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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 3, Nr. 3 (February 11, 1950)

Bo., K.
Was erwartet der Beruf von mir?,   p. 6


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WAS ERWARTET DER BERUF VON MIR?
Jeder Beruf ist ein Auftrag. Es heiþt Ant-
wort zu geben auf den Ruf, der an mich er-
geht. Was folgt daraus? Daþ ich mich mit
einem freudigen ãJa' voll und ganz ein-
setze. Eine Berufsarbeit, an der nur der
halbe Mensch beteiligt ist, ist auch nur eine
halbe Arbeit. Es ist ein Unterschied, ob ich
so eben meine Pflicht tue, oder ob ich ganz
dabei bin und in meinem Beruf aufgehe.
Unterschiede in der Erf¸llung der Pflichten
k–nnen wir in jedem Beruf feststellen. Lei-
der geben manche Erwachsene kein gutes
Vorbild. Laþt euch von diesen nicht t"uschen
und irref¸hren! Daþ sie sich nicht anstren-
gen und sich die Arbeit leicht und bequem
machen, bringt ihnen keinen Gewinn; im
Gegenteil, es r"cht sich an ihnen selbst. Wer
sich nicht mit der Seele unverdrossen hin-
eingr"bt in das Erdreich des Berufes, bleibt
Wer es Angst oder falsche Berufsehre, daþ
die in Frankfurt ans"ssige Dachorganisation
des Hamburger Kochklubs Gastronom' sich
gegen die Aufnahme von Frauen aussprach
und die einzige Hamburger K¸chenmeisterin,
Frau Lucia Rost, ausschloþ? Und das, obwohl
Frau Rost bereits im Jahre 1956 ihre Meister-
pr¸fung gemacht hat, jahrelang erfolgreich in
groþen Restaurants t"tig und Mitbegr¸nderin
der besagten Vereinigung in Hamburg war.
In welchem Jahrhundert m–gen die Herr-
schaften wohl leben?
Die Kunde von der Gleichberechtigung der
Frauen scheint jedenfalls noch nicht bis zu
ihnen gedrungen zu sein.         Foto: dpa
ein wurzelloser Mensch. Er erf"hrt nicht den
reichen Segen, der aus der selbstlosen Hin-
gabe an den Beruf ihm zuflieþen k–nnte.
Deshalb beachtet wohl: Wenm ihr einen Be-
ruf erw"hlt, erw"hlt ihn ganz! Er verlangt,
daþ ihr euch ihm ganz hingebt.
Eine zweite Forderung, die er stellt, ist die
Treue.
Man wirft nicht unberechtigt den weiblichen
Berufst"tigen vor, daþ sie unbest"ndig- seien
und leicht kapitulieren, wenn sich Schwie-
rigkeiten im Beruf einstellen. Das h"ngt zum
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Teil damit zusammen, daþ der Beruf als
eine vor¸bergehende Sache von ihnen ange-
sehen wird. Aber das ruhelose Umherflat-
tern von einer Arbeit zur anderen ist eine
sehr gef"hrliche Sache. Es bedeutet jedesmal
eine Unterbrechung des begonnenen Wachs-
tums, so daþ die Reife immer wieder hin-
ausgeschoben oder sogar g"nzlich verhin-
dert wird.
Jeder Beruf hat Schattenseiten, bringt Ent-
t"uschungen und Schwierigkeiten. Doch sie
sind dazu da, die seelischen Kr"fte einzu-
setzen und sie durch Kampf und Uberwin-
dung zu st"rken. Wollten wir gleich die
Flinte ins Korn werfen, w¸rden wir es nie
lernen, steile Wege zu gehen, die allein zur
H–he und zum Gl¸ck f¸hren. Weichliches
Nachgeben macht schwach, ehrliches Ringen
kraftvoll und stark.
