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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 20 (September 24, 1949)

Lindow, H.
Wir möchten euch anders sehen,   p. 6


Page 6


WIR MOCHTEN EL
ANDERS
s
SSag, was du willst, die M"dchen haben
sich ver"ndert', meinte ein Kollege von mir,
als wir ¸ber einen Zeitungsartikel heftig
ins Debattieren gekommen waren.
.Wie ver"ndert?' fragte ich vorsichtig,
.zu ihrem Nachteil, meinst du?'
ãWenn du willst, ja. Ihr entfernt euch im-
mer mehr von der Idealvorstellung, die wir
Jungen von euch haben und die wir so gern
verwirklicht f"nden.'
ãWie sieht sie denn aus, eure Idealvorstel-
lung? Oh, ich kann's mir denken: anmuti-
ges Gretchen, musizierend und handarbei-
tend im Schoþe der Familie, sehns¸chtig des
Freiers harrend, der es einmal heimf¸hren
wird.'
.Du ¸bertreibst. Aber irgendwie ber¸hrst
du das, was ich meine. Eure allzu groþe
Selbst"ndigkeit ist es. Sie nimmt euch so
viel. Siehst du, dem Mann steht H"rte an.
Sein Beruf ist es, sich mit Gott und der
Weltherumzuschlagen. Das macht ihn selbst-
sicher und unabh"ngig. Die Frau aber ist
ihrem Wesen und auch ihrer k–rperlichen
Beschaffenheit nach anders als er.'
.Von dieser, wie du sagst anderen Beschaf-
fenheit der Frau ist w"hrend des Krieges
und in den Jahren danach herzlich wenig
die Rede gewesen. Wer sprach denn von
ihr, als wir mit vierzehn Jahren, kaum
schulentlassen, in die Munitionsfabriken ge-
steckt wurden, als wir unter Bombenregen
in den Kellern saþen und sp"ter versuch-
ten, das letzte aus den brennenden H"usern
zu retten? Wo war die F¸rsorge, als Tau-
sende von M"dchen, halbe Kinder noch, aus
ihrer Heimat vertrieben, auf den Landstra-
þen umherzogen und sich gegen unbe-
schreibliche  Widerw"rtigkeiten  durchzu-
setzen hatten?'
.Ich weiþ, daþ man euch nicht verschont
hat in dieser Zeit. Aber sie liegt doch Jahre
zur¸ck. Warum werdet ihr nicht jetzt, da
unser Leben wieder normal ist, wie ihr
fr¸her wart?'
ãWir k–nnen nicht i¸ckw"rts gehen. Wir
nicht und die Zeit nicht. Auch sie wird nicht
mehr die, die sie fr¸her war. Sieh dich doch
um in Deutschland. Uberall muþ neu ange-
fangen werden. Millionen der M"nner, die
jetzt helfen k–nnten, sind nicht mehr. Es
wird also auch in Zukunft so sein, daþ wir
Frauen Arbeiten verrichten m¸ssen, die uns
fr¸her nicht zugedacht waren. Wir werden
im Berufsleben ganz unterschiedslos neben
dem Mann stehen, in den Fabriken, den
Werkst"tten, den Laboratorien.'
.Aber ihr f¸hlt euch doch wohl dabei. Ihr
w¸nscht es euch doch!'
,Ob wir es uns so w¸nschen, ist nicht die
Frage. Wir finden uns eben mit den Tat-
sachen ab. Dank unserer Jugend f"llt uns
das nicht schwer. Und ist es nicht wirklich
ein gutes, befriedigendes Gef¸hl, sich mit
einer Arbeit befreundet zu haben, sie ganz
zu beherrschen und auf dem Platz, den man
einnimmt, unentbehrlich zu sein?'
ãDas sehe ich ein. Warum  aber m¸þt ihr
dabei euer Wesen so ver"ndern?'
.Ihr sucht immer nur bei uns die Fehler.
Schlagt euch doch einmal an die eigene
Brust! Seid ihr denn die alten? Ihr murrt
¸ber unsere Selbst"ndigkeit, die euch un-
bequem ist, aber sind wir euch nicht auch
sehr wertvoll geworden als Mitarbeiter und
Kameraden? W¸rde euch nicht ein Zur¸ck
zu den alten, oftmals ¸bertriebenen Formen
der Ritterlichkeit und Liebensw¸rdigkeit
gegen¸ber den Frauen auch sehr schwer
fallen? Und wollt ihr es ¸berhaupt?'
ãVielleicht hast du recht. Ich will euch auch
keine Vorw¸rfe machen. Wir m¸ssen uns
