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The History Collection

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Aufwärts
Jahrgang 2, Nr. 11 (May 21, 1949)

H. T.
Berlin aus Bonn,   p. 3


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Zwei St"dte standen in den letzten Tagen im Mittelpunkt des Geschehens, Berlin
durch
die Aufhebung der Blockade und Bonn durch die Schaffung des deutschen Grundgesetzes
und
seine Wahl als vorl"ufige Bundeshauptstadt. Die Freigabe der Wege nach Berlin
ist wohl
das Ereignis, das die Menschen in ganz Deutschland und auch in den anderen
L"ndern
am freudigsten bewegte. Viele Meldungen in den letzten Wochen deuteten daiauf
hin, daþ
sich die vier Groþm"chte in der Berliner Fiage einigen wollten. Die
V–lker nahmen diese
Meldungen mit wenig Hoffnung auf, da sie in den letzten Monaten sehr oft
entt"uscht
wurden. Um so ¸berraschender kam die Verst"ndigung innerhalb kurzer
Frist und f¸hrte
zur Aufhebung aller Verkehrshindernisse, die in den letzten Jahren k¸nstlich
geschaffen
wurden. Wir wollen nicht zur¸ckbl"ttern in dem, was geschah, und wollen
auch im Augen-
blick nicht die tieferen Ursachen des Vergangenen beleuchten. Auch wir wollen
uns wie
Millionen andere Menschen an der Tatsache treuen, daþ in den Verhandlungen
zwischen
Ost und West endlich ein sichtbarer Fortschritt erzielt wurde. Wir wissen,
es ist erst ein
Anfang, und wir wollen unsere Erwartungen nicht ¸berspannen. Doch soll
die Tatsache, daþ
man sich zusammensetzte und innerhalb kurzer Frist eine vorl"ufige Einigung
erzielte,
unsere Hoffnung beleben. M–ge die weitere Entwicklung unter den gleichen
g¸nstigen Vor-
zeichen vor sich gehen, wie es bisher der Fall war, und es zu einer weitgehenden
Ver-
st"ndigung ¸ber die bestehenden Gegens"tze kommen.
Neben Berlin war die kleine Stadt Bonn in die Ereignisse des Tages einbezogen.
Hier
tagte seit dem September 1948 der Parlamentarische Rat, der das deutsche
Grundgesetz
schaffen sollte. Nach langen Beratungen, die oft zu schweren Krisen f¸hrten,
kam es zu
einer Verst"ndigung zwischen den groþen Parteien. Beide muþten
von ihren Grunds"tzen
abgehen, um die Verst"ndigung m–glich zu machen. Die Alliierten haben
auch keine Ein-
w"nde gegen das Grundgesetz mehr, und es bedarf nur noch der Annahme durch
die Land-
tage, um es in Kraft
zu setzen. F¸r jeden
Deutschen  innerhalb
der Westzonen hat
das in Bonn geschaf-
fene Grundgesetz ent-
scheidende Bedeutung.
Im Grundgesetz sind
die Rechte und Frei-
heiten wie auch die
Pflichten des einzelnen
verankert. Vor allem
die Jugend sollte wis-
sen, was in Bonn ge-
schaffen wurde. Die
ungen Menschen sind
berufen,  das  neue
Deutschland mit ihrem
Leben und Wollen
auszuf¸llen. Es gen¸gt
nicht, laufend seiner
Unzufriedenheit Aus-
druck zu geben, man
muþ auch die staats-
b¸rgerlichen  Grund-
begriffe kennen. Da
w"re es gut und not-
wendig, wenn in vie-
len Diskussionen in-
nerhalb der Jugend
diese Begriffe gekl"rt
w¸rden.
Zu dem Grundgesetz
MATTHIAS FICHER
.Als Einundzwanzigj"hriger kam ich 1907 zur Ge-
werkschaftsbewegung und bin ihr seitdem treu
geblieben." Das war die Antwort auf unsere Frage,
die wir an den stellvertretenden Bundesvor-