Ein Berufswechsel sollte nur dann vorge-
nommen werden, wenn wirklich ernste
Gr¸nde vorliegen. So wird er unvermeidbar
sein, wenn man feststellt, daþ die Eignung
nicht vorhanden ist. Da trotz reiflicher Uber-
legung vor der Berufswahl eine gewisse Un-
sicherheit bleibt, ob man den Anforderungen
gewachsen sein wird, ist beim Eintritt in
eine Lehre eine Probezeit bis zu drei Mo-
naten vorgesehen. Sie ist nicht nur deshalb
da, damit der Lehrherr oder die Lehrmeiste-
rin feststellen kann, ob das Lehrm"dchen
f¸r die Arbeit oder f¸r den Betrieb tauglich
ist, sondern damit auch der junge Mensch
selbst die getroffene Wahl auf ihre Richtig-
keit ¸berpr¸fen kann.
Die Liebe und Anh"nglichkeit zum Beruf
w"chst, je mehr wir sp¸ren, daþ wir etwas
leisten und unseren Platz ausf¸llen. Zum
wirklichen K–nner werden wir aber nur
dann, wenn wir unerm¸dlich nach Weiter-
bildung streben. Der n"chstliegende Weg
ist der, daþ wir Interesse f¸r die Arbeit der
anderen im Betrieb haben und bereit sind,
auch einmal an einem anderen Platz einzu-
springen. Je  vielseitiger  die fachlichen
Kenntnisse sind, um so gr–þer sind dieVer-
wendungsm–glichkeiten im Betrieb. Durch
stete Fortbildung wachsen auch die beruf-
liche Selbst"ndigkeit und das Verantwor-
tungsgef¸hl f¸r die Arbeit. Hier liegt eine
Ursache, weshalb viele Frauen im Beruf
nicht weiterkommen und sogar auf der un-
tersten Stufe stehenbleiben.
Aber es spricht noch eine zweite Ursache
mit: Mangel an Verantwortung. Haltet ihr
es f¸r m–glich, daþ eine Arbeiterin einen
aufsichtf¸hrenden oder einen anderen selb-
st"ndigeren Posten im Betrieb ablehnt und
es vorzieht, an ihrer Maschine zu bleiben?
Das kommt gar nicht selten vor. Auch in
anderen Berufen gibt es Frauen, denen die
Bereitschaft zur Verantwortung fehlt. Sie
sehen die Berufsarbeit lediglich in der Be-
zogenheit zum eigenen Ich, jedoch nicht die
Verantwortung, die sie den Mitschaffenden
gegen¸ber auferlegt.
Der heutigen Frauengeneration ist sogar eine
groþe Verantwortung zugeteilt. Es heiþt,
Verantwortung zu tragen f¸r den Geist, die
Atmosph"re der Arbeitsst"tte. In einer Wirt-
schaft, in der die Arbeit weitgehend entseelt
ist, wiegt das gute, verst"ndnisvolle Wort
oder die hilfsbereite Hand doppelt und
dreifach.
Es. heiþt Verantwortung zu tragen f¸r den
Einfluþ, der auf die Mitarbeiterinnen, beson-
ders die jugendlichen, ausge¸bt wird. Es
w"re ein unendlicher Gewinn, wenn die
schaffenden Frauen es verm–chten, die sitt-
lichen Gefahren in den Betrieben herabzu-
mindern.
Es heiþt Verantwortung zu tragen daf¸r,
daþ die "uþere Form des Berufslebens mehr
als bisher der weiblichen Art angepaþt
wird. Hierzu ist aktive Mitarbeit notwen-
dig in bezug auf die Gestaltung des Arbeits-
platzes und der Arbeitsmethoden, in bezug
auf Hygiene im Betrieb und Arbeitsschutz
und nicht zuletzt auch bei der Schaffung so-
zialer Einrichtungen, damit die oft schwie-
rige Lage der weiblichen Berufst"tigen ge-
n¸gend ber¸cksichtigt wird.
