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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

II. Flucht und Verdrängung,   pp. 12-34 PDF (889.9 KB)


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des Kulturbundes im Rundfunkhaus einer der Redner da-
von sprach, unsere Aufgabe bestehe darin, nur vor-
warts zu blicken und die Vergangenheit vergangen sein
zu lassen und sich nicht mrehr umr sie zu bekummern, denn
wer zuriickblicke, musse wie bei Sodom und Gomorra
zur Salzsaule erstarren. Das war schon gewissermafien
das Stichwort fur alle diejenigen, die wohl aus gutem
Grund sich scheuten, in das Vergangene zuriickzuschauen,
und die bestrebt waren, mit der geschichtlichen Ver-
gangenheit auch ihre eigene wenig riihmliche Vergangen-
heit auszul6oschen. Der Vergangenheit aber, so schmerz-
lich das auch sein mag, nicht ins Gesicht zu blicken, ist
das sicherste Mittel, nichts aus der Vergangenheit zu
lernen, sie fortzusetzen in der oder jener Form und sie
in ihren ublen Folgen weiter zu konservieren. Wer sich
auf diese Weise dem Vergangenen zu entziehen versucht,
mug notwendigerweise die vielen miflichen Verhaltnisse
von heute nicht als eine Folge des Vergangenen betrach-
ten, sondern sie denen zur Last legen, die unter den
schwierigsten Umstanden diese Folgen beseitigen wollen.
Es gibt aber keine folgenlose Welt. Das Gesetz von Ur-
sache und Wirkung ist nicht aufzuheben. Die Kausalitait
bleibt bestehen, m6gen wir sie auch leugnen oder uns uiber
sie hinwegtraiumen. Npr wer dem Leid des Vergangenen
sich aussetzt, nur wer dieses allgegenwartige Gefuhl des
Leids voll und ganz in isich auswirken lMft, und nur wer
im Zusammenhang zu denken vermag, wird in der Lage
scin, die Vergangenheit im Gegenwartigen zu erkennen
und sich schrittweise von ihr abzulosen und sie zu uber-
winden. Nur aus dem Wissen um das Vergangene, nur
im Vollbesitze des Gedachtnisses regt sich das, was wir
das Gewissen eines Menschen, das Gewissen einer Nation
nennen.
Somit mussen wir gestehen, daf3 unser Programm der
Selbstbesinnung und der prinzipiellen Umkehr noch lange
nicht zum Aligemeingut unseres Volkes geworden und
dag es bisher nur der Einzelbesitz verhaltnismaIfig weni-
ger Menschen geblieben ist.
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