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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 23 (November 18, 1950)

Bo., K.
Einen ganzen Schrank voll!,   p. 7


Page 7


Einen ganzen
Schrank voll!'
,Ja, gibt es denn das noch, einen ganzen
Schrank voll duftender, reiner, neu ge-
mangelter W"sche?' So fragen nicht nur die
Ausgebombten und Fl¸chtlinge, auch vielen
Frauen und M"dchen, gleich ob sie offiziell
oder heimlich verlobt oder jungverheiratet
sind, ist der ,wohlgef¸llte W"scheschrank'
ein sagenhafter Begriff geworden. Gewiþ,
fr¸her einmal, da war es selbstverst"ndlich.
daþ ein M"dchen eine W"scheausstattunq
nicht nur f¸r sich, sondern f¸r eine mehr-
kc.pþige Familie besitzen muþte, um ¸ber-
hciupt heiratsf"hig zu sein. Die Eltern mehre-
rer T–chter machten sich nicht wenig Sorge,
wie sie die Aussteuer f¸r Gustel, Frieda,
Enmna und Martha zusammenbringen sollten.
Aber wenn es auch schwerfiel, wenigstens
etwas an W"sche gab man jeder Tochter
mit. Das war Ehrensache, und es geh–rte
sozusagen zum gtiten Ruf der Familie.
Sogar im Burgerlichen Gesetzbuch sind eine
Menge Paragraphen eingebaut, die sich mit
der ~Ausstattung', die die Eltern ihren Kin-
dern mit auf den Weg zu geben haben, be-
fassen. Hier ist festgelegt, daþ die Eltern
verpflichtet sind, der Tochter im Falle der
Verheiratung zur Einrichtung eines Haushalts
eine angemessene Aussteuer zu gew"hren.
Allerdings galt auch fr¸her schon die Ein-
schr"nkung, daþ die Eltern dazu imstande
sein m¸ssen und daþ die Tochter kein ander-
m eitiges Verm–gen besitzt.
Wie ist es nun heute mit der Aussteuer?
Grunds"tzlich besteht der Anspruch der
T–chter gegen¸ber den Eltern immer noch.
Nur haben sich die Verm–gensverh"ltnisse
der meisten Volksschichten, nicht nur der
Arbeiter, auch der Angestellten und Beamten,
derart verschlechtert, daþ die allerwenigsten
Eltern in der Lage sind, ihren Kindern das
mitzugeben, was sie gern m–chten und was
sie normalerweise auch zu beanspruchen
haben. Bombensch"den, Kriegsverluste und
W"hrungsverluste haben die Familien heim-
gesucht, und sehr oft m¸ssen die beirats-
f"higen T–chter noch mithelfen, den Lebens-
unterhalt der Familie zu bestreiten, ohne
daran denken zu k–nnen, von den Eltern
eine Hilfe zur Gr¸ndung eines neuen Haus-
halts zu bekommnen.
Interessant ist in dem Zusammenhang die
Frage, ob eine berufst"tige Tochter ebenfalls
Anspruch auf die Aussteuer hat. Wenn sie
im Haushalt der Eltern lebt und ihren Ver-
dienst ganz oder teilweise den Eltern zu-1
zu dem Problem der arbeitenden Frau m–chte ich je
doch sagen: Ich kenne M¸nchen und die Mtinchene
Verh"ltnisse nicht, kann mir aber nicht vorstellen
daþ es dort keine berufst"tigen Frauen gibt. Weni
unsere schwedische Kollegin den Eindruck halte, dal
wuen in dem Punkt bei uns in Deutschland noch si
weit zur¸ck ist, so muþ sie sich meiner Ansicht nacl
nur in sehr exklusiven Kreisen bewegt heben. Men
schen mit einem gesunden Menschenverstand werde,
auch bei uns heute nichts Merkw¸rdiges darin sehen
wenn eine Frau ihren Beruf aus¸bt.
