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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

IX. Das Ideal,   pp. 71-74 PDF (1.7 MB)


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um sich eines groflen leuchtenden Ziels bew'ugt zu wer-
den, dann besteht die Gefahr, dag sein Widerstand im
Daseinskampf erlahmt, und daf er in den Alltagsnoten
untergeht. In diesem Sinne lebt der Mensch nicht von
Brot allein. Wer nicht einen hohen Sinn in seinem
eigenen Leben und in dem Leben jedes einzelnen Men-
schen zu erkennen vermag, der endet im Stumpfsinn,
und Stumpfsiinn, Apathie und Zynismus sind heute am
allerwenigsten brauchbar, wo wir vor der gr61iten Auf-
gabe unserer Geschichte stehen, uns aus Schutt und
Triummern ein neues deutsches Leben iaufzubauen.
Hier ist der Punkt, wo es gilt, mit ganzer Kraft den
Hebel einer grogen geistigen Bewegung anzusetzen, um
uns allesamt wieder emporzuheben auf eine geistig-
moralische Hohe, von der aus wir eine {)bersicht haben
uiber Vergangenheit und Gegenwart und Ausschau halten
kionnen nach einem Sinn, der unser aller Leben wieder
lebenswert macht.
Es gilt, Ideale wieder aufzurichten. Es gilt, einen
neuen deutschen Humanismus zu begriinden, gerade in
einer Zeit wie der unseren, wo das Leben jedes einzelnen
von uns, wo das Leben der Gesamtheit unseres Volkes
von zersetzenden und auflosenden Tendenzen bedroht
ist nach wie vor. Ein solcher neuer deutscher realisti-
scher Humanismus ist keineswegs eine Erfind-ung von
romantischen Dichterlingen oder weltfremden Stuben-
gelehrten, ein solcher neuer deutscher Humanismus ist
mit die realistische Voraussetzung dafiur, daf3 unser Volk
die furchtbaren Folgen der Vergangenheit ilberwindet
und endlich zu sich selber kommt.
Ein neuer deutscher Humanuismus zieht aus der Ge-
schichte die Lehre, indem er Bescheid weifg, dal in der
Vergangenheit in erster Linie unsere geisitigen und kultu-
rellen Werte es waren, die uns die Hochachtung und Liebe
in der ganzen Welt eintrugen, und dal darum wir auch
heute geistige und kulturelle Leistungen erzielen muissen,
um uns wieder das Ansehen der Welt und die Gleich-
berechtigung unter allen Volkern zu erringen. Dal solch
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