Unendlich weit ist das Gebiet der sozialen
Verantwortung. Wer sie ¸bernimmt, vermag
die einfachste und anspruchsloseste Berufs-
arbeit verantwortungsvoll zu machen und
ihr einen tiefen Sinn zu geben. Laþt euch
deshalb die Selbsterziehung zu einem so-
zialen Verantwortungsbewuþtsein ein wich-
tiges Anliegen sein!           Margarete Brendgen
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Butzon
& Bercker, Kevelaer, dem Buch äDas Leben ruft dich'
entnommen.
"Das Leben ruft Dich"
Bei wichtigen und feierlichen Gelegenheiten sagt man
den jungen M"dchen immer wieder, daþ der heutigen
Frauengeneration eine weit groþere Aufgabe und Ver-
antwortung zuf"llt als den Frauengenerationen vor-
her. Worin im einzelnen aber diese Aufgaben be-
stehen und wo der Weg ist, alle Erwartungen und
Verantwortungen zu erfillen und trotzdem zur h–chst-
moglichen Form des Gl¸uklichseins zu kommen, ist
gar nicht so schnell und verst"ndlich zu beschreiben.
Der Verlag Butzon & Bercker in Kevelaer hat nun ein
Buch herausgebracht, das dem Madchen von 16 Jahren
an Wegweiser und Berater sein soll f¸r die vielen
Fragen. die sein junges Leben best¸rmen. Eine Art
Lebenskunde also, unter dem Titel Das Leben ruft
dich', herausgegeben von Claire Brautlacht. In leben-
diger Form werden hier alle Lebensgebiete der Frau
besprochen. Unser Beruf', Frau und Politik', Be-
gegnung mit dem Mann', Kunst und Musik', ILei-
bes¸bungen und K–rperpflege', Technik im Haushalt'
und Mode' heiþen die einzelnen Kapitel. Dazwischen
finden sich in sparsamer Form geschickt ausgew"hlte
Erz"hlungen, Sagen, M"rchen und Kunstbetrachtungen,
und eine Anzahl gute Fotos vervollst"ndigen das
Ganze. Der Preis des in Leinen gebundenen Buches
betragt DM 8.50.
Als wirklich vortrefflich kann man die Worte bezeidi-
nen, die Margarete Brendgen in ihrem Kapitel Unser
Beruf' den M"dchen zu sagen weiþ. Der Ausschnitt
auf dieser Seite mag unseren Lesern Zeugnis davon
geben. Auch die Abhandlung ¸ber Ffau und Politik'
von Friedel Homke ist "uþerst wertvoll und dazu an-
getan, die jungen M"dchen zum Nachdenken zu brin-
gen. Das Problem Begegnung mit dem Mann' jedoch
scheint uns mit der Wiedergabe von zw–lf ãErfah-
rungen' verschiedener Frauen und M"dchen etwas zu
kurz gekommen zu sein, und der gewiþ sehr geist-
volle Beitrag von Gertrud von Le Fort ¸ber die
.Zeitlose Frau' wird wohl von den meisten der M"d-
chen nicht verstanden werden. Eine Lebenskunde, die
einem m–glichst groþen Kreis junger M"dchen tat-
s"chlich Berater sein will, m¸þte unseres Erachtens
vielleicht weniger tief und zart m"dchenhaft und vor
allem nicht so stark belehrend' gehalten sein, daf¸r
aber sich noch mehr mit zeitnahen und praktischen
Fragen besch"ftigen, und etwas mehr m¸þte darin
stehen von dem ewigen Kampf der Besten um Recht
und Gerechtigkeit und dem Anteil. den die Frauen
daran gehabt haben und noch haben m¸ssen, und von
der groþen Verantwortung der Frauen, das Gespenst
des Krieges auf immer zu bannen.            S. Bo.
NiCht aus Spielerei hat die junge Brigitte sich
mal eben ans Schuhesohlen gegeben, sondern sie
hat sich diese f¸r eine Frau nicht ganz allt"g-
liche Arbeit als Beruf ausgew"hlt und in Schles-
wig-Holstein k¸rzlich ihre Gesellenpr¸fung im
Schuhmacherhandwerk mit gutem Erfolg be-
standen.                             Foto: dpe
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