Ich bin mir vollkommen dar¸ber klar, daþ man uns Ii
Sdiweden in manchen Dingen voraus ist, aber so sah
hinterw"ldlerisch, wie Aina meint, sind wir denn docl
nicht mehr.              Gerda Peters. Hamburg
AUn. Norstr–m hat recht 1
Es'hat mich sehr gefreut, daþ eine ausl"ndische Stu
dentin ihre Meinung hinsichtlich der mangelnden Soli
dGrit"t zwischen Arbeitern und Studenten in Deutsch
land so anschaulich dargestellt hat. Ich muþ Aina ir
ellen Abschnitten ihres Aufsatzes recht geben, denr
ihre Ausf¸hrungen entsprechen den Tatsachen in val.
lemn Umfang.
Ich w¸rde mich gerne mit ihr ¸ber diesen Punkt ein.
gehender unterhalten und bitte freundlich um die An.
schrift von Aina Norstr–ns.  Ernst St"hler, Meggen
Ein Traum. der heute nur selten erflult wird.
kommen l"þt, hat sie diesen Anspruch selbst-
verst"ndlich. Auch wenn sie ihr Einkommen
genz f¸r ihren eigenen Unterhalt verbtaucht,
bleibt der Anspruch bestehen. Nur wenn sie
einen Teil ihres Verdienstes spart und ihre
Eisparnisse eine Summe erreichen, f¸r die
sie eine Aussteuer erwerben kann, so ver-
licrt sie nach dem Gesetz den Anspruch auf
eine Aussteuer, da sie dann ja Verm–gen
besitzt.
Legen denn die heutigen jungen M"dchen
i'berhaupt noch Wert auf eine gute, gedie-
gene W"scheausstattung? Haben sie nicht
viel zuviel andere Interessen, die ihnei
wichtiger sind? Es mag stimmen, daþ die
M"dchen heute nicht mehr so viel reden von
ihrer Aussteuer, und es gibt auch nicht mehr
ävielo, die nur eine Arbeit annehmen, um fuc
die Aussteuer zu sparen. Auþerdem sind die
jungen Menschen angesichts der Wohnungs-
und Geldknappheit bescheidener geworden
in ihren Vorstellungen ¸ber die Gr¸ndung
eines Haushalts. Weil sie wissen, daþt die
Eltern ihnen nur wenig helfen k–nnen, geben
sie sich f¸rs erste mit dem Notwendigsten
zutrieden. Sie sind vern¸nftig genug, nicht
nach einer W"scheausstattunq zu verlangen,
die f¸r eine mehrk–pfige Familie noch nadch
25 Jahren ausreicht, Eine solche Kapital-
anlaqe k–nnen sie sich nicht leisten, dazu
m¸ssen sie zu sehr rechnen mit ihrem
kleinen Verdienst.
Aber Freude an sch–ner, weiþer W"sche
haben die Frauen und M"dchen auch heute
noch, und ein wohlqefullter Wascheschrank
ist auch heute noch ihr geheimer Wunsch-
tiaum. Nur wissen sie, daþ dieser Traum sich
leider nicht erfullt, und darum nehmen sie,
ohne unglucklich dar¸ber zu sein, vorl"uhig
mit einem wohlgeordneten W"schefach vor-
ieb.                                     K, 5:,,
- AIne hatte noch
r                  Aachen kommen sollen 1
1 Die Kollegin Norstr–m hat leider zum gr–þten Teil
redit. Die Kieler Studenten sind so weit, daþ sie selbst
a.ein M"del aus dein Mittelstand mit den Worien ab-
tun: Adh die, deren Vater ist ja nur Friseur!' Aber
-die Kollegin h"tte nach Aachen zur Akademie f¸r
Publizistik kommen sollen. Dort herrschte tats"chlich
Kameradschaft sowohl zwischen Studenten und Studen-
tinnen als auch zwischen Dozenten und Sch¸lern.
obwohl wir nicht ,du' zueinander sagten. tlbrigens
finde ich, das W–rtchen .Du' macht es auch nicht
allein, zudem erscheint es mir eiwas unehrerbietig,
einen Lehrer zu duzen.
f.Es ist schade, daþ Aina Norstr–m nicht die K<amerad-
schaft zwischen Jungen und M"dchen in den Jugend-
gruppen kennengelernt hat, denn dar¸ber brauchen
wir uns doch erst nicht zu unterhalten, die ist vor-
-handen.                    Ruth Deisen, Duisburg.
