auf! Haltung, Haltung
¸ber alles!" Und schon geht's. Salopp wie
morgens beim Betreten des B¸ros ¸berquert
er den Fahrdamm, gibt auf der anderen Seite
einem leicht ergrauten Herrn Feuer, bespie-
gelt sich im Vorbeigehen in der Fenster-
scheibe des Hutmodenhauses, bringt schnell
eine vorwitzige Haarstr"hne an den richti-
gen Ort und schreitet auf die Normaluhr zu.
"Was sehe ich, du bist schon da? Entschul-
dige bitte, wir hatten wieder furchtbar zu
tun." Schon winkelt sich sein Arm welt-
m"nnisch leicht an, verschlingt sich mit dem
der "Bekanntschaft", und auf geht's in Rich-
tung Eisdiele Concordia.     Rudolf Warnke


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