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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 10 (May 22, 1950)

Colneric, Rudolf
Griesmann lernt um,   p. 10


Jürgens, Hans
Laura: die gekränkte Nilpferddame,   pp. 10-11


Page 10


Der alte Tischler Griesmann war ein Sonder-
ling, der sich wenig um seine Mitmenschen
k¸mmerte. Schweigsam und m¸rrisch machte
er in einer M–belfabrik seine Arbeit, die
Hemd"rmel aufgekrempelt und den Blick
stur auf das Werkst¸ck gerichtet, welches er
gerade zur Hand hatte. Hin und wieder ein
Zuruf an den n"chsten Kollegen, das war
die ganze Schichtunterhaltung in der Halle,
wo S"gen kreischten und Hobel- und Polier-
maschinen surrten.
Griesmann, dessen Augen von buschigen
Brauen beschattet waren, verstand viel von
seinem Handwerk. Doch alle Kenntnisse be-
hielt er verschlossen f¸r sich. Sollte jeder
seinen Schatz an Erfahrung selbst sammeln!
Oft l"chelte er im Hintergrund sp–ttisch und
¸berlegen, wenn er sah, wie unbeholfen sich
j¸ngere Gesellen manchmal noch anstellten,
ganz zu schweigen vom Kroppzeug der Lehr-
linge. Griesmann hatte vergessen, daþ auch
er nicht als Meister vom Himmel gefallen,
sondern  selbst  einmal als sch¸chterner,
linkischer Lehrjunge in der Werkstatt ge-
standen hatte. Er bedachte zu wenig, daþ
seine traumwandlerische Sicherheit in der
Arbeit, die genauen Augen und das Finger-
spitzengef¸hl, das ihm manchen Griff zum
Winkelmaþ oder Zollstock ersparte, das Er-
gebnis jahrelanger Berufst"tigkeit waren.
Eines Tages bekam auch Griesmann wieder
einen Lehrling zugewiesen. Der hieþ Heinz,
war ein schm"chtiger, hochaufgesdhossener
Junge, blond und stupsnasig. Er blickte ver-
trauensvoll drein, und an gutem Willen
schien es nicht zu mangeln.
Griesmann brummelte sich etwas in den Bart,
als der Meister ihm Heinz zugef¸hrt hatte.
Das hatte gerade noch gefehlt! Sollten sich
andere mit diesen milchnasitjen Lehrlingen
herumschlagen, er wollte seine Ruhe haben.
Ihn "rgerte schon, daþ er in seinen Ge-
danken gest–rt war, welche Art von Nutz-
holz auf dem Mars wachsen mochte.
Heinz, der Lehrling, der vor einigen Wochen
noch die Schulbank gedr¸ckt hatte, wollte
nach einer Weile etwas sagen, etwas ¸ber
seinen "lteren Bruder, der Zimmermann ge-
worden war.
Aber da kam er bei Griesmann schlecht an.
äNicht so viel schnabulieren!"' raunzte der.
.Nur aufpassen, aufpassen, damit man dir
nicht alles dreimal erkl"ren muþ."
Heinz wich zur¸ck, unsicher und einge-
sch¸chtert. Er hatte ja bis jetzt noch kein
¸berfl¸ssiges Wort gesagt! Nun traute er
sich kaum  noch, etwas zu fragen.  Keine
Handreichung mehr, die er noch ordentlich
machte.
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,Junge, wie kannst du dich bloþ so dumm
anstellen!" Diesen Vorwurf h–rte Heinz
darauf den ganzen lieben Tag.
In dieser Tonart ging es weiter. Kein Wun-
der, wenn FJeinz immer kopfloser wurde.
Zuletzt graute ihm f–rmlich vor dem Weg
zur Fabrik, weil er ja doch alles verkehrt
zu machen schien. Seine Zuversicht, ein t¸ch-
tiger Tischler zu werden, schwand dahin.
Bis etwas geschah, was Griesmann aus
seiner  selbstgef"lligen  Brummelei  auf-
schreckte. Er hatte aus Gedankenlosigkeit
und Vergeþlichkeit mehrfach die Maschinen,
an denen er arbeitete, nicht vorschrifts-
m"þig geschmiert. Die Folge davon war, ein
Lager lief sich so heiþ, daþ die Hobelsp"ne
in der N"he zu glimmen begannen. Kurz
darauf k¸ndigte die Sirene Mittag an. Gries-
mann ging mit seinen Kollegen in die Kan-
tine, ohne die glimmenden Sp"ne zu be-
merken.
Der Brand schwelte weiter bis an einen 01-
fleck. Schon z¸ngelten Fl"mmchen. Da schrie
pl–tzlich eine Stimme nach Hilfe. Es war
Heinz, der verstohlen in der Halle geblieben
