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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 20 (September 24, 1949)

W. B.
Altmodisch-unkameradschaftlich oder Selbstkontrolle in der Gemeinschaft?,   pp. 4-5


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beantwortet, wird sp¸ren, wie leicht man
geneigt ist, sich selbst zu betr¸gen. Und
welches M"dchen, dem seine nat¸rliche Auf-
gabe als Frau und Mutter sp"ter noch etwas
bedeutet, wird unbedenklich so eine ãharm-
lose' K¸sserei mitmachen, ohne zu emp-
finden, daþ hier Kameradschaft auf einer
falschen Ebene gesucht wird? Vor aller Ka-
meradschaftlichkeit muþ die Achtung stehen,
das Wissen um die groþe Aufgabe von
Mann und Frau.'
Die Briefgemeinschaft Heinz J"ger/Werner
Brohmn meint, daþ die K¸sserei dazu ange-
tan scheint, das freie Gemeinschaftsverh"lt-
nis in kleine Gruppen aufzuspalten und
eher zerst–rend als f–rdernd wirke.
,Es liegt im Kuþ eine intime Ann"herung
zum Du, weil mit jedem Kuþ wir doch ein
St¸ck unserer geistig und seelisch gebun-
denen Pers–nlichkeit aufgeben. Doch steht
das Seelische allzusehr mit dem K–rper-
lichen in Wechselbeziehung, und so kann
es auch kein traditionelles K¸ssen, also
kein K¸ssen ohne jegliche Gef¸hlserregung
geben.'
Lienhard Isak, Villingen, ¸berlegt dabei
ganz richtig, daþ deutsche und franz–sische
Gepflogenheiten nicht als f¸r beide Teile
g¸nstig angesehen und als Richtschnur an-
genommen werden sollen. Er m–chte
.... die n–tige Distanz halten, um Herr zu
sein fiber seine Gef¸hle und sein Tempera-
ment. Diese Distanz darf man nicht einfach
brechen, allein um der Ehrfurcht willen, vor
dem im anderen Verborgenen. So entsteht ein
sauberes Verh"ltnis (nicht schmierig) von
Geschlecht zu Geschlecht, ein echtes Unge-
zwungensein. Nur der kann deshalb unge-
zwungen und frei dem anderen Geschlecht
begegnen, der selbst frei ist von seinen L¸-
sten und Trieben.'
Hier wird ein Kapitel angeschnitten, das f¸r
uns in unserer Jugendarbeit entscheidend
wird. Es ist schon viel ¸ber die Kamerad-
schaft zwischen Jungen und M"dchen ge-
schrieben und gesprochen worden, und wir
k–nnen es hier vereinfachen mit den Wor-
ten von B"rbel Gr¸þ], L¸nen:
,Ja, es w"re schon gut, wenn man sich
untereinander mit mehr Kameradschaft und
Liebe begegnete. In erster Linie sollten wir
doch Kameraden sein, die sich helfen gegen-
seitig, das Leben ertr"glicher machen wol-
len. Warum sollten wir M"dchen auch in
der Begegnung m"nnlicher Kameraden so-
fort den "Zuk¸nftigen´ erblicken?"
Da liegt der Pr¸fstein f¸r jede Gruppe, in
der Jungen und M"dchen gemeinsam zu-
sammenarbeiten wollen:
.Jedes Gruppenleben erfordert die Beach-
tung gewisser Regeln f¸r das Zusammen-
sein in der Gemeinschaft. Dabei ist es ganz
gleich, ob das an einem Gruppenabend, auf
einer Wanderfahrt oder in einem Zeltlager
ist. Private Beziehungen der Mitglieder
untereinander st–ren das Gemeinschafts-
leben in einer Gruppe',
schreibt uns Fritz Schmnalz aus G–ttingen.
Er appelliert dann an die freiwillige Diszi-
plin der Jugendlichen, durch entsprechende
Maþnahmen Entgleisungen und Ausschrei-
tungen zu verhindern, und meint dann, daþ
... in einer Gruppe jeder viel st"rker
einer Selbstkontrolle unterliegt, die durch
die R¸cksichtnahme auf das Gesamtinteresse
der Gemeinschaft erforderlich ist. Es wird
sich jeder bem¸hen, die Gemeinschaft nicht
zu zerst–ren. Auþerdem unterliegt jeder der
Kontrolle und Kritik durch die Gemeinschaft.
Wenn es n–tig ist, veranlasse sie eine Kor-
rektur des Verh"ltnisses einzelner oder
scheide sie aus der Gruppe aus, wenn sie
st–ren.'
