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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

II. Flucht und Verdrängung,   pp. 12-34 PDF (889.9 KB)


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tigen Aufschwung geben, wenn wiir die Worte Rilkes uns
einpragen:
Grog ist der Tod.
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
Wagt er zu weinen
Mitten in uns.
Etwas ganz anderes aber ist es, wenn ein Kokettieren
mit der Tragik dazu dient, das Unertragliche fortbe-
stehen zu lassen und wenn, mit der Berufung auf die
Lebenstragik, dieses Unertragliche als das dem Weltzu-
stand Immanente und das dem Grundzug des Menschen
Gemii1e romantisch verklart wird. Es ist auch nicht so,
wie man schreibt, daf der Mensch unseres Jahrhunderts
in seiner ganzen Nichtigkeit und Bruchigkeit sich offen-
bart habe. Welcher Art ist der Mensch, von dem hier die
Rede ist? Mittels der unernsten und spielerischen Ab-
straktion ,,der Mensch" wird der Mensch unseres Jahr-
hunderts unterschlagen und zum Verschwinden gebracht,
der in seiner ganzen Ungebrochenheit, Standhaftigkeit
und Gestalthaftigkeit sich bewahrt hat. Wenn man schon
die Grundfragen des Menschseins aufriuhrt, so darf man
nicht seine eigene prekare Lage oder die einer gewissen
Menschenart eigentiimliche Haltlosigkeit zu einem
allgemeingiiltigen Gesetz erheben. Derartige Aussagen
geben lediglich Aufschlug uiber den geistigen Zustand des
Verfassers und derjenigen, mit deren Zustimmung er sie
macht, sagen aber - in ihrem Charakter als Beichte -
nichts aus von dem, was als allgemeingiiltig und end-
gUltig zu bewerten ist. Wenn es heint: ,,Hineingestogen
in eine fremde Welt, von sich bekampfenden Machten
hin- und hergetrieben, zwischen zwei Ewigkeiten, so
steht der Mensch auf schwindelndem Boden, unwissend,
woher er kommt und wohin er geht" - so ware darauf
zu erwidern, dag in der m6glichsten lberwindung der
Selbstentfremdung und iin der Aneignung der Welt die
eigentliche menschliche Aufgabe besteht, in der Verwand-
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