war, um noch eine Leiste glatt zu hobeln,
an der er nach Griesmanns Meinung zu
lange herumgemurkst hatte.
Die Leute in der Kantine schreckten auf,
rannten hinaus und r¸ckten dem Brandherd
mit L–schapparaten, Wasser und nassen
Lumpen zu Leibe. Es gelang, das Feuer zu
ersticken, ehe es gr–þeren Schaden anrichtete.
Griesmann, dessen Schuld bei der Unter-
suchung des Brandes festgestellt wurde,
muþte sich beim Chef melden. Der erkl"rte
ihm zun"chst: "Freuen Sie sich, daþ Ihnen
so ein pr"chtiger Lehrjunge beigegeben
wurde. Nicht h"ufig, daþ ein Lehrling seine
kurze Mittagspause opfert, um den Lehr-
gesellen auf jeden Fall zufriedenzustellen.
Ein Gl¸ck f¸r Sie, Griesmann! Denn w"re
der Brand nicht fr¸hzeitig entdeckt worden,
h"tte er die ganze Halle in Schutt und
Asche legen k–nnen. Sie w"ren dann am
Gef"ngnis nicht vorbeigekommen, mein
Lieber. '
Griesmann vermochte vor Schreck nichts zu
sagen. Er war bis ins Innerste besch"mt,
nicht zuletzt, weil der Junge, den er schon
sooft verw¸nscht hatte, sein Retter in der
Not war.
.Ich w¸rde Ihnen empfehlen, Griesmann',
sagte der Chef zum Schluþ, sich des Lehr-
lings Wallraff in Zukunft besonders anzu-
nehmen. Das ist der mindeste Dank, den Sie
ihm schulden, nachdem durch ihn die Sache
so glimpflich abgelaufen ist.'
Gesenkten Kopfes ging Griesmann wieder
an die Arbeit, unabl"ssig mit den Z"hnen
mahlend. Das bewies, wie sehr er sich die
letzten Worte des Chefs zu Herzen ge-
nommen hatte.              Rudolf Colneric.
die gekr–nkte Nilpferddeme
Als Laura, die Nilpferddame, ihrem Morgen-
had entstieg, fiel der Wasserspiegel ihres
Bassins um ein halbes Meter - so gewal-
tio war Laura. Sie stand auf ihren massigen
Beinen wie auf kurzen S"ulen, riþ das Maul
auf und lieþ das Wasser eimerweise aus
den Backentaschen rauschen. Das war ein
imposanter Anblick! Laura wuþte, daþ sie
in dieser Pose einem antiken Standbild
glich und genoþ allmorgendlich das Gef¸hl
einsamer Gr–þe dabei.
So auch heute Sie stand eine Weile, ohne
sich um die vielen neugierigen Menschen-
gesichter hinter den Gitterst"ben zu k¸m-
mern, zuckte hier und da mit ihrer faltigen
Lederhaut, lieþ ihre kleinen Spitzohren
spielen und lugte aus vertr"umten Auglein
in den Himmel. Dann machte sie ein paar
Schritte, nur ein paar, aber in diese wenigen
Schritte legte sie alle Grazie ihrer Rasse -
eine  gigantische  Grazie, eine  mollige,
weiche, zwanzig Zentner schwere Grazie,
deren Wirkung sie sich voll bewuþt war
und die auch niemals ihren Zweck verfehlte.
Als sie auch jetzt wieder das bewundernde
Raunen der Masse Mensch hinter den
Gittern h–rte, l"chelte sie geschmeichelt. Ja
sie war eine Attraktion, "gyptisches Voll-
blut, orientalische Kolossalauslese; sie konnte
sich schon sehen lassen.
Eben, als sie im sch–nsten L"cheln war, er-
hlickte sie eine Maus, die dicht vor ihrem
rechten Vorderfuþ saþ und sie frech an-
slierte, ohne eine Spur von Bewunderung,
Angst oder Ehrfurcht, einfach nur frech,
n.ausefrech!
Das verkl"rte L"cheln erfror in Lauras Ge-
sicht und machte einem ver"rgerten Aus-
druck Platz, der um so ausgepr"gter wurde,
als die Maus auch jetzt noch keine Miene
machte, ihrer Wege zu gehen, sondern nach
Spitzmausart zu pfeifen begann, als g"be
es ¸berhaupt keine "gyptischen Nilpferd-
damen auf der Welt.
,Hau ab! sagte Laura, sichtlich schockiert.
"Warum?" fragte die Maus h–flich.
"Das ist mein Territorium!-
"Wenn schon, machte die Maus gering-
sch"tzig, "wer sind Sie denn?'
Laura war paff! Da saþ also wirklich je-
mand, der sie noch nicht kannte. Das war
ja allerhand.
"Ich bin Laura, die Nilpferddame, sagte
sie pikiert, "aus Agypten!-
c2.1%"lrA


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