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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Fritz von Unruh,   pp. 162-165 PDF (522.7 KB)


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So stehn sie steinerner als Pharaonen
Wie Gotzen da, nur wert, daB sie ein Sturm
Aus ihren Fundamenten wirft.
Schutzt sich die Welt mit Zaun und Grenzen auch
Vor dieser Kraft, die blut'ge Lungen schafft,
Ich muB zu ihr und reile alles ein,
Was wider mich. Und kdm dabei ans Licht,
Was Unrecht hinter kalten Mauern schon
Beim SternenblaB und Hahnenschrei verubt-,
Mich schreckt es nicht, wurd' es so hilfilos, nackt
Wie feuchtes Grabgewdrm, das Deckung sucht,
Wenn man den glatten Marmor abgeruckt. -
Mutter:
Erahnend, nicht begreifend, was du willst-,
Fuhl' ich in dem, der Knospen Schalen gab
Und Weltenkeime im Gesetz vollendet,
DaB es verderblich ist, das zu versuchen,
Was hochste Weisheit unserm Blick verhullt.
Was wir von lhrem Licht erfassen konnen,
Ist nicht vie] mehr als Blitzgeleucht bei Nachtl
Altester Sohn:
Seh' ich im Samen aber schon die Blute,
Soll ich von Knoten bis zu Knoten warten?
Des Wachstums Zeiten will ich so beherrschen,
DaB ich dem Winterzweig, wie 's. Inder tun,
Aus grunem Mark die Bldtterflut erzwinge.
Und ist die Kraftfaust wirklich gottverschlossen-
Ich bieg' sie auf, bis sich in flacher Hand
Die Linien aller Rdtsel vor mir losen!
Tochter:
Und auch vor mir, daB ich den dunklen Sinn,
Der mir bei jedem neuen Mond das Blut
Aus diesem Korper jagt, begreifel
Mutter:
Wir Mutter kennen diese harten Stunden;
Wenn wir schon leise Wechselrede halten
Mit dem, was stetig, schweigsam in uns wdchst
Ersehnen wir die Wartezeit zu kurzen.
Wir schauen nach der Sonne, nach den Bdumen,
Doch unerbittlich bleibt vor jedem Wunsch
Die Wirklichkeit und zwingt zum Weiterschreiten;
Bis uns ein holdes Schwellen unserer Glieder
Zum Himmel hebend, ganz mit dem erfullt,
Was ewig durch die Brust der Schopfung stromt:
Wir lernen Wonnen der Geduld verstehn.
Sie wirken seltsam rein, und wie wir reifen,
Wdchst unser Kind zu der Geburt heran.
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