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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 10 (May 22, 1950)

Der Jungaktivist Heinz Kramer,   p. 12 PDF (762.2 KB)


Brehler, Oskar
Das "Kriegserlebnis",   p. 12


Page 12


D E R
J U N GAKT IVI ST
HEINZ KRAMER
Heinz Kramer erhielt gestern das sauer ver-
diente "Abzeichen f¸r gutes Wissen'. Zu-
n"chst nur in Bronze - Silber oder Gold
werden sp"ter folgen. Dem l7j"hrigen Jun-
gen steht jetzt schon der Schweiþ auf der
Stirn, wenn er daran denkt, daþ die Tortur
gleich nach Pfingsten wieder losgehen wird.
Doch gut - so sagt er sich nun -, daþ er
es zum Treffen der 500000 noch rechtzeitig an
sein blaues Uniformhemd heften kann. Die
Kollegen seiner Jungaktivistenbrigade hatten
es schon seit einiger Zeit, und es verging
kein Tag, an dem nicht der Brigadeleiter
h"nselte: - na, Mensch, hast du denn
keinen Mumm in den Knochen und keine
Gr¸tze im Kopf, oder geh–rst du etwa auch
zu den Saboteuren.. .?' So hatte er zu den
¸brigen Kollegen gesprochen und sein Ziel
erreicht. Das Jugendaktiv ,Georgi Dimitroff'
konnte zum erstenmal melden: Wir haben
alle unsere schriftlichen und m¸ndlichen
Pr¸fungen bestanden, wir tragen das "Ab-
zeichen f¸r gutes Wissen' und geh–ren da-
mit zur vordersten Front der aktivsten Akti-
visten ...
Wie sagte doch Erich Honecker nach dem
Beschluþ des FDJ-Zentralrates zur Stiftung
des Abzeichens? Ja, richtig "- dieses Wis-
sen, das sich viele hunderttausende Jugend-
liche in unerm¸dlicher geistiger Anstrengung
aneignen, wird im erheblichen Maþe mit
dazu beitragen, die Reihen der f¸r den Frie-
den k"mpfenden Menschen zu st"rken und
die Liebe zu den Errungenschaften der Deut-
schen Demokratischen Republik und allen
fortschrittlichen L"ndern noch mehr zu ver-
tiefen!" Und dann setzten Fanfaren ein,
wirbelten die Landsknechttrommeln, und
man lieþ den einzigen Freund des deutschen
Volkes, Jossif Wissarinowitsch Stalin', im
Treueschwur hochleben.
Heinz Kramer weiþ sich noch genau zu er-
innern. Auch an die immer wieder geprie-
senen neuen Errungenschaften der Karls-
horster Ostrepublik. Als Heinz vor drei
Jahren seine Lehrzeit in der Ernst-Th"l-
mann-Werft in Brandenburg an der Havel
begann und schon nach kurzer Unterweisung
den schwer arbeitenden Aktivs, die im Uber-
soll rastlos an der vorzeitigen Verwirk-
lichung des Zweijahresplanes schafften, zu-
gewiesen wurde, begann sein Herz sich zum
erstenmal aufzub"umen. Der Moloch Maschine,
Soll, Ubersoll, Hennecke, Norm, Aktiv,
Abzeichen, Uniformen, Marschieren, Demon-
strieren und nochmals Ubersoll begann ihn
zu erdr¸cken. Seitdem blieb der Alptraum
bestehen.
Als damals der Betriebsrat der Werft den
Jungen der erfolgreichen Georgi-Dimitroff'-
Brigade eine Anerkennung f¸r die geleistete
Arbeit aussprach, da wurde ihm und den
Kollegen spei¸bel. Sie wuþten, was nach
dieser Anerkennung f¸r die erschwitzten
165,6 v. H. der Facharbeiternorm folgen
w¸rde. Sie hatten den Beweis erbracht, was
sie leisten konnten -mochten sie auch vor
die Hunde gehen -, jetzt w¸rde man ihnen
zeigen, was sie weiter leisten m¸ssen. Und
mechanisch gingen sie wieder an die Arbeit -
ohne Freude, nur mit dem Gedanken an das
neue Ubersoll. An die Front der Aktivisten!
Jeder treibt jeden, keiner traut keinem. Und
wer die Klamotten hinschmeiþt, rollt 24
Stunden sp"ter im Einsatzwagen bis vor die
Einfahrt der Sch"chte des Uranbergbaues.
Die Maisonne hat Heinz Kramer noch nach-
denklicher gestimmt. Er erinnert sich noch
gut daran, daþ er fr¸her, wenn Pfingsten
nahte, zu den Groþeltern aufs Land durfte.
F¸r ein paar kurze Tage nur, aber sie d¸nken
12
"So ist es" Nach dem .SOLL- der Arbeit.
ihm heute wie viele Wochen und Monate
gl¸dcseligen Traums. Aus ist das alles. Wie
weggewischt. Nichts. Diesmal wird mar-
schiert. Die Befehle sind schon bekannt. Man
kennt die Marschs"ulen, die Kundgebungs-
pl"tze, die Demonstrationsecken'. Die Ge-
nossen von der Volkspolizei, die etwas ulkig
in den FDJ-Uniformen aussehen, werden sie
begleiten. Man hat schon ge¸bt und ist f¸r
den Ernstfall gewappnet.
Wenn Heinz Kramer des Abends zum Um-
fallen m¸de von der Bude kommt, hat er
kaum Zeit, einen Bissen zu Hause zu ver-
schlingen. Die Kollegen warten schon, um
