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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Berlin,   pp. 90-96 PDF (1.7 MB)


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was in der Schweiz der Lauf der offentlichen Dinge sei, da
fiel mein erster Blick auf einen Abstimmungsaufruf. Die
Stimmbuirger der Stadt Bern haben am nachsten Sonntag zu
entscheiden uiber den Bau einer Festhuitte. Ein Millionenbau.
Es soll die grol3te Festhalle der Stadt werden. Die gr6l3te -!
Berlin besaB einst das grol3te Stadion der Welt -.
Wir sprachen auch in Dahlem, in der Gemeinde Nie-
m6llers. Er selber ist noch unterwegs von einer Reise nach
Amerika. Da steht im Grunen die Kirche, in welcher wahrend
der schwersten Kampfzeit die taglichen Andachten gehalten
wurden, da jeden Freitag eine Schar im Abendmahl sich zu
neuem Kampf ausriisten liel. Wie klein ist doch dieser
<<historische Ort>>, wie auffillig klein! Ausgerechnet klein
-
in Berlin! Wenn in dieser Stadt etwas klein ist, dann mul3 es
schon eine besondere Bewandtnis damit haben. Sie sieht aus
wie eine bescheidene Dorfkirche. Uebrigens ist sie kriegs-
beschadigt. Erst in den letzten Wochen konnte endlich durch
amerikanische Gunst und Hilfe das notige Quantum Ziegel
erbracht werden, um wenigstens das Dach wieder zu decken.
Es sei ein Fest gewesen, als etwa dreillig Gemeindeglieder,
meistens altere Damen, in der Kette sich die Ziegel reichten.
Neben der Kirche steht ein Gemeindehaus, dessen groller
Saal etwa 400 Personen fallt. Das also sind nun die Men-
schen, die nicht uiberrannt werden konnten von jenem All-
gewaltigen, vor dem sich sonst so viele durchtrainierte Waden-
beine und all die von Weisheit schweren Kopfe beugten. So
also sehen sie aus, die Kampferscharen, deren Kraft die
Engel sind. Bleiche, von Alter und Entbehrung gebeugte, im
Geist aber und durch den Geist unbeugsame Menschen mit
vornehmen, auch noch in der Armut wuirdigen, mit feinen
Runzeln gezeichneten Gesichtern. Der Saal, in dem wir ver-
sammelt sind, fallt eigentlich durch nichts auf als durch
seine Unauffalligkeit und durch seinen Mangel an jeglicher
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