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Becher, Johannes Robert, 1891-1958. / Wir, Volk der Deutschen; Rede auf der 1. Bundeskonferenz des Kulturbundes zur Demokratischen Erneuerung Deutschlands (21 Mai 1947)
(1947)

II. Flucht und Verdrängung,   pp. 12-34 PDF (889.9 KB)


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macht oder bagatellisiert, wahrend gleichzeitig jede Art
von konsequentem Antifaschismus, ebenfalls nach beriich-
tigtem Goebbels-Rezept, Idiskreditiert wird. Wir erleben,
nicht ohne uns selbst fur sie zu schamen, wie begabte
Publizisten, die ihre Verdienste haben konnen, albern und
dumm werden, wenn sie, die den Klassenkampf leugnen,
dem Klassenhag zum Opfer fallen und mit einem wiuten-
den Protest auch gegen die bescheidensten und selbstver-
stindlichsten Magnahmen angehen, die an irgendein ver-
morschtes Privileg zu riihren wagen.
Wahren.d der Scheiterhaufen der Bicherverbrennungen
des Jahres 1933 gedacht wird und wahrend ehrend die
Toten genannt werden, die im Kampf gegen die Hitler-
schmach.gefallen sind, werden schon wieder Holzscheite
zu neuen Scheiterkaufen zusammengetragen, und eine
neue Pogromhetze wird gestartet gegen alle, die unbeug-
beugsamen Geistes sind.
Nicht allzusehr Grundsatzliches hat sich geandert in
den Beziehungen der Menschen zueinander: wer sich ins-
besondere mit dem Problem der Fluchtlinge beschaftigt
hat oder mit dem harten Los unserer Kriegsgefangencn
und der Heimkehrer, der wird mit mir darin uberein-
stimmen, daf der Deutsche nach wie vor der schlimmste
Feind des Deutschen ist, und oft auch erscheint uns die
Bemerkung mehr als zutreffend, daf3 ein neuer Typ des
Biirokraten sich entwickle: der Beamte als surrealisti-
scher Verwalter des Nichts.
Die ,,heilige Nichternheit", wie sie Friedrich H6lderlin
in prophetischer Voraus-sicht von uns Deutschen gefordert
hat, ist keineswegs die bestimmende Richtung in unserem
Denken geworden, eine verwirrende Fuille irrationaler,
mystischer, pseudo-religioser Vorstellungen trubt und ver-
dunkelt den Blick.
Ein gewaltiger Verdrangungsprozeg hat eingesetzt, der
alles das aus dem Bewufitsein verdrangt, was einen mit-
verantwortlich machen konnte an der Blutschuld der ver-
gangenen Jahre. Es ist jene Lage entstanden, wie sie
schon Goethe beschrieben hat: ,,Es gibt Lagen, in denen
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