Jahrtenwasserlungfrau"I1
*Ist es in Schweden ¸blich, daþ das Banner der Na-
tion im Turnzeug getragen wird? Wenn man, wie im
.Aufw"rts'. die Nation und die Verbundenheit mit
einer Nation herausstellen will, so w"hlt man kein
Bild einer Sportveranstaltung mit einer äFahrten-
*wasserjungfrau'.
Zum Abschnitt äKein Kontakt zwischen Student Und
Arbeiter' ist nichts hinzuizuf¸gen. Er gibt auch meine
Meinung wieder.
.Sex-Appeal statt Kameradschaft' ist ein Thema. wo-
r¸ter man B¸cher schreiben k–nnte, f¸r jedes Land
und jede Landschaft ein anderes. In vier mir bekansi-
ten Fallen ist die Kameradschaft' in die Br¸che ge-
gangen. Aina wird sagen, .dann war es keine'. 1dm
antworte: .Es gibt keine.'
Wir Deutsche stellen uns die Frau, gleichsam al
Seele der Familie und damit auch des Volkes' vor.
N.cht als Familienern"hrerin, sondern als .Mutter.'
im Beruf. Sie steht scheinbar im Hintergrund und ist
doch Mittelpunkt. Nicht das Fleischliche steht Im
Vordergrund, sondern die echte Liebe.
Bert Strey, Buer i. Westf.
Gleichberechtigung der Frau-
einmal anders gesehen 5
Die Kritik an der Stellung der deutschen Frau im
–ffentlichen Leben hat mich sehr nachdenklich ge-
macht. Aus den Vergleichen mit Schweden kann man
entnehmen, daþ sich dort die Gleichberechtigung der
Frau in gr–þerem Maþe als bei uns durchgesetzt hat.
Ist das nun das Erstrebenswerte? Ich glaube, daþ wi
uns ¸ber die tieferen Gr¸nde und Folgen dieser schont
zum Schlagwort gewordenen Forderungen einmal Ge-
denken machen m¸þten.
Sehen wir uns die Einzelheiten an, die unser e schwe-
dische Kollegin so entsetzt haben. Offenbar sind
unsere Frauen noch zu sehr Frau - nach schrwedischer
Auffassung. Sie kritisiert das Verh"ltnis zwischen
Mann und Frau im beruflichen Raum.' Daþ beide in
Beruf und Ijifentlichkeit im Verh"ltnis zueinander eine
Form der Kameradschaft fineen m¸ssen, ist selbstver-
st"ndlich. Aber nimmt es nicht dem Umgang mnitein-
ander gerade die letzte Feinheit. wenn einer im anderen
nur den ãMenschen- sieht, mit dem er arbeitet? Ver-
pflichtet es nicht den Mann zu gr–þerer Ritterliclskeit.
wenn er in der Kollegin die Frau sieht, und ebenso
die Frau zu gr–þerer Beherrschtheit dem Mann gegen-
¸ber?
Die Tatsache, daþ auch die verheiratete Frau den
Lebensunterhalt oft mitverdienen muþ, ist aus dem
Berufsleben in Deutschland ebensowenig wegzudenken
wie aus dem schwedischen. Dar Unterschied scheint
mir" darin zu liegen, daþ es dort ganz und ger normal
ist, w"hrend es bei uns von den meisten Frauen und
M"dchen noch als widernat¸rliche Notl–sung empfun-
den wird. Sind wir da r¸ckst"ndig? Oder ist in unse-
ren Frauen und M"dchen noch ein letztes Gesp¸r f¸r
die gottgewollte Ordnung der Dinge lebendig?