1 hierzu ist nat¸rlidc in starkemMaþe erforder-
lich, daþ die Jungen und M"dchen - sei es,
daþ sie durch ihre Betriebe oder Industrie-
gewerkschaft ihres Ortsverbandes sich ken-
nengelernt haben-untereinander schon Ge-
meinschaft geworden sind. Dies ist entschei-
dend, wo es nicht so ist, muþ
,der Sinn f¸r diese Gemeinschaft jedem ein-
zelnen klargemaclt werden! Es muþ dar-
¸ber hinaus eine Disziplin vorhanden sein,
und zwar eine Disziplin, die auch dann zu
sp¸ren ist, wenn der Verantwortliche ein-
mal nidit in der N"he weilt!ª
Zu diesem Schluþ kommt P. Keltermann aus
Freiburg im Breisgau.
So muþ jede Gemeinschaft in sich selbst da-
zu  beitragen, Erziehungsgemeinschaft zu
werden. Gewiþ --- und das m¸ssen wir zu-
geben - ist jede Erziehung gewissermaþen
ein Experiment, und wir haben noch lange
keine rezeptartigen Methoden vorliegen, be-
sonders f¸r die nat¸rlichen Geschehnisse im
Leben der Menschen, im Zusammenleben
beider Gesdclechter. Es wird alles so pro-
blematisch aufgezeigt, und wenn der Weg
einer neuen Erziehung beschritten wird,
steht zu Anfang die wandelbare Frage, die
auch Heinz Kiel, Sindlingen, in seinem Brief
anschneidet:
,Zu was soll man erziehen? Die Frage
nach dem Bildungsideal wird zu jeder Zeit
neu gestellt, und es ist gut, daþ f¸r uns
junge Menschen diese Frage immer neu an-
geschnitten wird."
Bedenken wir aber dabei, daþ Freiheit in
der Erziehung nicht heiþen darf, frei von
Erziehung, sondern daþ in ihr soviel Frei-
heit wie m–glich, aber auch soviel Bindung
wie n–tig sein muþ. Denken wir daran -
und hier f¸hren wir wieder den Brief un-
seres Kollegen Heinz Kiel an, daþ
.... der Junge Mann werden soll und das
M"dchen sp"ter Frau und Mutter, Dazu ist
notwendig, daþ beide ihr eigenes Gesicht
bekommen, ihre speziellen Anlagen aus-
tragen, entwickeln und festigen. Denken wir
daran, daþ die Spannung zwischen Jungen
und M"dchen notwendig zur Bildung der
Eigenpers–nlichkeit ist und daþ beide wissen
m¸ssen, daþ sie die Spannung in sich um
dieses einen hohen Zieles willen austragen,
ja daþ diese Spannung ihnen ¸berhaupt
erst die M–glichkeit gibt, in gereifterem
Alter ihre nat¸rliche Bestimmung zu er-
f¸llen."
Das m–ge Richtschnur sein f¸r das Handeln
und Zusammenarbeiten unserer Jugendgrup-
pen. Wir m¸ssen als der "ltere Teil der Ju-
gend viel Gemeinsames in unserer Arbeit
erf¸llen. Lassen wir aber stets die M–glich-
keit offen, wie sie uns Irmgard Stemmer
weist, daþ von Zeit zu Zeit auch einmal die
M"dchen allein aus dem N"hk–rbchen'
plaudern m¸ssen. Die Gewerkschaftsjugend
weiþ um ihren Weg in der Jugenderziehung:
An der Erziehung der sittlich gefestigten
demokratischen Pers–nlichkeit wollen wir
arbeiten.
Wir konnten nicht alle Zuschriften hier ver-
wenden und m¸ssen am Schluþ unserer Dis-
kussion, die eigentlich noch lange nicht ab-
geschlossen ist und zu der noch manches
zu sagen w"re, einige Dankesworte richten
an G¸nther Bluden, L¸nen; Adolf Kausen,
Rheinberg; Hans Dr–ttboom, Alpen-Dr¸pt;
Paul Kock, Emden; Werner Kallipke, Essen-
R¸ttenscheid; Jupp Schmidt, Maria Hillen,
Nienburg/Weser; Irmgard Pl¸ger, Celle; der
Gruppe St. Ursula der kath. Jugend, Ober-
hausen; Gerd Witte, D¸lmen, f¸r seine tem-
peramentvolle Karte; Hans Korth, Reckling-
hausen; Herrn Rektor Arends, K–ln-Mauen-
heim; Josef Giskes, Breyel; Theodor Nien-
haus, Bocholt, und allen den vielen, die wir
nicht nennen k–nnen, trotzdem sie wertvolle
Beitr"ge zu dem von uns angepackten Pro-
blem lieferten. Sie haben trotzdem mit-
geholfen, Bausteine zur Kl"rung beizutragen.
W. B.


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