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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Die Russen,   pp. 97-105 PDF (2.3 MB)


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Nachdenken uiber RuBland abgeschlossen. Wer -och nicht
fertig ist mit dem, was hinter dem eisernen Vorhdaig vor sich
gehen mag, der weil3, dal dort viel Schreckliches geschieht.
Wir horen in Gelsprachen Einzelheiten, die man fast nicht
zu Papier bringen kann. Unvorstellbar grausig mu1 es eben
in diesen Tagen in der Stadt Koinigsberg zugehen. Es geht
die Rede, es hatten dort nur noch die Ratten genug zu essen,
die in den Kellern sich an den Hungerleichen sattigen. Fast
untragbar ist das Fehlen von Nachrichten uiber Kriegsgefan.
gene und Vermil3te und das anhaltende Verschwinden von
Menschen, niemand weiB wohin. Das scheint festzustehen,
daB der Vorhang darum so dicht ist, weil er Schlimmes ver-
bergen mul. Was die Menschen vor allem mit Angst und
Grauen erfiillt, ist das Wissen darum, daB in den Augen der
Russen ein Menschenleben nichts gilt, nicht nur das der ande-
ren, sondern auch ihr eigenes.
Wem RuBland uiberhaupt noch eine Frage ist, der er-
z-ahlt aber nicht nur Schreckliches, sondern immer auch Gutes
uiber die Russen. Ein guter kirchlicher Kenner der Ostzone
sagt, Religionsfanatiker seien die heutigen Machthaber in
Rulfland freilich nicht. Sie scheinen -heute zur christlichen
Religion etwa so eingestellt zu sein wie einst unsere frei-
sinnigen Vorfahren, deren 48er Revolution unser christliches
Buirgertum nachstes Jahr feiern wird. Die Kirche konne, wenn
sie merken, daB3 man ihnen gegenuiber loyal sei, einigermaBen
korrekte Beziehungen zu ihnen unterhalten. Aber wenn sie
das geringste von Hinterh-iltigkeit spuirten, dann seien sie
besonders empfindlich, und die Reaktion sei dann auch dar-
nach.
Wer uberhaupt noch ein Spaltlein offen hat den Russen
gegenfiber, der macht zu ihren Gunsten geltend, daB sie be-
greiflicherweise natfirlich nicht anders konnen, als die deut-
sche Ostzone mit der russischen Westzone wirtschaftlich zu-
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