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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 9 (May 6, 1950)

Hbg
Samstag Nachmittag geschlossen,   p. 6


Hagedorn, Ilse
Marianne ist glücklich,   p. 6


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am Samstagnachmittag. Augenblicklich ist
dieses Problem in den verschiedenen Lan-
desgebieten und St"dten verschieden ge-
l–st. Die Gesch"ftsinhaber haben zweifellos
Interesse daran, ihr Verkaufspersonal so-
lange wie nur irgend m–glich am Arbeits-
platz zu behalten, um jede Chance eines
gesteigerten Umsatzes wahrzunehmen. Dabei
denken sie nicht daran, daþ die Kaufkraft
des Verbrauchers und damit der Umsatz sich
nicht durch l"ngere Gesch"ftszeit erh–hen,
sondern nur dadurch, daþ dem K"ufer ent-
weder durch Preissenkungen oder h–here
L–hne die M–glichkeit zum Kaufen gegeben
wird. Die Gewerkschaft Handel, Banken,
Versicherungen, die uns um Aufnahme nach-
stehender Zuschrift gebeten hat, ist bem¸ht,
auf gesetzlichem Wege den Gesch"ftsschluþ
am Samstagnachmittag einheitlich zu regeln
und damit auch den Kolleginnen und Kolle-
gen, die im Verkauf besch"ftigt sind, ihr
Wochenende zu sichern.          Die Red.
Es gibt wenige Berufe, in denen am Sams-
tagnachmittag nicht die Arbeit ruht und da-
durch dem Arbeitnehmer ein zusammenh"n-
gendes verl"ngertes Wochenende erm–g-
licht wird. Das ist gut so und hat vollauf
aus vielen Gr¸nden seine Berechtigung.
Nur die Arbeitnehmer im Einzelhandel ken-
nen kein richtiges Wochenende. Das ist nicht
gut, und f¸r eine solche soziale Schlechter-
stellung gibt es weder Gr¸nde noch eine
Rechtfertigung.
Diese Menschen sind ununterbrochen vom
ersten Tage des Jahres bis zum letzten wie
Sklaven in ein Joch gespannt. Tagaus, tag-
ein, von morgens bis abends, dazu in Zei-
ten der Konjunktur auch noch sonntags, ver-
richten sie bei schlechter Bezahlung ihre so
leicht scheinende, in Wirklichkeit aber
schwere Arbeit - zum Nutzen und Wohle
der anderen.
Nat¸rlich, ihr Anspruch auf das Wochen-
ende wird an und f¸r sich anerkannt -
dann jedoch kommt das groþe Aber. Und
dieses ãAber' ist der Profit und der Geld-
beutel.  Denn  andere  und  vern¸nftige
Gr¸nde gibt es kaum gegen den Gesch"fts-
schluþ am Wochenende. Sie sind bei sach-
licher Betrachtung alle zu widerlegen. Man
soll doch nicht mit dem armen Verbraucher
kommen, der gerade und unbedingt am
Samstagnachmittag seine Eink"ufe erledigen
muþ! Wer redet ihm das denn ein? Doch
nur jene, die glauben, daþ sie sonst nicht
genug verdienen und die am liebsten auch
noch sonntags und m–glichst in der Woche
bis 22 Uhr die Gesch"fte offen halten m–ch-
ten. Wo aber sind diese von Mitleid strot-
zenden Seelen, wenn es wirklich um das
Wohl des Verbrauchers geht? K¸mmern sie
sich dann auch um ihn? Bei Tarifverhand-
lungen, Wohnraumbeschaffung, Preissenkun-
gen und dergleichen sind sie nicht zu fin-
den. Nur wo ihr eigener Profit im Vorder-
grund steht, da werden sie r¸hrig, und das
ãWohl des Verbrauchers' dient ihnen nur
als Vorspann f¸r ihre Interessen.
Dabei aber ¸bersehen sie vollkommen, daþ
gerade diese von ihnen so mitleidig zitier-
ten Verbraucher unsere Kolleginnen und
Kollegen aus den anderen Berufszweigen
sind; und nun wollen sie uns und ihnen
glaubhaft machen, sie m¸þten ausgerechnet
den Samstagnachmittag f¸r ihre Eink"ufe
haben und k–nnten uns deshalb das Wo-
chenende nicht zugestehen.
Wer von unseren Gewerkschaftskolleginnen
und -kollegen denkt denn wirklich so?
Wenn wir uns einmal mit ihnen zusammen-
setzen und ihnen klarlegen, um was es geht,
werden wir finden, daþ gerade die Indu-
striearbeiterschaft f¸r unsere Einzelhandels-
kollegen das weitaus gr–þte Verst"ndnis
aufbringt.
Wir haben uns wahrlich mit Engelsgeduld
seit Jahrzehnten immer wieder bem¸ht, das
mit sachlichen Mitteln zu erreichen, was uns
