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L├╝thi, Walter, 1901- / Deutschland zwischen gestern und morgen: ein Reisebericht.
([1947])

Berlin,   pp. 90-96 PDF (1.7 MB)


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gekommen. Und wenn er sich gemeldet hatte, dann hatte
man ihn erschrocken in die Tiefe zuruickverbannt. Gerade als
Schweizer, die wir, obwohl auch ein Volk auf dieser gerichts.
reifen, grii3ebesessenen Welt, bis jetzt seltsamerweise dem
Gericht noch entgangen sind, tun wir gut, nicht zu laut von
Gericht zu reden. Aber hier in Berlin, in der Stadt, deren
Hauptmerkmal und Stolz es war, grol3 zu sein, konnte man
sich des Gedankens nur miihsam erwehren: Hier hat Gericht
gewaltet. Gericht freilich nicht nur uiber Berlin, Gericht uiber
Europa, Gericht uiber die grol3en und kleinen Majestaten und
Autoritaten auf den grol3en un d kleinen Lehrstiihlen, Ge-
richt uiber ibre gelehrigen, allzu gelehrigen grol~en und klei-
tien Schuiler, Gericht uiber dies Geschlecht, das sein will wie
Gott, wissend, was gut und bose ist. Gericht aber auch uiber
die grol3en Baume, die jetzt im Osten und im Westen in
den Himmel wachsen wollen, und die hier aus den Ruinen
eines gottlosen Turmbaues ihre eigene Zukunft vorausahnen
miil3ten, fur den Fall, daB3 sie nicht mit Blindheit geschlagen
waren. Gericht auch uiber ein V6lklein, das uns allen nur zu
gut bekannt ist.
Es gibt namlich in Berlin auch eine Schweizer-Kolonie.
Sie veranstaltete, nach guter Schweizer Art und Tradition,
am Samstag, dem 10. Mai, ein Schweizer Friihlingsfest, wie
es heil3t auf der Einlaldung, <<mit heimatlichen Weisen un!d
Tanz>>. Beginn 20 Uhr, Ende 6 Uhr morgens. Wir sind ein-
geladen, an diesem Schweizer Friihlingsfest mit heimatlichen
Weisen und Tanz bis morgens um 6 Uhr inmitten der Ruinen
und der schwarzen Hungersnot echt schweizerisch teilzuneb-
men und es mit einer geistlich-patriotischen An~sprache zu
verschonern. Es wurden 6-700 Landsleute erwartet. Wir
ziehen es aber vor, nicht hinzugehen. - Als ich mich nach
fiunfwochigem Unterbruch bei der Heimkehr in Basel nach
einer Schweizer Zeitung umsah und mich erkundigen wollte,
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