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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 22 (October 22, 1949)

Heher, B.
Humor ist, wenn,   p. 13


Page 13


1HJuiior isl, weins . . .
Wenn man in stiller Ehrfurcht eine Kirche
betritt und in gewaltigen Kirchenschiffen die
g–ttliche Allmacht zu sp¸ren glaubt, dann
ahnt man wohl selten, daþ in diesen ragen-
den S"ulenhallen unter schwebenden Engeln
und segnenden Christusstatuen oft auch der
Humor anzutreffen ist, der sich an irgend-
einer versteckten Stelle bemerkbar macht,
dem oberfl"chlichen Beschauer verborgen,
dem ortsans"ssigen Kirchg"nger aber wohl-
bekannt. Sind doch in zahlreichen Kirchen
derartige Schalks anzutreffen, die in Wort
und Bild lachend und sp–ttisch ihre Glossen
machen und uns jetzt noch, Jahrhunderte
sp"ter, von den Sp"þen berichten, die K¸nst-
ler und Handwerker, M–nche und Laien-
br¸der bei ihrer Arbeit mit Pinsel, Meiþel
und Schnitzmesser verewigten und die so
worunter ruht in Frieden sein moderndes
Gebein.
Darauf ist eingegraben Till Eulenspiegels
Bild
mit Eule und mit Spiegel, in Narrenkleid
geh¸llt.
Und neben ihm der Degen, die Brille, Sporn
und Krug,
sein Panzerhemd daneben, wie er's im Leben
trug.
So ritterlich gewappnet entsteigt er seiner
Gruft,
wenn nachts ein kecker Wanderer am Lei-
chenstein ihn ruft.
Die beiden anderen Bilder vermitteln einen
Scherz, den sich ein Schnitzmeister leistete,
als er den Auftrag erhalten hatte, das Ge-
st¸hl der Marienkirche zu L¸beck zu ver-
vollst"ndigen. Die Schnitzereien deutet der
Volksmund auf seine Art. Danach versinn-
bildlicht das erste Bild das Verhalten einer
Frau vor der Hochzeit, und die zweite Dar-
stellung zeigt dieselbe nach der Hochzeit.
Vor der Hochzeit tr"gt das Weib den be-
gehrten Ehemann auf ihren Schultern. Im
Verlauf der Ehe aber entwickelt sie sich zur
Xanthippe und bearbeitet sein verl"ngertes
R¸ckgrat mit einem gewaltigen Pr¸gel. Wenn
man bedenkt, daþ der K¸nstle'r, der diese
lustig-derben Schnitzereien schuf, sicher nach
einer wahren Begebenheit darstellte und
sein Modell bestimmt in- den Reihen der
ehrw¸rdigen Stadtv"ter zu finden war, so
kann man sich das Gel"chter vorstellen, das
damals diese Schnitzereien bei jung und alt
hervorgerufen haben, m¸ssen wir doch heute
noch lachen ¸ber soviel k–stliche Derbheit.
Eine andere Kirche, in der eine groþe An-
zahl lustiger Sp"þe zu finden ist, ist das
M¸nster zu Doberan. Hier sind es vor allen
Dingen Grabdenkm"ler und deren Inschrif-
ten, die uns den k–stlichen Humor der
Klosterbewohner erkennen lassen.
An einem Grabmal im Renaissancestil wird
ein feister, lachender Alter dargestellt, auf
dessen Kopf ein Affe sitzt, der mit einem
anderen Affen spielt, w"hrend daneben ein
kr"hender Hahn abgebildet ist. Das Bilder-
r"tsel ist leicht zu l–sen, denn es will doch
offensichtlich zeigen" daþ der alte Herr gern
bis zum Hahnenschrei zechte und dann vom
Affen geplagt wurde.
Die Grabinschriften selbst sind oft noch
drastischer. Da ist einem ehemaligen Kloster-
koch ein Nachruf gewidmet, aus dem her-
vorgeht, daþ die einen guten Happen l'e-
benden M–nche mit seiner Kochkunst nicht
immer zufrieden waren. Diese Grabinschrift
ist in breitem, mecklenburgischem Platt ab-
gefaþt und lautet:
Hier rauhet Peter Klar,
hei kakte selten gar,
dortau ganz unfl"tig.
Gott sie siner Seele gn"dig!
Besser ist der ehemalige B"lgetreter weg-
gekommen, der den Blasebalg der Kloster-
orgel bediente und von dem es auf seinem
Grabstein heiþt:
Hier rauhet Peter Knust,
Gott zu Ehren hat er gepust,
bis er selbst den Pust bekam
und Gott ihm den Pust benahm.
Auch die Edelleute und Gutsbesitzer wurden
nicht verschont. Einer kam besonders schlecht
weg:
Hier ruhet Gottlieb Merkel,
in sin Jugend was hei'n Ferkel
in sin Oeller was hei'n Swin,
mien Gott, wat mag hei nun woll sien.
Da kann die alte Dame Adelheit Pott mit
ihrer Grabinschrift recht zufrieden gewesen
sein, denn ihr wird auch ¸bers Grab hinaus
nur Gutes gew¸nscht:
Hier ruhet Ahlke, Ahlke Pott,
bewahr se lewe Herre Gott,
as ick die woll bewahren,
wenn du werst Ahlke, Ahlke Pott,
und ich wir lewe Herre Gott.
Diese Probe ¸ber den Humor in Kirchen
m–ge gen¸gen, um allen den Anreiz zu
geben, selbst nach solchen k–stlichen Dar-
stellungen zu suchen, um an ihnen die Ver-
gangenheit zu erkennen und um ein lusti-
ges Lachen mit hinauszunehmen in den
arbeitsreichen Alltag.           B. Heher
Vor und nach der Hochzeit                         Fotos: Archiv
der l"chelnden Nachwelt erhaltengeblieben
sind.
Aus einigen norddeutschen Kirchen soll eine
Probe von diesem manchmal recht derben
Humor gegeben werden und damit sicher
manchem jungen Menschen die Anregung,
auch seinerseits bei Wanderfahrten und Be-
sichtigungen auf derartige Sp"þe zu achten.
Da sei zuerst des lustigsten und bekanntesten
aller Schalke, dessen Schelmenstreiche allen
Kindern frohe Stunden bereitet haben, ge-
dacht. In der h¸bschen Backsteinkirche zu
M–lln hat der K–nig aller Narren, Till Eulen-
spiegel, seine letzte Ruhest"tte gefunden,
und noch heute, 600 Jahre sp"ter, ist sein
Grabstein dort zu sehen, und ein erl"utern-
der Vers gibt Kunde von dem Ruheplatz
des lustigen Possenreiþers. Er lautet:
Till Eulenspiegel lebte zu M–lln, in welcher
Stadt
vor rund sechshundert Jahren man ihn be-
graben hat.
Und in der alten Kirche, da sieht man noch
den Stein,
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