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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

V. Es geht um Deutschland,   pp. 50-54 PDF (1.8 MB)


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deutsche Politik auszuiiben, dazu bedarf es der Klirung
der Begriffe, dazu bedarf es eines Gesprachs der Besten,
dazu bedarf es nationaler Selbstkritik und Selbstverstan-
digung. Nur aus solch einer nationalen Selbstkritik und
Selbstverstandigung heraus kann sich eine selbstandige
deutsche Politik entwickeln, die, in einer deutschen Ein-
heit, das wahre Interesse des gesamten Volkes vertritt.
Der Lbsung dieses Problems als dem Lebensproblern
unseres Volkes auszuweichen, sind auch diejenigen be-
flissen, die es sich vor allem angelegen sein lassen, die
Besatzungsmachte zu kritisieren. Es war schon immer so,
wir Deutsche verstanden es seit jeher ausgezeichnet, die
Splitter in den Augen der anderen Volker zu entdecken,
nur um den Balken in unseren eigenen Augen zu iiber-
sehen. Wenn es sich zum Beispiel urn die Freiheit des
indischen Volkes handelte, so taten wir und gaben wir
an, als waren wir das freiheitlichste Volk der Welt. Es
geht aber fur uns Deutsche um Deutschland und urn die
Freilheit des deutschen Volkes. Diese wunschen wir zu
erringen, und dazu gilt es, der eigenen Unzulanglichkeit,
den eigenen Fehlern, der eigenen Niedertracht ins Auge
zu sehen und seinen Blick nicht davon ablenken zu lassen,
dal man heuchlerisch nach den Unzulanglichkeiten und
Fehlern der anderen Volker Ausschau hhlt. Diese Fehler
und Unzulinglichkeiten der anderen, sofern sie vorhanden
sind, helfen uns rein gar nichts. Sie sind nur geeignet
dazu, wenn wir uns mit ihnen befassen, uns die ge-
wiinschte Ausrede zu liefern, unsere eigene Niederlage zu
beschonigen und unsere Fehler und Unzulanglichkeiten
nicht abzustellen.
Was an den Beslatzungsmachten tadelnswert ist, das
soll den Kritikern jener Volker iiberlassen bleiben, die
fur die Bewahrung des Weltfriedens eine so grofle Ver-
anrwortung vor der Weltgeschichte auf sich genommen
haben, und wir k6nnen mit Befriedigung feststellen, dag
in der Presse und in den Parlamenten jener V6lker eine
offene und riickhaltlose Kritik geubt wird an den
Fehlern, die uns gegenuiber die Besatzungsmaichte be-


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