beide entgegenkommen. Ihr m¸þtet eure
Selbst"ndigkeit und Kameradschaftlichkeit
mit noch mehr fraulicher W"rme verbinden,
und wir m¸þten euch mit mehr Achtung und
Zuvorkommenheit begegnen. Anders wird
es nicht gehen.'             Erika Meyfahrt
FRAUENVERSAMMLUNG
Heute um 17.30 Uhr findet in
der Kantine unsere monatl.
Frauenversammlung statt.
Der Betriebsrat
Gestern bin ich zuf"llig in eine Frauenver-
sammlung der Gewerkschaften geraten. Wie
das kam? Die Einladung lag eines Morgens
auf meinem Arbeitsplatz. Ich las sie fl¸chtig
und legte sie achtlos beiseite. Im Laufe des
Tages fragte mich meine Kollegin, ob ich mit-
ginge. ãIch werde mich lieber in die Sonne
legen', antwortete ich ihr. Aber da h"ttet
ihr die sonst immer Gutgelaunte und Sanft-
m¸tige h–ren sollen! ãBist du nun eine be-
rufst"tige Frau oder bist du keine? Es geht
doch um etwas, was dich ganz pers–nlich
angeht!' sagte sie beschw–rend. ãIn die
Sonne kannst du dich wer weiþ wie oft noch
legen, aber eine Versammlung ist doch nur
einmal.' Ich machte noch allerlei Einw"nde,
wie "ich kenne doch keinen da', und ãich
werde immer so sonderbar m¸de, wenn ich
zuh–ren muþ', aber schlieþlich dachte ich:
ãNa ja, versuchen wir es einmal', und ging
mit.
Es war ganz anders, als ich es mir vor-
gestellt hatte. M¸de bin ich kein biþchen
geworden, so interessiert hat mich das, was
wir zu h–ren bekamen. Mindestl–hne, K¸n-
digungsschutz, gleicher Lohn f¸r gleiche
Arbeit. Ich hatte mir noch nie Gedanken
dar¸ber gemacht, wie heiþ umk"mpft diese
Dinge sind. Ganz selbstverst"ndlich nimmt
man sie alle hin. Doch die Diskussion am
Schluþ des Vortrages lieþ mich noch mehr
aufmerken. Ein anwesender Mann forderte
uns zur gewerkschaftlichen Mitarbeit auf
und bedauerte, daþ gerade die Frauen sich
so uninteressiert zeigen. Darauf gab eine
temperamentvolle Blondine leidenschaftlich
Antwort. -- Die M"nner dr¸cken uns bei
jeder Gelegenheit beiseite!' rief sie, ãin den
meisten Aussch¸ssen und Betriebsr"ten sitzt
heute gewiþ eine Frau, aber nur deshalb,
weil man bestimmt hat, daþ eine Frau mit-
gew"hlt werden soll, und nun klammert
man sich krampfhaft an die Zahl und geht
dar¸ber nicht hinaus, obwohl es sehr viel
mehr t¸chtige Kolleginnen gibt.' Als sie
geendet hatte, erhob sich eine "ltere Frau
und sagte in ruhigem, aber eindringlichem
Ton: Ganz so einfach, wie es scheint, ist
die Sache nicht. Wo sind die Frauen, die
sich wirklich bereit finden, neben Haushalt
und Beruf ein paarmal in der Woche Aus-
schuþsitzungen und Versammlungen zu be-
suchen und auþerdem noch Zeit haben f¸r
die Sorgen und N–te ihrer Kolleginnen? Es
fehlen ¸berall die Menschen, die uneigen-
n¸tzig und tatkr"ftig mitarbeiten. Darum ist
der Weg bis zum Ziel auch noch so weit.'
Da bin ich sehr nachdenklich geworden. Ich
¸iberlegte mir, wer aus unserem Kreis
junger Menschen sich wohl zu einer Mit-
arbeit bereit finden w¸rde?
Wir haben alle viel zuviel mit unseren
eigenen Angelegenheiten zu tun, und im
stillen denken die meisten von uns: ãAch,
ich heirate doch eines Tages.' Aber ist das
tats"chlich so? Werden nicht viele von uns
sehr lange im Beruf bleiben m¸ssen? Und
sollten wir darum nicht alle nach Kr"ften
helfen, den Weg der Frauen in jeder Be-
ziehung einfacher und sicherer zu gestalten?
Ich jedenfalls habe mich dazu entschlossen,
in Zukunft nicht mehr gedankenlos beiseite
zu stehen. Und wie ist es mit dir, junge
Kollegin?                       H. Lindow.


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