Aina Norstr–mn meint, die deutsche Frau besitze zu
wenig menschliches Selbstbewuþtsein, um dem Mann
als gleichberechtigte Partnerin gegan¸bertreten zu
k–nnen. Ich habe vielmehr den Eindruck. als k–nnten
die meisten unserer Frauen und M"dchen sich nicht
genugtun in dem Bestreben, gleichberechtigte Part-
nerin zu sein. Weiches M"dchen hat heute den Mut,
einmal um der G¸te willen auf sein ,.gutes Recht- zu
verzichten? Um der Bewahrung der tiefsten Dinge
willen zur¸ckzustehen hinter dem Mann? Sind diese
Dinge denn weniger wert als f¸nf Pfennig mehr Stun-
denlohn oder Sitz und Stimme in irgendeinem Aus-
schuþ? Beides ist notwendig, doch ist die Frau mehr
noch als der Mann ihrem Wesen nach verpflichtet, die
rechte Rangordnung zwischen "uþeren und inneren
Werten zu finden und zu wahren.  Gisela H–el. K–ln.
InderArbelterbewegunghtest anders 1
Die Kritik der jungen Schwedin ist sehr hart f¸r uns.
aber sie ~ist gerecht und richtig.
Obwohl die Studentenjugend sich heute in groþer
wirtschaftlicher Not befindet und zu mehr als 50 v. HI.
w"hrend der Semesterferien ihr Studium Seite an
Seite mit dem Arbeiter verdienen muþ, schaut sie
¸berheblich auf ihn herab. Wenn ihr in den -heutigen
Schulen nicht die Augen ge–ffnet werden f¸r die
Probleme ihrer Zeit, warum nimmt sie nicht den'
frischen Wind aus den Fabriken und Arbeitspl"tzen
mit in die Hochschulen und Universit"ten, daþ dort
einmal der Staub aufwirbelt und m–glichst gleich aus
dem offenen Fenster fliegt? Sch"mt sie sich vielleicht
gar ihrer wirtschaftlichen Not und verheimnlicht sie.
anstatt ihre Linderung zum gemeinsamen Ziel der
gesamten arbeitenden Jugend zu machen?
Auch im zweiten Punkt muþ ich unserer schwedischen
Freundin - entgegen der Meinung der Redaktion-
leider recht geben.
Das Verh"ltnis zwischen den beiden Geschlechtern
basiert zur Hauptsache auf den sexuellen Gegens"tzen
und nur selten auf gleichen Interessen. Die Schuld
liegt auf beiden Seiten. Die M"nner wollen nicht die
Gleichberechtigung der Frauen im –ffentlichen Leben,
und die Frauen beweisen zuwenig durch Wort und
Tat, daþ es ihnen ernst ist mit ihrer Anteilnahme am
–ffentlichen Geschehen.
Eine Einschr"nkung aber muþ ich an der Kritik der
Schwedin machen. Das Verh"ltnis zwischen Jungen und
M"dchen in der Arbeiterbewegung weist nicht die
gleichen M"ngel auf. In dem Augenblick, wo die
Jugendlichen sich dort anschlieþen, ordnen sie sich in
die hier herrschende Atmosph"re ein, die gekenn-
zeichnet ist durch das gesunde, kameradschaftliche
Verh"ltnis zwischen Arbeitern und Studenten und
zwischen Jungen und M"dchen. Hier ist gemeinsamer
Kampf um ein besseres Leben, hier ist gemeinsames
geistiges und kulturelles Erleben und Erarbeiten,- hier
ist Frohsinn in nat¸rlichem Zusammensein, hier hist
Gleichberechtigung!      Emmi L-¸d-emann. Hamburg


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