sitzenden, Kollegen Matthias Fotlher, richteten, wie
lange er schon in der Gewerkschaftsbewegung sei.
Er ist ein, rheinischer Junge; am 27. November
1886 in K–ln geboren, kam er 1900 als Maschinen-
und Werkzeugschlosserlehrling zur Reichsbahn-
hauptwerkst"tte K–ln-Deutzer Feld. Damals erhielt
er erste Einblicke in die sozialen Fragen der schaf-
fenden Menschen. Seiner Erziehung entsprechend
trat er 1907 dem christlichen Metallarbeiterver-
band Deutschlands bei. Drei Jahre sp"ter wurde
er bereits f¸r die Aufgaben der Gewerkschafts-
bewegung freigestellt. Als Geschaftsf¸hrer war er
in Gevelsberg i. Westf., Hamm und Neuwied
tatig.
Der erste Weltkrieg brachte eine Unterbrechung.
1918 finden wir ihn wieder in der Redaktion der
Verbandszeitung und wenig sp"ter im sozialpoli-
tischen Referat des Gesamtverbandes. 1928 wurde
Kollege  F–cher   zum    Reichsjugendamt'  des
Deutshen Metallarbeiterverbandes gew"hlt und
gab hier die Jugendzeitschrift: äDer Hammer' her-
aus. Die Aufl–sung der Gewerkschaften durch die
Nationalsozialisten 1933 setzte seiner Arbeit ein
vorl"ufiges Ende.
Er hat sich nicht gleichschalten lassen. In der ver-
schiedenartigsten Weise versuchte er sich und
seiner Familie w"hrend dieser Zeit eine Existenz-
grundlage zu erhalten.
Der Zusammenbruch sah ihn gleich wieder in vor-
derster Linie beim Aufbau einer neuen Gewerk-
sshaftsbewegung. Aus eigener Erkenntnis erstrebte
er leidenschaftlich die Einheitsgewerksdsaft fur
alle Schaffenden. Beim Bezirk Duisburg wurde er
Gesch"ftsf¸hrer der Industriegewerkschaft ÷ffent-
liche Dienste, Transport und Verkehr f¸r die An-
gestellten- und Beamtengruppen.
Der Gr¸ndungskongreþ des Deutschen Gewerk-
schaftsbundes f¸r die britisdshe Zone w"hlte am
24. April 1947 Kollegen F–cher zum stellvertre-
tenden Vorsitzenden des Deutschen Gewerksshafts-
bundes.
In dieser Eigenschaft ist er f¸r unsere Arbeit ein
wichtiger Kollege, unterstehen ihm dodh im Bun-
desvorstand die Referate: Frauen, Jugend, Sdhu-
lung und Bildung. Er hat bisher gezeigt, daþ er
im Herzen jung geblieben ist, jung genug, um die
Sorgen und N–te der Jugend zu verstehen und,
wenn es nottut, auch tatkr"ftig einzugreifen. Sein
Hauptanliegen ist und bleibt die Einheit der Ge-
werkschaftsbewegung, Wahrung der Neutralit"t in
parteipolitischer und konfessioneller Hinsicht, da-
mit die Moglichkeit, in Toleranz allen arbeitenden
deutschen Menschen ihre gewerkschaftliche Hei-
mat zu erhalten.
gab uns der Parlamentarische Rat auch eine
neue Bundeshauptstadt. Mit einer
knappen Mehrheit entschloþ man sich f¸r
Bonn. Zwar versuchen Teile der Minderheit,
diesen Beschluþ umzustoþen und doch Frank-
furt als Sitz zu w"hlen; doch man sollte sich
an parlamentarische Regeln halten und ge-
faþte Beschl¸sse durchf¸hren. Damit nehmen
wir keine Stellung f¸r Bonn gegen Frank-
furt oder umgekehrt, aber es w"re ein
schlechter demokratischer Anschauungsunter-
richt, wenn man Mehrheitsbeschl¸sse durch
allerlei Machenschaften hinter den Kulissen
aufheben wollte. Die Stadt Bonn kann ihren
Sitz als Bundeshauptstadt nur in Stellver-
tretung aus¸ben, denn Deutschland hat nur
eine Hauptstadt, und die heiþt B e r t i n. H. T.
Foto: DGB Ahrweiler
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