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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Kantorowicz, Alfred
Am 10. Mai 1933...,   pp. 6-[10] ff. PDF (349.5 KB)


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Nichtswfirdigen begangen, an den Pranger stellten: vor der Welt6ffentlich-
keit, aber auch vor dem eigenen Volk.
In ihrem Lager war das Deutschland, das Kredit in der Welt genoB3, und
sie haben diesen Kredit erhalten und vermehrt durch die Bedeutung der
Werke, die sie in den Jahren des Exils schufen. Unser grol3er, verehrungs-
wurdiger Freund und Meister Romain Rolland schrieb mir einst: ,,Alles von
jenem Deutschland, das wir lieben und verehren, ist in Eurem Lager. Bei
Euch sind Goethe und Beethoven; bei Euch sind Lessing und Marx. Sie sind
mit Euch in dem Kampf, den Ihr ftihrt. Ich zweifle nicht an Eurem Sieg!
Habt Vertrauen! Die Zukunft wird sich an Euer Beispiel erinnern und sie
wird es ehren."
Dieses Lager umfai3t die auf~ere wie die Innere Emigration, alle deutschen
Schriftsteller, wo immer sie sich auch befanden, die sich den MaBstaben,
die
das Goebbels'sche Propagandaministerium  setzte, nicht gleichgeschaltet
haben; all jene, die um der Gedankenfreiheit und um der Wurde der Literatur
willen ins Exil oder in Deutschland in die Katakomben gingen.
Die Grenzen zwischen der inneren und aul3eren Widerstandsbewegung der
deutschen Schriftsteller sind in Einzelfallen verwischt. Ludwig Renn zum
Beispiel war im Deutschland Hitlers jahrelang im Zuchthaus, bevor er vom
Ausland her den gleichen Kampf fur die freie Literatur, fUr die Freiheit
schlechthin, fortsetzte. Der junge Schriftsteller Jan Petersen war jahrelang
Vertrauensmanri einer in Deutschland illegal arbeitenden Gruppe von Schrift-
stellern, bevor er mit einer Botschaft dieser Gruppe im Sommer 1935 auf
dem Internationalen Schriftsteller-KongreB zu Paris erschien. GUnther
Weisenborn verbrachte einen Tell des Jahres 1937 in den Vereinigten Staaten,
im Zwiespalt, ob er offiziell emigrieren, oder in die innere Emigration nach
Deutschland zuruckkehren solle. Er entschied sich daftr, zuruckzukehren
und den Kampf im Lande fortzusetzen. Johannes Wusten ging 1934 ins
Exil und endete nach der Besetzung Frankreichs in einem deutschen Zucht-
haus. Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Dichter Emil Alphonse Rhein-
hardt. Doch sind dies Ausnahmen. Im allgemeinen waren innere und auBere
Emigration durch eiserne Barrieren voneinander getrennt, so sehr sie auch
im Geiste miteinander verbunden blieben. Die Erlebnis-Inhalte der beiden
Gruppen, auch ihre Ausdrucks- und Wirkungsmoglichkeiten waren vonein-
ander verschieden. Die Not des Exils - diese entsetzliche, hierzulande noch
nahezu vollig unbekannte materielle und moralische Not - hat die draul3en
niemals iibersehen machen, daZ die Not derer, die hier im Lande blieben,
ohne sich durch Kompromisse mit den Widergeistigen zu beflecken,.vielleicht
noch grausiger und noch tragischer war. Denen, die hierzulande geistig und
personlich unkorrumpiert uiberlebt haben, gebuhrt das erste Wort. Ihre
Legitimation ist unbestreitbar. Ihre personlichen Erfahrungen und Erkennt-
nisse der inneren Entwicklung Deutschlands sind fUr die, die nun aus der
auf3eren Emigration zurflckkehren und ihren Platz an der Seite ihrer iuber-
lebenden deutschen Geistesbruder wieder einnehmen wollen, unschatzbar.
Andererseits haben sich durch rein materielle Bedingtheiten,, zum Beispiel
dadurch, daB man in Deutschland die im Ausland erschienenen BEcher, so
sie von einigem Wert waren, nicht mehr erhalten konnte, die im Lande ver-
bliebenen Schriftsteller nicht uber die geistigen und literarischen Entwick-
lungen der Umwelt auf dem Laufenden halten konnen. Hier wiederum sind
die Erfahrungen derer, die von drauBen kommen, von Wichtigkeit. Die
beiden Perspektiven - das meint qie Perspektiven derer, die sich hier in
Katakomben ihre Integritdt gewahrt haben, und die Perspektiven derer, die


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