ihn abzuholen. Nach dem Soll der Arbeit
kommt das Soll des Feierabends. Man paukt
Er war eigentlich schon immer bei uns. Jeden
Abend kam er mit dem gleichen ernsten,
verschlossenen Gesicht; selten nur beteiligte
er sich an lustigen Spielen unserer Gruppe.
Aber keine Arbeit war ihm zuviel, mit
unendlicher Geduld ging er an die Aufgaben,
die sich aus unserem Gruppenleben ergaben.
Er wuþte sehr viel, gab manchen guten Rat
und war bald einer von jenen Menschen,
die man bei allen Gelegenheiten fragen
kann und die in ihrer ruhigen, sicheren Art
Vertrauen einfl–þen.
Ich konnte –fter beobachten, daþ sich ein
harter, bitterer Zug um seinen Mund legte,
wenn die Jungen von Kriegsabenteuern und
Erlebnissen aus der Soldatenzeit sprachen.
Er wandte sich dann immer anderen
Dingen zu.
Wenn wir diskutierten und die Frage Krieg
und Frieden ber¸hrten, wurde er heftig, ja
fanatisch. Seine Augen blitzten, und erstaunt
folgten die anderen seinen Ausf¸hrungen.
An einem Abend begann er zu sprechen,
ganz unvermittelt kam seine Erz"hlung, und
sie traf uns mit ungeheurer Wucht:
"Das war auch an einem Maitag; 1945, in
diesen grauenvollen Tagen vor dem end-
g¸ltigen Zusammenbruch. Wir waren vom
Arbeitsdienst zur Wehrmacht ..¸bergef¸hrt´
und in acht Tagen zu Soldaten ausgebildet
worden. Der Gegner war aber schon so weit
durchgebrochen, daþ wir noch in der Kaserne
¸berrascht wurden. In heilloser Flucht rannte
alles davon. Einige eifrige Offiziere sammel-
ten die versprengten Haufen und formierten
sogenannte Einsatzgruppen'. Zusammen mit
SS-Einheiten sollten wir die Russen auf-
halten und .zur¸dcschlagen'. Beim ersten
Zusammentreffen ergriffen wir wieder die
Flucht und liefen um unser Leben. Die
meisten hatten nicht einmal Handwaffen und
sollten gegen Panzer angehen. SS-Verb"nde
das SOLL' des Feierabends. "So war es"
auf den Lehrg"ngen, um politisch linienfest
zu werden. Man diskutiert. Man marschiert.
Man bleibt aktiv! - Verdammt nochmal,
wenn man doch endlich tun und lassen
k–nnte, was man will. Nur einmal ein rich-
tiger junger Mensch sein. Frei sein.
Doch halt, Heinz Kramer, du bist ja frei. Du
geh–rst zu den vielen anderen Kollegen,die
- wie du - - in Reih und Glied, im Gleich-
schritt marschieren. Zur ,Freien Deutschen
Jugend". Und Pfingsten bist du dabei. Durchs
Brandenburger Tor zum Westen! Im Kampf
gegen die, die unterdr¸cken und knechten.
Tritt gefaþt! Nicht ausbrechen, der Genosse
Volkspolizist beobachtet dich! Du weiþt ja,
wer die Klamotten hinschmeiþt...
fingen uns ein und wollten uns wieder zum
Einsatz, bringen. Aber noch w"hrend ein-
geteilt wurde, rissen wir mit einer Gruppe
von etwa zw–lf Jungen aus, um uns nach
Hause- durchzuschlagen. Als die Flucht be-
merkt war, setzte eine Treibjagd gegen die
Ausreiþer ein. Dabei wurden vier Kamera-
den erschossen; keiner von ihnen war acht-
zehn Jahre alt.
Die anderen, darunter auch ich, wurden ge-
fangen und zur Abteilung zur¸ckgebracht.
Schnell trat ein Kriegsgericht zusammen.
Zum ,Abschrecken,' wurde Walter S., mein
bester Freund, zum Tode durch Erh"ngen
verurteilt, wir anderen zu Frontbew"hrung.
Die Abteilung hatte sofort im Karree um
eine Buche anzutreten, um der Exekution
beizuwohnen. Erschreckt standen wir vor so-
viel Grausamkeit.
Als man Walter gefesselt herbeif¸hrte, auf
der Brust einen Zettel, worauf er als WVer-
r"ter´ bezeichnet war, glaubte ich noch nicht,
daþ man wirklich meinen einzigen Freund
ermorden w¸rde. Ich wollte und konnte es
auch nicht glauben. Die SS-Schergen hoben
ihn auf einen Stuhl, legten ihm die Schlinge
um den Hals und warteten.
Ich muþte mich an meinem Nebenmann fest-
halten, mir wurde schlecht; ich sah weg.
Irgend jemand gab ein Kommando. Pl–tzlich
erfaþte mich ein eisiger Schrecken.
ªNein! Halt! Loslassen!, schrie ich und
st¸rzte vor. Walter S. sah mich, rief mir zu
und wollte vom Stuhl springen. Sie hielten
ihn fest; ich h–rte noch ein Kommando, dann
brach ich bewuþtlos zusammen.
Das sind meine ªErlebnisse aus der Soldaten-
zeit´. K–nnt ihr jetzt verstehen, daþ in mir
nur Abscheu ist? Abscheu gegen alles, was
Uniform und Waffen tr"gt, und Haþ gegen
Mord und Barbarei!'           Oskar Biehler
DQ4 A5k4ae&"


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