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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

II. Flucht und Verdrängung,   pp. 12-34 PDF (889.9 KB)


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schichtlichen Entwicklungszustandes. Die Unabhangig-
keit einer Ideologie beginnt damit, daB sie sich ihrer
Abhaingigkeit vom gesellschaftlichen Bewegungsgesetz be-
wuft wird. Alle, die in Unkenntnis oder in Mi1achtung
dieses gesell.schaftlichen Bewegungsgesetzes dachten oder
handelten, muf~ten zwangsliufig das Gesetz der Freiheit
des Denkens und Handelns verlieren und wurden, als
Opfer ihrer Unkenntnis, zu jenen, von denen Goethe
sagt: ,,Niemand ilst mehr Sklave als der, der.sich frei
fiuhlt, ohne es zu sein."
Man soll sich, wenn wir diese Lehren kritisieren, nicht
darauf berufen, dag sie gerade auch in Frankreich wei-
teste Verbreitung gefunden haben. Das franzosischeVolk
ist auf Grund einer langjdhrilgen demokratischen Er-
ziehung wohl imstande, derartige Lehren zu vertragen
und zu uiberwinden. Erinnern wir uns auch daran, da13
weder Gobineau mit iseiner sogenannten rassenwissen-
schaftlichen Erkenntnis, noch Houston Chamberlain mit
seinen ,,Grundlagen des 20. Jahrhunderts", daf weder
Madison Grant mit seinem ,,Untergang der Rasse", noch
Lothrop Stoddart mit seiner ,,Drohung des Unter-
menschen" in ihren eigenen Landern in einem annahern-
den Mafge die verheerende Wirkung ausiiben konnten,
wie es durch die lbernahme ihrer Gedanken in Deutsch-
land geschah. In demlabilen Zustand der Anfalligkeit
aber, in dem wir Deutschen uns seit Jahrzehnten be-
finden, kann auch die philosophische Modekrankheit des
Existentialismus nur Schaden stiften und uns ablenken
davon, daf3 es kein anderes Selbst- und Welterkennen
gibt als im tatigen Leben, wie es Goethe genannt hat,
und daf nur derjenige sich eine Weltanschauung erringen
kann, der die Welt anischaut im Goetheschen Sinne, das
heift wirkend und handelnd.
Vergessen wir aber auch dies nicht, dag auf Schopen-
hauer seinerzeit Nietzsche gefolgt ist, und daf in
Nietzsche das tragische Element umgeschlagen ist in
ein ,,Jenseits von Gut und Bose" und in den ,,Willen
zur Macht", und dat Spenglers ,,Untergang des Abend-
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