mit wenig sachlichen verwehrt wird. Glaubt
man denn wirklich, das ginge so weiter?
Schon andere schwerer wiegende Forderun-
gen haben gegen noch gr–þere Widerst"nde
ihre Anerkennung gefunden. Das wird auch
mit unserer Forderung auf den verkaufs-
freien Samstagnachmittag nicht anders sein.
Hbg.
Zeidcnung: H. Baudc
Marianne hat es nicht so gut wie andere
junge M"dchen, die daheim nicht ihren gan-
zen Lohn abzugeben brauchen und sich viele
sch–ne Dinge kaufen k–nnen, die Marianne
nur in den Schaufenstern bewundern darf.
Sie ist N"herin in einer W"schefabrik. Seit
Monaten sitzt sie hinter der Lochmaschine
und fertigt die Stickereien an den Volants
der Unterr–cke f¸r die elegante Damenwelt
6
an. Selber hat Marianne nur einen Fetzen
am Leib, den ihre Mutter aus Teilen eines
zerrissenen Bettbezuges ,,zusammengest¸ckt'
hat. Aber Marianne tr"umt gar nicht von
feiner Unterw"sche. Sie w"re schon zufrie-
den, wenn sie ein Paar ordentliche Schuhe
h"tte. Denn als sie aus der Schule kam, gab
es keine Waren, und seit die L"den voll
sind, ist der Vater arbeitslos. Meist ver-
spielt er auch noch die paar Pfennige Unter-
st¸tzung in der Hoffnung, sein Los durch
einen gl¸cklichen Zufall zu wenden. Mari-
anne muþ darum zu Hause immer ihre ganze
Lohnt¸te abgeben. Freitags steht die Mutter
schon mit der Einkaufstasche am Arm vorm
Tor und nimmt Mariannes Geld in Empfang.
Deshalb ist sie wohl auch so verschlossen
und viel zu ernst f¸r ihre neunzehn Jahre.
Aber sie ist mit Leib und Seele bei der
Arbeit. Die Abteilungsleiterin weiþ schon,
warum sie gerade ihr die neue Feston-
maschine anvertraut. So n"ht Marianne jetzt
die geschwungenen Kanten von Kissen-
bez¸gen. Sie bekommt daf¸r einen h–heren
Lohn, 45 Mark in der Woche. Diese 45 Mark
bedeuten Leben f¸r den Vater, f¸r die
Mutter, f¸r den 13j"hrigen Bruder und f¸r
Marianne selbst.
Eines Tages stellt die Abteilungsleiterin an
die alte Festonmaschine neben ihr eine neue
N"herin. Vorl"ufig nur auf Probe f¸r acht
Tage, sagt sie und erkl"rt fahrig und ober-
fl"chlich den Arbeitsvorgang, um die Neue
dann ihrem Schicksal zu ¸berlassen. Schlieþ-
lich braucht es auch keiner langen Erkl"rung,
denn die neue N"herin wurde ja nur an-
genommen, weil sie gesagt hatte, sie kenne
das W"schefestonieren. Jetzt zerrt sie aber
an dem Kissen herum und kann nicht damit
fertig werden. Wahrscheinlich hat sie ge-
logen, um Arbeit zu bekommen. In Wirk-
lichkeit war sie sicher noch nie in einem
solchen Betrieb besch"ftigt. Hilflos blickt sie
zu Marianne hin¸ber. Aber Marianne wendet
die Augen ab. Was geht sie die andere an!
Jeder ist sich selbst der N"chste, denkt sie.
Wer k¸mmert sich um ihre Not? Aber dann
f"llt ihr ein, wie sch–n es gewesen w"re,
wenn ihr jemand geholfen h"tte. Und pl–tz-
lich erkl"rt sie der Neuen den Arbeitsvor-
gang, langsam und leicht faþlich. Als die
Abteilungsleiterin nachher dann die neue
N"herin lobt, ist Marianne ganz stolz. Sie
freut sich so sehr, daþ nicht einmal der Ge-
danke an den heutigen Freitagabend, wo
die Mutter wieder mit der Einkaufstasche
vorm Tor steht, sie verstimmt.
Ja, denkt sie beim Anblick der Mutter,
daþ es mir noch nie aufgefallen ist, wie
fadenscheinig und verstopft ihr Mantel ist.
Irgendwie r¸hrt Marianne das andere Leid
und tr–stet sie zugleich.
Die Mutter kommt ihr heute auch so sonder-
bar jung vor. ãMarianne', ruft sie zur Be-
gr¸þung, und in ihrer Stimme schwingt
etwas mit, das Marianne lange nicht mehr
bei ihr geh–rt hat. "Marianne, es ist das
letztemal, daþ ich dir den ganzen Lohn ab-
nehme. Stell dir vor, ein Wunder ist ge-
schehen. Vater hat Arbeit. Morgen f"ngt er
an. Dann kannst du dir endlich ein Paar
neue Schuhe kaufen."
.Ach ja, die Schuhe', sagt Marianne nur.
Aber sie ist gl¸cklich wie noch nie.
Ilse Hagedorn.


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